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Tenniswissen | Tennisanalysen

Veranlagung, Wahrscheinlichkeit und Spielanlage

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Warum gibt es typische Grundlinienspieler und  typische  Angriffspieler?
Die Risikowahrnehmung und -Bereitschaft von Grundlinienspielern, Netzakrobaten und Stoppballspezialisten unterscheidet sich ganz enorm.

 Eine ordentliche Kompetenz am Netz ist aber wichtig und kann zwei bis drei Spielklassen ausmachen. Deshalb sollte auch der Grundlinienspieler sich mit dem riskanteren Spiel am Netz vertraut machen.

 

In einem Sportlerforum wurde die Frage gestellt: „ich spiele seit ca. 12 Jahren Tennis und traue mich einfach zu wenig ans Netz! Taktisch habe ich das Volleyspiel während meiner früheren Lernphasen immer unterschätzt. Jetzt brauche ich es aber dringend, um mit besseren Spielern mithalten zu können….“

Mal ganz davon abgesehen, dass es auch konstitutionelle Eigenschaften gibt, die beim Netzspiel Vor- oder Nachteile bringen, muss man das Netzspiel auch geübt haben, um auf die verschiedenen Situationen, die sich dort ergeben, mit einer gewissen Routine und Erfahrung reagieren zu können.

Es ist aber auch ein Missverständnis bezüglich der Risikowahrnehmung, das viele Spieler lieber hinten bleiben lässt. Wie wir hier zeigen:

Geht man von einem Sandplatzspiel aus, muss man mit Ballwechseln von 6 Schlägen und mehr rechnen.
Wäre meine Trefferwahrscheinlichkeit bei jeder Ballberühung  p=0,93, also 93 von hundert Schlägen gelingen, dann liege ich nach 6 Ballwechseln bei nur noch p=0,52, das ist knapp über dem Münzwurf.

Ein Angriffsspieler wird am Netz passiert, überlobt oder bekommt den Ball vor die Füße. Pariert er den Ball, dann kann und muss er mit dem nächsten Ball punkten (Näherungsvolley oder Angriffsvolley). Er braucht bei diesen beiden Schlägen nur eine Trefferwahrscheinlichkeit je Schlag von etwas über P= 0,7 um mit seinem Angriff und zwei Schlägen nicht unter die Erfolgswahrscheinlichkeit von 0,5 zu sinken.

Ein Grundlinienspieler, der sich an seine Grundlinien-Arithmetik gewöhnt hat, also daran, dass er jedes Risiko vermeiden muss, wird bei den ersten Ballverlusten sich wieder an die Grundlinie zurückziehen, selbst, wenn er am Netz eigentlich gar nicht so schlecht ist.  Damit aber schränkt er den Ausbau seiner Spielerfahrungen und damit Kompetenzen für das Netzspiel unnötig ein. Ein Teufelskreis

Zum Teil beruht es auf technischen und spielerischen Mängeln und natürlich gibt es, wie gesagt, auch körperliche Dispositionen (Körpergröße), die einem Netzspiel förderlich sind oder nicht. Wenn aber Spieler nach 20 Jahren immer noch den Netzangriff meiden, wie die Pest, muss es andere Gründe haben. Denn technische Stärken und Schwächen hätten sich in dieser langen Spielpraxis irgendwann mal ausgeglichen und es gibt auch groß gewachsene Grundlinienspieler.

Ich denke, es ist eine andere Risikowahrnehmung und eine andere Risikobereitschaft und die damit verbundene Logik des typischen Grundlinienspielers, die dieser gewohnheitsmäßig auf das Flugballspiel überträgt.

Für den Stoppball gelten übrigens ähnliche Mechanismen. Ich kenne leidenschaftliche Stoppballspieler, die zu Beginn eines Matches derart viele Punkte durch eigene misslungene Stoppbälle kassieren, dass man eigentlich schon bei einem Viertel der Versuche das ganze Match lang keinen Stoppball mehr versuchen würde. Die Freude am gelungenen Stoppball scheint aber eine besonders hohe Entschädigung für diese anfängliche Fehlerquote zu sein.

