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Die Beidhändige Rückhand

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Die beidhändige Rückhand wird besonders in der Jugend gerne gespielt, weil in sehr jungen Jahren der Schläger besser zu kontrollieren ist. Die beidhändige Rückhand lässt sich leichter longline spielen, als die einhändige Topspinrückhand

Notschläge unter Druck können mit der Einhändigen besser praktiziert werden, weil man eine größere Reichweite hat. Dies gilt aber nicht für die moderne einhändige gepeitschte Topspinrückhand, bei der der Ball genauso seitlich nahe geschlagen wird, wie bei der Beidhändigen. Die größere Reichweite ist hier ein weitverbreiteter Mythos. Allerdings könnte für den Slice (als Notschlag und als taktisches Element) und für Stoppbälle der Übergang von der einhändigen Rückhand her leichter sein als bei der Beidhändigen. Dies hängt auch vom Typus der verwendeten Beidhändigen ab, siehe hierzu die Klassifikation von Spindoctor, weiter unten. Es gilt dies auch für den Volley.

Schwierigkeiten mit dem Slice hat aber auch der Spieler mit der einhändigen Topspinrückhand, wenn er diese mit extremem Griff spielt. Der Treffpunkt liegt dann wesentlich weiter in Flugrichtung vorne, als beim Slice. Das kann am Anfang Schwierigkeiten bereiten.

Dieses Problem erkennen selbst gute Trainer und Slice-Spezialisten nicht immer, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung sagen muss, nachdem ich endlich mal einen guten Slice bei einem solchen lernen wollte. (Siehe auch unseren Beitrag zur Wiper-Slice-Rückhand.). Das Trainerhonorar eines halben Jahres war zum Fenster rausgeschmissen. Auf den Zusammenhang bin ich dann später selbst mal gestoßen.

Nachteilig für die Beidhändige ist, dass bei diesem Schlag auf der Schulterachse keine Gegenbewegung aufgebaut werden kann, keine opposite-arm-action. Das heißt, dass generell der Rücken bei der Beidhändigen stärker belastet wird.

Eine höhere Schlagkraft der Beidhändigen scheint aber nicht der Hauptgrund für deren Einsatz zu sein, denn man liest bisweilen von Problemen mit zu schwacher beidhändiger Rückhand.

Der Vorteil dürften die steileren Winkel sein, die man mit der nahe am Körper gespielten Beidhändigen produzieren kann.

Eine Optimierung des Schlägergewichtes für die Vorhand wird durch die anders gelagerten Verhältnisse von Armmasse zu Schlägermasse bei der Beidhändigen erschwert. Auch ist vermutlich der Peitscheneffekt bei der beidhändigen Rückhand, wenn überhaupt vorhanden, schwächer ausgeprägt.

Die überwiegende Mehrheit der Spitzenspieler spielen die Beidhändige, statt der einhändigen Rückhand. Ob dies das Ergebnis einer positiven Vergleichsbilanz beider Schläge ist, oder nur, weil die die Beidhändige in früher Kindheit gelernt wurde und ein Umlernen im laufenden Turnierbetrieb beschwerlich ist, ist nicht entschieden. Wir wissen, dass Yushni diese Umstellung hinbekommen hat. Manche Spieler spielen nur den Slice einhändig.

Die Technik der beidhändigen Rückhand kennt im Detail unzählige Varianten. Siehe die Serie des Foristen „Spindoctor“ im Sport1 Blog hier…

Spindoctor hat sich sehr verdienstvoll die Mühe gemacht, wohl sämtliche Erscheinungsformen der Beidhändigen in ein Beschreibungssystem zu packen:

(Quelle Spindoctor)

I.Vier Varianten der beidhändigen Rückhand

1. 1 Gerade / Gerade

1. 2 Leichte Beugung / Leichte Beugung

1. 3 Gebeugt / Gerade

1. 4 Starke Beugung / Starke Beugung

II. Vorbereitung und Rückschwung

2. 1 Unit Turn

2. 2 Rückschwung

2. 3 Variationen & individuelle Ausprägungen

2. 4 Vollständige Drehung

III. Hand- und Armrotation

IV. Beinarbeit

4. 1 Neutraler, offener und geschlossener Stand

4. 2 Zusammenhänge zum Griff, der Armhaltung und der Torsorotation

4. 3 Welcher Stand wann?

4. 4 Tipps zum Erlernen des Stands

4. 5 Eingesprungene Rückhand

V. Vorwärtsschwung, Treffpunkt und Ausschwung

5. 1 Vorwärtsschwung

5. 2 Treffpunkt

5. 3 Schlussposition / Ausschwung

 Im Übrigen verweise ich auf die in der Quelle gezeigten Erläuterungen mit Bildern sowie Links zu den YouTube Clips. Eine klare Zuweisung der Vor- und Nachteile der Beidhändigen gegenüber der einhändigen Rückhand ist wegen der vielfältigen Erscheinungsformen nicht möglich (z.B. günstiger für hohe Treffpunkte), weil dies durch Änderungen z.B. der Griffhaltung wieder ausgeglichen werden kann. Insofern ist die Klassifizierung von Spindoctor weitgehend deskriptiv. Die von uns thematisierte Eignung, Peitscheneffekte zu nutzen, lässt sich anhand dieser Darstellung ohne Weiteres nicht überprüfen (siehe unseren Beitrag Zeigen die Jungstars neue Strokes? ) 

Ich wünschte mir, dass Spindoctor eine Tabelle der Konfigurationen erstellen möge, in der, nach Alter sortiert, die Verbreitung der Konfigurationen unter den Spitzenspielern und -Spielerinnen nachgehalten wird, um einen Trend zu erhalten.

Eine biomechanische Analyse über eine Betrachtung des Peitscheneffektes hinaus (die Armachse haben wir nur als black-box-Modell berücksichtigt) scheint kaum möglich. Dies ist schon bei der einarmigen Vor- und Rückhand extrem schwierig, siehe unseren Beitrag zur Pronation.

 

 

© Dr. Holger Hillmer

2 Kommentare

  1. In diesem Video https://www.youtube.com/watch?v=Ed3S-X1Xiv4 sieht man ab der 59 Sek. wie Djokovic den Schläger in einer Pronationsbewegegung führt, die derjenigen der „Vorhandpeitsche“ sehr ähnlich ist. Für mich sieht es in der Zeitlupe außerdem so aus, als ob beim Ballkontakt größere Kräfte als bei einer einhändig geschlagenen Rückhand auf den Ball übertragen werden. Möglicherweise wird durch den Einsatz von beiden Händen und deren bessere Kraftübertragung die geringere Schlägerkopfgeschwindigkeit kompensiert.

    Die Kraftübertragung scheint mir auch bei der Stabilität des Schlägers beim Ballkontakt eine Rolle zu spielen, denn mit zwei Händen könnte der gewünschte Schlagwinkel möglichweise besser gehalten werden, auch wenn der Ball nicht optimal in der Mitte des Schlagbettes getroffen wird. Insofern wäre die beidhändige Rückhand „fehlerverzeihender“ als die einhändige.

    • Hallo, Daniel, kann sein. Aber der Einfluss der Haltekraft auf die Ballbeschleunigung ist schwer einzuschätzen. Er ist nicht Null, wie vergleichende Messungen an starr eingespannten bzw. frei plazierten Schlägern zeigen.

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