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Vom Mythos des eingewickelten Stoppballes

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Wie wirkungsvoll ein drop-shot von der Grundlinie aus eingesetzt werden kann, zeigte Martina Sanchez bei Ihrem Sieg in Rom. Auch in Roland Garros wurde sehr effektiv der Stoppball eingesetzt. Auf Rasen hat der Stoppball besondere Vorteile, weil der Ball vom Rasen nicht so hoch abspringt. Der Stoppball ist also wieder im Kommen. Im Freizeittennis und bei den Senioren erst recht, gilt das schon immer. Aber wird der Stoppball heute noch eingewickelt?

Mehr und mehr wird der Stoppball mit starkem Unter- und Seitenschnitt gespielt. Das geht mit einer Einwickelbewegung nicht gut. Deshalb sieht man im Spitzentennis Stoppbälle, die genau mit der Einwickelbewegung umgekehrten Torsion des Unterarms ausgeführt werden.
Generationen von Trainern und Fernsehkommentatoren begeistern sich geradezu an der Metapher des „Einwickelns“ beim Stoppball.

Mich würde interessieren, wie viele Tennisspieler vergeblich das Einwickeln versucht haben – vermutlich gerade die, die allzu akribisch versuchten, dieser Empfehlung gerecht zu werden. Im Freizeittennis haben gerade Topspin-Spieler mit dem Stoppball daher ihre liebe Not, siehe den Hilfeschrei im Gutefragen-Portal hier…
Klar sieht man auch schon mal den eingewickelten Stopp – zwei Meter vom Netz entfernt gespielt und dann wirklich nur noch herübergehoben.

Aber ein Einwickeln, bei der bekannt kurzen Kontaktzeit zwischen Ball und Saitenbett von Millisekunden, dürfte ein hoffnungsloses Unterfangen sein.

Für die heute üblichen stark unterschnittenen Stoppbällen ist eine Verstellung der Schlägerneigung im Kontaktpunkt, zwecks Einwickeln des Balles, undenkbar.

Es ist davon auszugehen, dass die Einwickel-Metapher eine kräftige Ausprägung des Schnittes verhindert. Der Schnitt kann nur durch eine konsequente Schnittbewegung erzeugt werden, nicht durch ein Verweilen des Saitenbettes in Ballnähe, um ein Einwickeln zu ermöglichen.

Will man zur Erhöhung der Schlägerkopfgeschwindigkeit (zwecks Schnittmaximierung) die Unterarmrotation einsetzen, gibt es allerdings grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

Zur Pronation, Supination und dem Einsatz der Oberarmdrehung, siehe unseren Beitrag zur Pronation im Tennisschlag.

1. ) Das Einwickeln würde auf der Vorhand einer Supination des Unterarmes und bei der Rückhand einer Pronation des Unterarmes im Schlag entsprechen. Dann käme eine zum Ball hin konkave Umhüllungskurve der Schlägerkopfbewegung – eben ein Einwickeln – zustande. Dies wird durch die biomechanischen Verhältnisse nur bei einer Ausholbewegung untenrum unterstützt.

2.) Beim Slice und auch beim Stoppball, die ja einen Unterschnitt, statt einen Topspin haben, ist bezüglich der Unterarmdrehung entsprechend die gegenläufige Bewegung erforderlich (siehe auch den Beitrag zum Wiper-Slice).
Wenn bei der Topspin Vorhand eine Pronation eingesetzt wird, ist es beim Vorhandstopp die Supinaton.
Bei der Rückhand wird statt der Supination die Pronation angewendet, um den starken Unterschnitt zu erzeugen. Dabei beschreibt die Schlägerfläche eine zum Ball hin eher konvexe Kurve, genau das Gegenteil vom Einwickeln! Dies ist die optimale Bewegung bei einer Ausholbewegung obenrum.

Der Vorrang für eine Supination beim Vorhandstopp gilt allerdings nur, wenn eine Ausholbewegung „obenrum“ (Schleife) angesetzt wird. Beim Ausholen untenrum wäre tatsächlich eine Einwickelbewegung optimal. Da aber heute durchgängig obenrum ausgeholt wird, würde ein Stoppball mit einer Ausholbewegung untenrum die Absicht des Spielers annoncieren.

Möglicherweise stammt die Einwickelmetapher aus Zeiten, in denen durchgängig noch untenrum ausgeholt wurde. Da ergab sich dann durch das anders gerichtete Loading ein Vorteil für die Einwickelbewegung.