Der Angreifer zwingt den Grundlinienspieler zum riskanten Spiel
Weshalb aber hat der Netzangreifer im Clubtennis so immense Vorteile, die sich im Spitzentennis nicht gleichermaßen bemerkbar machen?

Der angegriffene Grundlinienspieler hat jetzt  eine höhere Wahrscheinlichkeit, gegen den Angriffsball oder den direkt danach Folgenden zu punkten. Ein schöner Rückhand-Topspin longline, ein Vorhand-Topspin cross oder eine Vorhand- oder Rückhandpeitsche direkt auf den Angreifer, sowie die extrem flachen Slice, wer ihn beherrscht, vor die Füße, sind riskanter, bringen aber möglicherweise den direkten Punkt bzw. einen Verlegenheitsball, der zum Punkt führt. Den Lob habe ich hier nicht angeführt, weil er auch bei sehr defensiven Grundlinienspielern oft die einzige wahrgenommene Möglichkeit ist, einen Angriff abzuwehren. Der Überraschungseffekt ist dabei für den Angreifer allerdings gleich Null.

Dem Grundlinienspieler wird aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung des Angriffsspielers aufgezwungen, die er eigentlich nicht mag. Wie wichtig mentale Einstellungen zur Risikobereitschaft sind, zeigt folgendes Beispiel.

Persönlichkeit verändern?
Anlässlich der Fußball WM sind durchaus interessante Einsichten zur praktischen Psychologie des Sports bekannt geworden. Der Chefscout und Fußballanalytiker Urs Siegenthaler äußerte sich zur Kultur und Mentalität der Deutschen Nationalmannschaft im Vergleich zur spanischen. Seine Einschätzung auf die Frage, ob man diese Mentalität ablegen kann: „Nein. Unter Druck greift jeder darauf zurück, was einen ausmacht. Immer!“

Dennoch kann man sich zwingen, in Trainingsspielen mit der anderen Wahrscheinlichkeitslogik des Netzspiels wenigstens vertraut zu machen. Kommen erst mal die Erfolge, wird sich auch die innere Einstellung ändern. Erfolge sind das A und O für eine selbstbewusste Einstellung generell, die man auch durch noch so raffinierte mentale Übungen nicht ersetzen kann. (Hierauf hat Nadal kürzlich in einem Interview klar hingewiesen und dem ist zuzustimmen.

Auch wenn Chance und Risiko beim Netzangriff also durchaus in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, sind Risikovermeider trotzdem nur ungern bereit, es öfter mal zu wagen ans Netz zu gehen. So, wie es Menschen (evtl. Genotypus) gibt, die auch Fast-Erfolge im Nervensystem wie Erfolge werten (so wird z.B die  Neigung zur Spielsucht erklärt), gibt es Andere, die Misserfolge überbewerten und übertrieben vorsichtig werden.
Eine allzu offensive Spielweise steht somit in Konflikt zur Selbstwahrnehmung, zur Authentizität. Aber man kann den Effekt durch Einsicht und Übung abmildern, wie überhaupt eine kognitive Kontrolle seines emotionalen Grundgerüsts von allen Sportpsychologen empfohlen wird.

Es geht bei den meisten Tennisspielern nicht um eine Profikarriere, sondern „nur“ um ein Freizeitvergnügen.
Allerdings, wie Thomas Teubel in seiner Dissertation zeigt, gibt es drei wichtige Grundbedürfnisse (bei ihm Motive genannt), die sich bei Niederlagen auch des Hobbyspielers „melden“.
Es wären das Anschlussmotiv (im Club beliebt sein) und das Machtmotiv (jemanden oder etwas kontrollieren).
Demgegenüber besteht bei einem Taktikwechsel die Chance, das dritte Motiv zu bedienen, nämlich etwas richtig machen. Und die Bedeutung dieses Motivs sollte man nicht unterschätzten.

Siehe zur emotionalen und motivationalen Situation des Tennisspielers unsere Beiträge Emotionen außer Kontrolle?, Matchanalyse, das verschenkte Potenzial, Matchanalyse, so stellt man unforced Errors ab und Soll man im Tennis immer lächeln?

 

 

© Dr. Holger Hillmer

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