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Tenniswissen | Tennisanalysen

Wettkampflernen + Taktik

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Auf die Frage, wie Tennis erlernt werden soll,  findet das Wettkampflernen ganz neue Antworten.

Denn bei der herkömmlichen alten Methode des Technikerwerb, sich auf den Bewegungsablauf zu konzentrieren, unabhängig von Sinn und Zielsetzung im Wettkampfzusammenhang, lernt man nach Auffassung des Sportwissenschaftlers Jan Hasper eher Kunststückchen. Effektiver sei es, aus dem Wettkampf heraus situativ Aufgaben zu erkennen und für sich zu definieren, auf die hin man seine Techniken einzusetzen und weiter zu entwickeln gedenkt.

Jan Haspers, der diese Theorie entwickelt hat,  kann sich auf 15 Jahre Trainererfahrung berufen und er hat als ehemaliger Nordhessenmeister ein respektables Spielniveau erreicht. Er weiß, wovon er spricht, wenn er seine neue Sichtweise entwickelt – im Rahmen seiner Dissertation „Tennis“.
Letztlich läuft sein Ansatz darauf hinaus, gleich von Beginn an das Tennislernen mit dem Taktikerwerb zu verbinden. Siehe dazu auch seine Übungsbeispiele in unserem Beitrag Übungsbeispiele zum Wettkampflernen.

Auch in einer anderen Studie zum Taktikerwerb in Wettkampfsportarten wird die große Bedeutung des unbewussten Taktiklernens betont, ohne aber die bewusste Taktikaneignung gänzlich zu verdammen.
Siehe hierzu die sehr ambitionierte Arbeit von Macus Raab, SMART, Techniken des Taktiktrainings – Taktiken des Techniktrainings. Die Lektüre der gesamten Dissertation ist vielleicht nicht Jedermanns Sache, eventuell kommt man aber mt dem praktischen Teil, Kapitel 9,  klar, der ab Seite 201 beginnt, in dem mit vielen Vorurteilen zum Taktiktraining aufgeräumt wird.

Welche taktischen Zielstellungen sind für Tennis als  Wettkampf maßgebend? (nach Jan Hasper)

So soll Tennistraining heute nicht mehr aussehen.

 

1. Ball länger im Spiel halten als der Gegner/eigene Fehler vermeiden; entscheidender Einflussfaktor: Sicherheit in den Schlägen

2. Raumnot beim Gegner erzeugen; entscheidender Einflussfaktor: Genauigkeit in den Schlägen

3. Zeitnot beim Gegner erzeugen; entscheidender Einflussfaktor: Geschwindigkeit in den Schlägen

Quelle: Jan Hasper

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„Wenn ich nicht verliere, kann der andere nicht gewinnen.“ Boris Becker (*1967), dt. Tennisspieler, b. 1999 Teamchef des dt. Davis-Cup-Teams Quelle…

Weitere Taktikgrundlagen, einfach beschrieben, siehe die Diplomarbeit von Daniela Werger, Multimediale Lehr- und Lernhilfe. Taktiktraining im Leistungs- und Hochleistungsbereich der Sportart Tennis.

Eng ist der Zusammenhang von taktischen Leistungen mit der aktuellen Befindlichkeit des Spielers. Dieser sollte über die Möglichkeit verfügen, sich auch im positiv mit den aktuellen Gefühlssituationen auseinander zu setzen, damit er sich rechtzeitig vor Übermotivation schützen kann.

Dies ist eine sehr komplexe und schwierige Materie, die in der Dissertation von Uwe Grässer  Emotion, Emotionsverarbeitung und sportliche Leistung: Die Bedeutung des Konstrukts Klarheit über eigene Gefühle für Leistungsschwankungen im Tennis entwickelt wird.

Ebenfalls zum Komplex mentale Vorbereitung, um ein taktisches Konzept umzusetzen gehört die Einstellung, die mit der Selbstwirksamkeitserwartung des Spielers verknüpft ist.

Eine knappe Einführung in dieses Thema findet sich im ersten Teil dieser Magisterarbeit Selbstwirksamkeitserwartungen und Transfer beim motorischen Lernen

Die Grundthese von Wettkampflernen
Tennisspielen und auch die Techniken werden müheloser gelernt, wenn vorher dem Lernenden klar ist, welche Bewegungseffekte erzielt werden sollen. Das ist besser, als sich allein auf den Bewegungsablauf als solchen zu konzentrieren und darauf zurückzuziehen.

Das hat damit zu tun, wie Menschen überhaupt normalerweise an Aufgaben herangehen.

Wie strukturieren Menschen ihr Handeln?
Alle Handlungstheorien sind sich darin einig, dass menschliches Handeln sinn- und zielgeleitet erfolgt. Beim Tennisspielen, um wieder auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen, heißt das, etwa einen Ball in eine bestimmte Zone zu spielen, den Gegner zu überlobben oder Ähnliches.

Es gilt also, durch Wettkampf oder wettkampfähnliche Situationen die dahinter liegenden Spielaufgaben, beim (Handlungs-)Lernen transparent und dominant werden zu lassen. Das Lernen ist an Leitlinien auszurichten.

Beispiel 1
Konkret macht es einen großen Unterschied, ob man beim Erlernen eines Lobs versucht, den Ball hoch über den Gegner kurz vor die Grundlinie zu platzieren (Zielstellung) oder, das wäre die rein schlagtechnische Sicht, sich daran zu orientieren, wie die Schlägerfläche zu halten ist, wie weit die Füße auseinander stehen sollten o.ä. Häufig „ergeben“ sich bestimmte Verlaufsmerkmale (z.B. offene Schlägerflächenstellung) automatisch, wenn der Spieler sich auf den Bewegungseffekt, also die Zielstellung (hoher Ball vor Grundlinie) konzentriert (Selbstorganisation).