Die normative Geltung der Einwickel-Metapher ist in der Tenniscomunity aber noch heute so erheblich, dass man Trainer-Demos zum Stopp mit konvexer Schlägerbewegung (Pronation beim Vorhandstopp, Supination beim Rückhandstopp) nicht zu sehen bekommt.

Erst, wenn Videos von Spitzenprofis gezeigt werden, bekommt man auch konvexe Stoppbewegung oder Stopps fast ganz ohne Unterarmdrehung zu Gesicht.

Sollen diese Profis dann aber den Stopp demonstrieren, halten sie sich wieder an diese in meinen Augen veraltete Norm oder Konvention.

Zu vergleichen mit den Bewegungsmustern von Djokovic im Beitrag Wiper-Slice Rückhand. Sein Rückhand Stopp ist nahezu identisch mit seinem Slice, nur dass der rechte Arm anschließen eng an der rechten Hüfte vorbeigezogen wird (bei gleicher Schnittgenerierung wird die Vorwärtskomponente der Schlägerbeschleunigung reduziert).

Die meisten Trainer-Demos umgehen das Problem Supination/Pronation (siehe zur Pronation unseren Beitrag zur Pronation), indem sie überhaupt keine Unterarmdrehung zeigen. Oder, es wird  im Anschluss an den Stopp-Schlag eine Einwickelbewegung  angehängt oder „nachgeliefert“,  gewissermaßen eine Einwickel-Mimikry.

Siehe auch hier bei Jeff Salzenstein. Er zeigt eine deutliche Supinationsbewegung also das Öffnen der Schlägerfäche während des Schlages bzw. nach dem Ballkontakt, allerdings kein Einwickeln. Er empfiehlt den Kontinentalgriff. Es sind aber auch Ausführungen möglich, bei denen der Vorhandgriff (Semi-Eastern oder Semi-Western) belassen werden kann und dafür die Unterarmpronation verstärkt wird. diese bewirkt bei kurz gehaltenem Griff (Kurzgriff, die Schlägerachse steht senkrecht zur Unterarmachse) einen ausgeprägten Seitenschnitt. Der Unterschnitt wird eher durch die Streckung des Ellenbogengelenkes erzeugt und durch die Schrägstellung der Schlagfläche zur Bewegungsrichtung von Schlägerkopf zu Ball.

 Nebenbei: eine Pronationsmimikry auch bei der Vorhand sieht man oft bei Freizeitspielern, die eine Pronation im Anschluss an den Ballkontakt „anhängen“. Dieser „Ausschwung“ hat aber für den eigentlichen Schlag kaum Auswirkungen.
Hier trifft die Vorstellung, dass die vorhergehenden Bewegungselemente anhand der nachfolgenden Bewegungselemente abgelesen werden können, so nicht zu.

Für den Rückhand Slice wurde hier bereits gezeigt, dass der Slice mit ausgeprägter Unterarmdrehung (Supination) gespielt werden kann. Deshalb sprach ich etwas provokativ von einer Wiper-Slice-Backhand. Während beim klassischen Rückhand-Slice in den Beschreibungen überhaupt keine Supinations- Pronationsbewegungen thematisiert werden, ist das beim Stoppball etwas ganz Anderes, dort wird von den meisten Trainern eine Unterarmdrehung gefordert, die, wie oben gezeigt,  kontraproduktiv ist.

   
Vorhand drop-shot: konkav, Supination aber kein Einwickeln. Die Schlägerfläche behält ihre Richtung bei modern tennis drop-shot bei der Rückhand: konvex; starke Supination, der Ausschwung hat schon etwas Mimikry-haftes
 
Vorhand drop-shot an der Wand geübt. konvex, Pronation erkennbar Dropshot Queen Agnieszka RadwańskaZweimal aus dem Spiel heraus drop-shot Rückhand, vermutlich konkav, Pronation:
Schlägerkopf wird von unten geholt. Möglicherweise ist dies die Erklärung, ob Pronation oder Supination eingesetzt wird.
 

 

Vorhand-Stopp: konvexer Verlauf Drop-shot Djokovic: konvexer Verlauf
 
Rückhand-Slice mit Supination: konvexer Verlauf;
zu beachten:
die Schlaghand endet eng an der rechten Hüfte (mehr Schnitt und weniger Länge)
Maria Jose Martinez Sanchez Endspiel in Rom gegen  Jankovic: Stopp bei 2:17 Ohne erkennbare Supination oder Pronation.Siehe auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=8Qz0czYoaoY&feature=related 

 

 

© Dr. Holger Hillmer

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