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Wiper-Slice Rückhand

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Der Rückhand Slice orientiert sich in der Tennisliteratur bisher im Großen und Ganzen an der „klassischen“ Bewegungsausführung von Federer und Haas. Schaut man sich aber in seinem Club mal genauer um, entdeckt man, dass dieser wichtige Schlag durchaus unterschiedlich ausgeführt werden kann. Umso erstaunlicher ist es, dass nun auch jüngere Spitzenspieler das machen, was viele Clubspieler schon vorher für sich entdeckten, ich nenne es die Wiper-Slice Rückhand.

Federer schneidet den Ball wie mit einem Messer, mit kaum sichtbarer Torsion des Unterarmes. Ähnlich sieht auch der Rückhand Slice von Tommy Haas aus. Beide gelten als klassische Rückhandtechniker.

Aber, hier gezeigt, und gut sichtbar bei Djokovic (auf das Titelbild klicken!), wird der Slice, mit ausgeprägter Unterarmdrehung (Supination) gespielt. Mit Fug und Recht kann man von einer Wiper-Slice-Backhand sprechen (siehe den Clip bei 0.00 bis 0.06),l analog zur Scheibenwischer- bzw. Wiper Vorhand. Der Zusatz „Wiper“, als Scheibenwischerbewegung, ist für die Vorhand allgemein eingeführt. Unsere Verwendung für die Slice-Rückhand stellt somit keine willkürliche Wortbildung dar.

Ähnliches sah man auch schon in Filmclips von Kürten und Philipoussi, die ich hier aus Copyright-Gründen nicht zeigen kann. Das Beispiel Kürten hatte mich darauf gebracht, diesem Bewegungsattribut nachzuforschen (Supination bei der Slice-Rückhand; zur Supination, siehe unseren entsprechenden Beitrag ).
Die Wiper-Slice-Rückhand ist leicht zu erkennen: die Schlagfläche zeigt beim Ende der Ausholbewegung mit der Rückseite der Schlagfläche parallel zum Boden.

In der Literatur gibt es nirgends Hinweise auf die Bedeutung der Unterarmsupination für die Slice Rückhand!  Dazu kommt, dass selbst unsere Protagonisten (Djokovic) selbst in Lehrvideos diesen wiper-slice einfach ignorieren, siehe unseren Beitrag Mit Videos von den Großen lernen.

Für Rückhand-Top-Spin-Spieler ideal
Für mein eigenes Spiel bedeutet diese Rückhandausführung des Slice geradezu eine Offenbarung. Nach langjährigen frustierenden Trainingsbemühungen, auch mit einem hoch spielenden aber  älteren „Slice-Trainer“, sehe ich endlich Land. Es ist eine Schlagstilvariante, mit der ich mich sehr schnell vertraut machte.
Möglicherweise hängt das mit meiner einhändigen Topspinrückhand (mit recht extremem Griff ) zusammen. Hierdurch habe ich mich an einen Treffpunkt weit vor dem Körper gewöhnt. Der „Wiperslice“ rückt den Treffpunkt ebenfalls etwas noch vorne. Außerdem unterstützt er eine höhere Kopfgeschwindigkeit, analog zur gepeitschten Vorhand.

Rückhand Slice Djokovic
starke Pronation/Supination, wie im Clip unter dem Titelbild des Beitrags.
Rückhand Slice Unterweisung, der Trainer weiß vermutlich selber nicht genau, was er da macht.
   
Rückhand Slice Unterweisung Supination wird sichtbar Rückhand Slice Federer
fast ohne Pronation/Supination

 

Bewegungsmuster aus der  „Tennis-Antike“
An anderer Stelle habe ich mal darauf hingewiesen, dass die Analyse der Strokes dazu dienen soll, Trends herauszuarbeiten, im Sinne eines kulturellen Forschritts der Entwicklung der Tennistechnik. Allerdings ist, wenn man sehr weit zurückblickt, festzustellen, dass Elemente der modernen Tennistechnik bereits bei den frühmodernen Spielern zu beobachten sind. Meist sind das aber nur Elemente, seltener ganze Bewegungsabläufe für einen kompletten Stroke. Ähnlich, wie man einen alten Anzug nicht einfach 20 Jahre im Schrank hängen lassen kann, in der Hoffnung, dass die Mode mal wiederkommt – was nie passiert, weil sich irgend ein Detail prägnant vom wiederentdeckten Stil abhebt: Revers, Taschen, Knöpfe, Muster und vor allem Farbton – so ist es meist auch bei den Tennisschlägen. Auch früher gab es schon ausgeprägte Pronation und Supination des Unterarmes, aber die Kombination mit Körpereinsatz und Beinarbeit. Vor allem die Ausholbewegungen, meist untenrum, hatten dann doch völlig andere Schläge zur Folge. Und zwar mit massiven Auswirkungen auf Ballbeschleunigung und Spin.

