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Wie kann man den Ballwurf verbessern?

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Ein immer wieder leidiges Thema beim Aufschlag ist der richtige Ballwurf. Wir haben in unserem alten Portal vor einigen Jahren auf die Untersuchungen von John Yandell verwiesen, der beobachtete, dass der Ball nicht exakt senkrecht geworfen wird. Das orientierte sich an slow-motion-Aufnahmen von Pete Sampras.
Andererseits werden die verschiedensten Techniken empfohlen, den Ball beim Hochwurf „richtig“ in der Hand zu halten, nämlich so, dass der Ball ohne Einfluss von unerwünschten „Querkräften“  senkrecht nach oben geworfen wird.
Wir legen hier drei Lösungen vor, den Hochwurf relativ unabhängig von der Timingfrage des richtigen Haltens und Loslassens des Balles überaus einfach zu optimieren. Interessant ist die Umstellung bei Djokovic, auf die wir weiter unten hinweisen.

Nach dieser Idee, den Ball beim Hochwurf nur auf die Fingerspitzen oder die Fingerwurzeln aufzulegen, verlässt er von alleine die Hand, wenn der Kreisbogen des gestreckten Wurfarmes etwas Schulterhöhe erreicht hat. Hier sind wir aber wieder einem Mythos auf der Spur, dem allerdings fast die ganze Tenniswelt aufsitzt. Es gibt besssere Möglichkeiten, wie wir zeigen.

Das oben genannte Bemühen führt nämlich zu großen Problemen, weil der Ball, meist aus Oberschenkelhöhe auf die Kreisbahn gezwungen wird. Er gehorcht dann der Fliehkraft und wird frühzeitig vom Handteller (Fingerspitzen, Fingerwurzeln usw.) weggeschleudert, wenn er nicht doch irgendwie festgehalten wird.

Dies hat zur Folge, dass der Ball im richtigen Moment freigegeben werden muss. Das Timing des Loslassens entscheidet dann über die Richtung des Ballwurfs. Eine sehr kritische Angelegenheit.

Welche Möglichkeiten gibt es, dieses grundsätzliche Problem zu entschärfen?

  1. Der Arm startet bereits aus einer fast waagerechten Position und endet nicht wesentlich darüber. Für einen ausreichenden Hochwurf reichen die Beschleunigungskräfte in der Regel aus. Der relevante Kreisbogen ist einer senkrechten Bewegungsbahn sehr ähnlich (Beispiel Djokovic).
  2. Der Kreisbogen des gestreckten Arms wird in Schulterhöhe „gerade gebogen“, indem die Schulter, an der der Arm angelenkt wird, sich nach vorne bewegt. Das setzt eine entsprechende Bewegung des Körpers während des Wurfs voraus. Beispiel Ivanovic und Dodig.
  3. Der Kreisbogen wird nicht nur durch die Schulterbewegung zu einer Senkrechten aufgebogen, sondern der Arm ist von Anfang an etwas im Ellbogengelenk gebeugt und streckt sich in der „kritischen Loslass-Phase, in der  der Ball von der Hand freigelassen wird. Es entsteht damit eine längere „Führungsstrecke“ von ca. 20 bis 30 Zentimetern, bei der das Timing des Loslassens nur noch über die Wurfhöhe, nicht aber über die Wurfrichtung entscheidet. Dieses Muster sieht man bei Gilles Simon, und extrem bei Andy Roddick und in schwacher Ausprägung bei einigen anderen Spitzenspielern, bei denen der Arm anfangs entspannt und ganz leicht gebeugt ist.

Bei Lösungen 2 und 3 entsteht einen Führungsstrecke, die dem Zeitpunkt des Loslassens eine größere Toleranz einräumt. So logisch Punkt3 aus kinematisch-physikalisch-technischer Sicht auch ist, weshalb sieht man diese Art des Ballwurfs so selten? Möglicherweise, weil Generationen von Trainern den Ballwurf in herkömmlicher Weise vermitteln. Wir denken, dass dies eines der Mythen der Trainingslehre sein könnte, die mindestens zu hinterfragen sind. Wer zielt ein Papierkügelchen in den Papierkorb mit völlig versteiftem Arm? Gelenkendstellungen gelten in der Biomechanik ohnehin als meist unerwünscht, weil die Regelungsmöglichkeiten hierbei reduziert sind.

Mein Trainingsfreund und ich haben es ausprobiert und erlebten dabei, dass nunmehr das Hochtragen des Balles und die Bewegung des ganzen Armes in die sogenannte Trophy-Position angstfreier möglich ist, wenn der Arm durch vorher leichtes Anwinkeln und spätere Streckung dem Ball in der entscheidenden Phase diese kleine Führungsstrecke ermöglicht. Dies gilt in ähnlicher Weise auch, wenn Lösung 2 umgesetzt wird.
Siehe auch unseren Beitrag, Wie komme ich zum Spitzenaufschlag?