Umgekehrt lässt die Aufmerksamkeitszuwendung auf bestimmte Bewegungsteile (z.B. Fußstellungen) komplexe Bewegungen völlig zusammenbrechen. Ein alter Trick der Kategorie „winning ugly“ ist es daher, den Gegner beim Seitenwechsel zu fragen, wie genau er die Schlagbewegung anstellt, um einen so tollen Aufschlag hinzubekommen: die Bewegung wird im Anschluss durch das Nachdenken darüber während der Ausführung meist schlechter.

Beispiel 2
Die Aufgabe (Zielstellung), eine Treppe möglichst schnell herunterzulaufen, lässt sich gut bewältigen, nicht aber, wenn man dabei auf die genauen Schrittfolgen achtem soll. Stolpern ist dann so gut wie vorprogrammiert.

Anwendung des Prinzips im Schul- und Vereinstennis
Besonders für den Schulsport ergeben sich hieraus andere methodische Ansätze. Das Spielen ist, so gesehen, die Hauptstraße, die die notwendige Problemsensibilisierung und ein Verstehen des Spiels schafft. Auf der Nebenstraße (vom Spielen isoliertere, aber möglichst spielnahen Übungen) kann dann an den auftretenden Problemen gearbeitet und Lösungen (z.B. spezielle Techniken) entwickelt werden. Diese sollten dann möglichst umgehend wieder im Spiel angewandt werden können. Das heißt, wieder in die Hauptstraße einzubiegen. Hier ist der spielerische Erfolg der Maßstab für das Gelernte.

skills should not taught first, but the understanding of the game
Jan Hasper plädiert also nicht für ein dogmatisches Entweder-Oder zwischen Üben und Spielen, sondern für die Einbettung von Übungsprozessen in den Gesamtlernprozess. Und diese Prinzipien unterscheiden sich strukturell nicht für Schule und Verein. Im Amerkanischen , so Haspers wird diese Art des Konzepts schön auf den Punkt gebracht mit „skills should not taught first, but the understanding of the game“.

Was muss man anders machen, als bisher?
Wie lief Tennistraining bisher meistens ab? Wenn z. B. zum wiederholten Male in einer gewissen Situation die Rückhand verschlagen wird, wird das normalerweise auf eine derzeit vorhandene technische Rückhandschwäche zurückgeführt. Infolgedessen wird man die Rückhand wieder in einer normierten, einfachen Situation üben.

Der Grund liegt aber meistens nicht in der Rückhand bzw. in ihrer mangelhaften Technik, sondern in der Unfähigkeit, eine gewisse Situation mit der Rückhand motorisch und technisch zu lösen. Es liegt also kein technisches Rückhandproblem vor, sondern es handelt sich um ein Handlungsproblem, eine Handlungsschwäche, die auf mangelnde Handlungsvoraussetzungen zurückzuführen ist.“ (SCHÖNBORN (2000), 133) Im übertragenen Sinne kann man sagen, es wird nur das Symptom der Krankheit bekämpft (Bewegungsablauf an sich; J.H.), nicht jedoch die Ursache, nämlich die falsche situationsbezogene Aufgabenstellung.

Natürlich müssen sich Techniken verbessern und mitentwickeln. Die Frage ist aber, wie müssen die Übungsprozesse dazu aussehen? Spieler und Trainer sollen sich nicht auf die Entwicklung von Techniken, verstanden als mechanische Schlagabläufe, zurückziehen. Dies wäre die herkömmliche Übung, aus dem Trainerkorb zugespielten Bälle zu retournieren, also eine von den Spielzusammenhängen völlig isolierte Situation. Genau das schafft unendliche Transferprobleme, wenn das so Gelernte dann im Spiel zur Anwendung kommen soll.

Stattdessen soll der Spieler in die Lage versetzt werden, möglichst spiel- und wettkampfnah, möglichst ganzheitlich zu lernen( vgl. Diss Kapitel 8.2)

Perfektes Tennisspielen braucht Zeit und Erfahrung
Systematik ist wichtig und durch nichts zu ersetzen. Umgekehrt können aber gewisse (Spiel-) Erfahrungen nicht abgekürzt werden. Ballwahrnehmung, z.B. kann man allein durch Anweisungen kaum verbessern. Es funktioniert nicht. Es bedarf der Eigenrealisation und eigener Erfahrungen. Im Zuge dessen schärft sich dann allmählich die Wahrnehmung. Dazu gibt es zahlreiche sinnvolle Übungen, die diesen Erwerb forcieren (z.b. „Hit“ rufen, wenn der Ball aufspringt, auf die Rotation achten, wo ist der Schatten o.ä.). Viele wertvolle Übungsbeispiele folgen in einem weiteren Beitrag.“

Relativierung
Die Betonung auf Lernen durch Wettkampf darf auf keinen Fall dazu führen, dass unökonomische Bewegungen und Schlagstile angeeignet werden. Die Forschung zum Umlernen zeigt eindeutig, dass eine später vielleicht nötige Korrekturen nur mit großem Aufwand und ungewissem Ausgang vorgenommen werden können. Siehe unseren Beitrag Umlernen.

 

© Dr. Holger Hillmer

Ein Kommentar

  1. bin sehr an weiteren Übungsbeispielen interessiert

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