Im Bezahlportal tennisplayer.com sind die Spieler der 30-er, 50-er 60-er und 70-er Jahre bereits seit über 10 Jahren dokumentiert. Heute bekommt man einige Clips auch auf YouTube zu sehen…

Siehe hier Ken Rosewell vs. Tony Roche
z.B. 0.01.7 – 0.003.7 Rosewell holt untenrum aus. Der Schläger zeigt zu Beginn parallel zum Boden wird dann aber in die Ausgangsstellung gebracht, von der aus auch Federer und Haas den Schnitt her holen. Die Ausschwungbewegung hat, bezogen auf die Unterarmtorsion, genau den entgegengesetzten Drehsinn wie im Beispiel Djokovic, oben, nämlich anfangs eine Supination mit dem Uhrzeigersinn und danach ohne nennenswerte Torsion. Mein Trainingspartner hat sich übrigens die Bewegung der modernen einhändigen Topspinrückhand abgeschaut abgeschaut, spielt aber einen Slice damit. Dies hat zur Folge, dass er mit dieser Bewegung nur einen Ball sehr flach annehmen kann, also meist hinten am Zaun. Für einen Angriffsspieler wie ihn ist das kontraproduktiv, muss also geändert werden.

 

Aus besagtem Tennisportal habe ich auf meinem alten HTC XDAIIi noch Clips gespeichert. Hier einige Notizen, wobei aber zu beachten ist, dass die Spieler sehr variabel geschlagen haben und das Filmmaterial sehr begrenzt ist. Leider kann ich aus urheberrechtlichen Gründen die Clips hier nicht bereitstellen, sondern ich muss auf das Portal tennisplayer.net von John Yandell verweisen.

Jack Kramer
Rückhand-Slice flach ausgeholt. Nicht sehr ausgeprägte Abwärtsbewegung des Schlägerkopfs beim Schlag.

Bill Tilden,
Rückhandslice sehr ähnlich Djokovic: obenrum ausgeholt, Schläger dann parallel zum Boden gestellt;
Vorhand recht modern, opposite-arm-action in Ansätzen vorhanden. Vorhand-Slice untenrum ausgeholt.

Rod Laver
Rückhand-Slice untenrum ausgeholt. Schläger wird aus halbhoher Position nach vorne gebracht. Jedenfalls deutliche und energische Vertikalkomponente der Flugbahn des Schlägerkopfes. Vorhand untenrum ausgeholt, aber trotzdem starke Aufwärtskomponente der Schlägerkopfbewegung. Moderner Aufschlag.

Don Budge
Rückhand-Slice: leicht obenrum bis flach-gerade ausgeholt, bringt Schlägerfläche extrem in die Parallelstellung (zum Boden) Vorhand gerade, eher untenrum ausgeholt. Kurzer Rückschwung. Sehr moderner Service

© Dr. Holger Hillmer

2 Kommentare

  1. Na ja, das ist leider nichts neues sehe bitte die ken rosewell slice.

    • Hallo, Konrad, danke für Deinen Hinweis. Ich habe versucht, ihn im letzten Absatz über die Klassiker aufzugreifen und werde das auch noch mal gelegentlich ausbauen.
      Wenn Du einen Link hättest, wäre das natürlich nützlich. Das Filmmaterial, was ich im Netz auf die Schnelle gefunden habe, ist recht unscharf. Glücklicherweise kann ich es mit SpeedUpTV bequem großziehen und Frame für Frame ablaufen lassen.
      Wie Du oben siehst, meine ich einen wesentlichen Unterschied zur wiper-slice-Rückhand festzustellen.
      Mit sportlichem Gruß
      Holger

      Ergänzung:
      Manchmal ist das „Neue“ an meinen Beiträgen nicht der Stroke an sich, sondern die biomechanische Erklärung oder das zu Tage Fördern verschütteter Erkenntnisse.
      Insofern würde es mich aus reiner Neugier schon interessieren (Link, Zitat einer Textstelle), wo in der Literatur oder im Netz die wiper-slice Rückhand in ähnlicher Weise beschrieben und erklärt wird.

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