Beispiele
Keine ausgeprägte Führungsstrecke sondern Einschränkung des Kreissektors

Achtung
Djokovic schlägt jetzt nicht mehr so auf! Sein Aufschlag zeigt nunmehr einen integrierten Ablauf von Ballwurf, und in die Knie gehen im Wege einer Beckenvorwärtsbewegung und Kippen der Schulterachse in die Trophy-Position nach dem Muster von Dodig, der dies allerdings noch deutlicher so ausführt. Beobachtet, im Rahmen der Übertragung aus Roland Garros 2012. Ab wann diese Umstellung in Richtung der von uns vorgeschlagenen Bewegungsform erfolgte, haben wir noch nicht feststellen können. Siehe auch unsere Ergänzung im Beitrag „Wie komme ich zum Spitzenaufschlag“.

Novak Djokovic löst die Aufgabe, indem er den Wurf recht hoch (Hüfthöhe) beginnt, er den Ball mit den Fingerspitzen hochträgt. Da er Ballwurf und die weiteren Aufschlagbewegungen weitghend separiert, braucht er hierfür mehr Zeit, die er sich durch einen sehr hohen Ballwurf  verschafft. Mit dem Ballwurf ist zwar eine Streckung des Körpers aus der Rumpfbeuge verbunden, diese führt aber nicht nach vorne und unterstützt daher nicht die Führungsstrecke nach Modell 2. (Die weiter unten gezeigten Photomontagen geben den Start der Wurfbewegung nicht wider, weil dort die Führungsstrecke gezeigt werden soll. Bei Jankovic z.B. beginnt der Ballwurf ungefähr in Kniehöhe).

(Der schwarze Bildrand ist kein Zeichen der Trauer, sondern ein Effekt der Nachjustierung der Bildebenen (anhand des Schriftzuges) der wackelnden slow-motion-Aufnahme. Den gleichzeitig mit dem Wurfarm hochgeführte Schlagarm haben wir hier gelöscht bzw. unkenntlich gemacht.)

 

Führungsstrecke wird durch Nach-Vorne-Bewegung der Wurfarmschulter erzeugt

Jelena Jankovic, gleich zu Beginn der Aufschlag in Großaufnahme. Der Bewegungsablauf gefällt mir sehr gut, da Hochwurf und In-die-Knie-Gehen integriert und nicht separiert sind.

Die Führungsstrecke ist sogar eher etwas vom Kopf weg gerichtet (siehe „Schatten“ der reinkopierten Phase bei der Trennung von Ball und Hand). Die Gefahr, dass das Aufrichten in die berühmte Trophy-Position den Ball über den Kopf plazieren könnte ist also überhaupt nicht gegeben.

Genau die Angst vor dieser Gefahr dürfte aber der Grund für die meisten Tennisspieler sein, dass sie die für die Schulterkippe so wichtige Trophy-Position nicht voll erreichen!

 

Hier ist zum Vergleich der Arm als Radius für die Wurfbahn ohne weitere Körperbewegung eingeblendet.
Die  Problematik des Ballwurfs aus dem Stand (zeitkritisches Loslassen) wird her recht deutlich.

Achtung: wenn man den Effekt der erweiterten Führungsstrecke nutzt, wie von uns vorgeschlagen, macht es nicht viel Sinn, den Ballwurf stamm stehend trocken zu üben, da bei der realen Aufschlagbewegung ein anderer Wurf zustande kommt. Wenn man trocken üben will, dann immer mit der Bewegung inklusive Gewichtsverlagung vom hinteren Fuß und Nachvorne-Bringen des Gewichts (Becken), auf den vorderen Fuß, wie bei Jankovic, Djokovic, Dodic, Sampras und viele Andere.!

Bei Versuchen mit meinem Trainingsfreund sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass trotz vieler Varinaten beim Aufschlag es wohl für die Stabilität des Service am wichtigsten ist, dass der Ballwurf aus der Gewichtsverlagerung von hinten nach vorne kommt. Dann ist es auch nicht mehr eine Frage des Mutes, die extreme Trophy-Position einzunehmen, weil der Aufschläger dann nicht mehr Gefahr läuft, dass der Ball irgendwo nur noch durch hektisches Nachlaufen erreichbar verschwindet. Auch das ängstliche nur halbhoch Werfen hört dann auf. Man beobachte mal auf den vielen YouTube-Clips, wie hoch die Spitzenspieler heute werfen. Dies ist eine Folge der möglichst extensiven Ausnutzung einer maximalen Range, d.h. Entfernung des Schlägerkopfes am Boden der Schleife bis zum Treffpunkt (siehe Wie komme ich zum Spitzenaufschlag, Roddick, außerdem unseren Beitrag Muskelmodelle für die Vorhandsimulation, in der gezeigt wird, dass, physikalisch gesehen, die abzugebene maximale Beschleunigunsarbeit durch die Leistung der Muskulatur bestimmt ist (bzw. HILLsche Beziehung im Muskelmodell).

