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Was bedeutet Pronation beim Tennisschlag?

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Den Läufern ist Pronation schon längst ein Begriff. Im Tennis hat er sich noch nicht bis in den Letzten Winkel herumgesprochen: die modernen Schläge setzten gezielt Unterarmdrehungen bei Vor- und Rückhand, aber auch beim Service ein, um hohe Schlägerkopfgeschwindigkeiten zu erzielen, siehe auch unseren Beitrag Paradigmenwechsel in den Bewegungsmustern.  

 

Pronation und Supination sind Drehungen (Torsionen), hier des Unterarmes, gegen und mit dem Uhrzeigersinn. Sie haben für die Schlagwirkung immer dann Relevanz, wenn Unterarmachse und Schlägerlängstachse in einem Winkel ungleich 180 Grad stehen. Ideal ist ein Winkel von 90 Grad, wie man ihn im modernen Tennis immer häufiger sieht (Griffhaltung=Kurzgriff!).
Bei der Ausholbewegung zwingt das Trägheitsmoment des so gehaltenen Schlägers dem (elastischen) Arm eine Torsion auf, die als Loading für den anschließenden Schlag genutzt werden kann. Bei der Vorhand entsteht durch das Ausholen also ein Loading = Supination, der  Schlag wird dann entsprechend durch eine kräftige Pronation unterstützt. Bei der Rückhand liegen die Verhältnisse normalerweise genau umgekehrt

Pronation bei der Vorhand
Bei der Vorhand gehört in den letzten Jahren die Einwärtsdrehung des Unterams immer stärker zum Grundmuster der Schläge.

Pronation beim Aufschlag
Zum Aufschlag ist die Pronation, also die Torsion des Unterams gegen den Uhrzeigersinn, inzwischen ein konstituierendes Element. Siehe hierzu unseren Beitrag  Wie komme ich zum Spitzenaufschlag? Man kann den Aufschlag aber auch mit einer Supination unterstüzten, dann geht der Arm weit rechts von Schulter nach außen und in diese Richtung wird auch der Ball beschleunigt. Das habe ich selbst mal ausprobiert, irgendwie funktioniert es, nach einer Weile hat man aber kein Gefühl mehr, wie das Loading richtig aufgebaut werden soll, weil sich beide Varianten irgendwie „organisch“ anfühlen. Allerdings mit erheblich anderer Ausgangsstellung bzw. Richtunggebung des abgehenden Balles.

Supination bei der Rückhand
Weil bei der Rückhand alles seitenverkehrt zur Vorhand läuft, wird dort für den Schlag eine Supination anstatt der Pronation eingesetzt. Was bei der Vorhand die Pronation, ist bei der Rückhand die Supination. Bei der einhändigen Topspin-Rückhand ist die Unterarmdrehung nicht mehr wegzudenken.

Bei der Rückhand wird heute noch sowohl obenrum als auch bei einigen Spielern untenrum ausgeholt. Loading und Schlag verändern sich durch die Ausholkurve. Die Supination fördert man durch eine Ausholbewegung obenrum. Beim untenrum Ausholen wird aber mitunter der Schlägerkopf ebenfalls weit nach oben geführt, so dass dann durchaus auch eine Supination beim Schlag eingesetzt werden kann.

Was ist kraftvoller, Supination oder Pronation?
Was ist aber besser? Es gibt Hinweise darauf, dass die Pronation evtl. etwas kraftvoller ausfällt als die Supination. So verstehen wir Lehner in seiner Dissertation im Zusammenhang mit der Modellierung des Golfschlages.
Allerdings zeigt uns Andreas Doser in seiner medizinischen Dissertation, dass dies nicht generell der Fall ist (s. Tabelle 3.3, S. 31, es fehlen leider die Dimensionsangaben) dort wird in einigen Fällen die Supination, in anderen die Pronation als erheblich kraftvollere Drehbewegung ausgewiesen. 

Supination und Pronation + Oberarmdrehung
Ein Fall für meinen bewegungswissenschaftlich ausgewiesenen Forenfreund, der schreibt mir… 

„…Bei rechtwinkligem Ellenbogengelenk wird der Unterschied in der Kraft von Pronation und Supination keine wesentlichen Unterschiede zeigen. Wenn überhaupt, vermute ich ein Übergewicht bei der Pronation, weil dies in der Alltagsmotorik die dominierende Aktion ist. Je mehr sich – ausgehend von einem rechten Winkel – das Ellenbogengelenk streckt, desto stärker addiert sich zur Pronation-Supination die Innen- und Außenrotation im Schultergelenk. Dadurch wird die Kombination Pronation + Innenrotation gegenüber der Kombination Supination + Außenrotation an Kraft gewinnen, bedingt durch den mächtigen Einfluss von Brustmuskel und Latissimus gegenüber dem recht mäßigen Einfluss von Untergrätengrubenmuskel und evtl. hinteres Drittel des Deltamuskels.
Vielleicht findest du hier Brauchbares: J Biomech. 2011 Feb 24;44(4):650-6. Epub 2010 Dec 8. Individual muscle force parameters and fiber operating ranges for elbow flexion-extension and forearm pronation-supination. Hale R, Dorman D, Gonzalez RV.“

Erweiterter Pronationsbegriff
Wenn wir in Zukunft von Pronation sprechen, müssen wir also den Winkel des Ellenbogengelenks mit im Auge behalten. Bei eher gestrecktem Arm kommt zur Unterarmdrehung noch die Oberarmdrehung dazu (Innen- und Außenrotation im Schultergelenk, s.o.). Der relevante Winkel des Ellbogengelenks in den Ausholphasen ist aber vom Schlagstil abhängig.

Bis auf Weiteres werden wir aber stets von Pronation und Supination sprechen, auch wenn eine Oberarmtorsion beteiligt ist.

Pronation auf der Vorhand, der moderne Standard
Der Einsatz von Pronation des Unterarms ist heute aus dem Tennis nicht mehr wegzudenken. Auch wenn es sowohl Spieler gibt, die mehr Kraft aus der Pronation (+Oberarm), andere, die mit Supination (oder gar ohne derartige Torsion, s. beidhändige Rückhand) besser fahren.
Dies wäre eine Erklärung dafür, dass die Ausholbewegungen der Grundschläge, insbesondere der beidhändigen Rückhand, auch im Spitzenbereich variieren, siehe unseren Beitrag  Zeigen die Jungstars neue Strokes? 

Peitsche auch bei der Beidhändigen, der Trend
Gerade bei der beidhändigen Rückhand, untenrum ausgeholt (siehe Bernhard Tomic), können Arme und Schlägerlängstachse längere Zeit in einer Flucht bleiben, bilden also einen Winkel von 180 Grad. Hierbei werden weder Pronation noch Supination unterstützt. Aber auch die von meinem Forenfreund aufgedeckten Oberarmdrehungen werden vom Schläger nicht angeregt bzw. provoziert.
Wir werden die weitere Entwicklung der Grundschläge hinsichtlich dieses Aspekts aufmerksam beobachten.

Es fällt aber m.E. auf, dass junge Spitzenspieler in der Mehrheit zunehmend mit deutlichem Winkel Unterarm/Schlägerlängstachse eine Peitschenbewegung mit der Beidhändigen aufbauen.

 

 

© Dr. Holger Hillmer

 

 

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