Deshalb haben sich vermutlich Aufschlagstile, die zeitweise modern waren und durch sehr kurze und schnelle Bewegungen sowie niedrigen Ballwurf gekennzeichnet waren, nicht durchsetzen können.

Recht ähnlich ist übrigens die ausgeprägte Rumpfbewegung während des Ballwurfs von Pete Sampras

Eigentlich verwenden wir keine „historischen“ Spielerpersönlichkeiten um Technik zu demonstrieren

 Allerdings gehören auch ältere Bewegungsstile in den „Genpool“ möglicher Bewegungsabläufe. Auch wollen wir nicht einem unreflektierten linearen Fortschrittsgedanken frönen, auch wenn das Portal intensiv nach neuen Stilen sucht.
Die Ähnlichkeit mit Dodig und Jankovic ist immerhin verblüffend.

Sampras zeigt auch Aufschläge, die dann ziemlich anders aufgebaut sind. Man beachte die Beinarbeit im übernächsten Clip, die eher an Sam Stosur erinnert: ein Einleitungsschrittchen mit dem linken Fuß, parallel zur Grundlinie.

Auch hier ist aber eine Führungsstrecke ab Bauchnabel bis fast zur Trophy-Position zu sehen, siehe als Orientierung den senkrechten Stab von der letzten Null des Expo 2000 Schriftzugs ausgehend. Eine Erklärung oder Deutung für diese Beinarbeit ist mir nicht bekannt.

Führungsstrecke wird auch durch lockeren, leicht gebeugten oder deutlich angewinkelten Wurfarm in der letzten Phase des Ballwurfs erzeugt.

Aranxta Rus
Führungsstrecke ist der Pfahl im Hintergrund

Pete Sampras, hier hat er mal den Wurfarm locker, insgesamt gute Führungsstrecke in der letzten Phase des Ballwurfs

Trainerin  Fullswingtennis: Arm leicht gebeugt bei 1.56. Der seitliche Tenniszaun kann zur Orientierung herangezogen werden. Beachte den Zeitpunkt, wenn Ball und Wurfhand die Querstrebe des Zaunes erreicht: Der Arm ist deutlich gebeugt und streckt sich danach. In slow-motion, bei mir auf der iPhone-App SpeedUp TV (siehe unseren Beitrag Mit Videos von den Großen lernen, ist das sehr schön zu sehen.

 

 

In diesem Beispiel ist die Führungsstrecke recht genau senkrecht. Trotz „mitarbeitendem“ Wurfarm im Sinne einer Streckung, ist die Führungsstecke weniger vom Kopf weg orientiert, als bei Jankovic. Dies liegt daran, dass die Beckenbewegung (und die linke Schulter)  noch vorne deutlich weniger ausgeprägt ist, als bei Letzterer. Die kann die Armstreckung nicht voll ausgleichen.
Timea Babos (siehe Hat mein Kind Talent?), gegen Metea Mezak,
(ich hoffe, ich habe die Damen nicht vertauscht) – bei 043,3

Auch hier braucht man beim Abspielen die Möglichkeit, in Einzelbilder aufzulösen und möglichst die Vergrößerung. Es sind die Einzelbilder von SpeedUp TV (Sceen-Shots) mit Gimp übereinandergelegt. Dann ist klar zu sehen, dass der Arm im mittleren Bereich der Wurfphase gebeugt ist und sich erst in der letzten Phase, wenn der Ball die Hand verlässt, streckt. Also auch hier wird die Führungsstrecke auch durch die spätere Armstreckung bewirkt.

 

 

 

Andy Roddick,
Arm stark gebeugt, er streckt ihn aber nicht besonders, um eine Führungsstrecke zu erzeugen. Dies ist vermutlich nicht nötig, weil seine Schulter gut nach vorne kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich würde mich freuen, Erfahrungen mit dieser Wurfart in den Kommentaren zu lesen.

 

 

© Dr. Holger Hillmer

2 Kommentare

  1. Echt Klasse. Der gebeugte Arm im Ellbogen macht den Unterschied. Siehe oben Variante 3. Jetzt gelingt es, den Ball zumindest immer nach vorne oben zu werfen. Nur die Höhe ist nun noch das Problem. Aber das kann ich dann steuern, wann ich abziehe.

    • Ja, der Mythos vom steif gestreckten Arm kommt noch aus dem „Kimme und Korn – Denken“, das natürlich in diesem Fall nicht angebracht ist.

      Ähnliches gilt für die Zeigebewegung beim Überkopfball. Obwohl es Klassiker, wie Federer – weil so gelernt – machen, ist primär wichtig, die Schulterachse zum Ball zu auszurichten. Der Arm sollte dann nur kurz nach oben gestreckt werden, um zu stabilisieren und als opposite-arm-action zusätzliche Schlagkraft zu generieren. Aber eben auch nicht im Sinne von „Kimme und Korn“, wie es in vielen Beschreibungen dazu heißt.

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