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Umlernen

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Das Wissen über die Effizienz neuer Bewegungsmuster nimmt ständig zu. Auch unser Portal stellt in vielen Beiträgen neue Schläge und ihre biomechanische Fundierung in den Vordergrund. Auch oder gerade Spitzenspieler stellen ihre Technik um, wie gerade am Beispiel Murrays bekannt wurde, aber auch am neuen Aufschlag Djokovics abzulesen ist. Murray: „der neue Trainer von Ferrer, der mich vorher betreut hatte, kann ihm nicht viel verraten, weil ich inzwischen fast alles umgestellt habe“ sinngemäß zit. nach Eurosport 7.6.2012; zu Djokovic siehe unseren Beitrag zum Ballwurf.

Aber lohnt sich eine Umstellung und mit welchen Schwierigkeiten muss man rechnen? 

Und vor Allem, was sind die erfolgversprechenden Tipps?

Vor Jahren postulierten wir eine elektronische Lernhilfe, die ,in Verbindung mit einem Smartphone die sofortige, unmittelbare Korrektur von gewünschten Bewegungsmustern bei Grundschlägen und Aufschlägen ermöglichen sollte.

Dieses Ziel ist nun in greifbare Nähe gerückt, da es eine solche Vorrichtung im Golfsport  bereits zu kaufen gibt und diese „nur“ auf Tennisbefürfnissse umgestellt werden muss. Leider sind die Softwarelösungen für Tennisbewegungsmuster meines Wissens noch zu rudimentär. Wir hoffen, möglichst bald Trainingshilfen auf den Markt kommen die auch Bewegungsmuster kontrollieren. Reine Statistik über die Anzahl der Schlagarten Topspin, slice, hart oder weich sind zwar hilfreich (vor allem während des Matches) aber nur sehr beschränkt zum Umlernen einsetzbar:

Bewegungsmuster, Schlägerkopfgeschwindigkeiten und Schlaghärte wären dann ablesbar. Wir wünschen uns darüber hinaus die akustische Rückmeldung über das Erreichen oder Verfehlen vorher eingegebener Kontrollpunkte, um maximale Lernergebnissse zu erzielen. Vielleicht ist es hilfreich, wenn möglichst viele unserer Besucher Ihr Interesse an einer solchen App + Hardwarezusatz am Tennisschläger bekunden.
Siehe den Abschnitt weiter unten.

 

 

Der Spieler, der an eine Umstellung denkt, wird abwägen, ob er einen Schlagstil, der im Sättigungsbereich seiner Lernkurve liegt, verlassen soll. Nämlich zugunsten einer neuen Lernkurve, die erst erst im weiteren Übungsverlauf – hoffentlich – zu höherem Leistungsniveau führt. Vic Braden geht davon aus, dass es 10.000 Schläge bedarf, um diese automatisiert ausführen zu können (n. G. Wachtel, „Four Stages of Learning“ : Unconscious Incompetence, Conscious Incompetence, Conscious Competence, Unconscious Competence). Weiter unten beschreiben wir, wie man Umlernen effektiv machen kann. Dass Umlernen Spaß machen kann und auch 73-Jährige dazu stehen, siehe den Beitrag von Nick „Amen, brother! It’s taken me 73 years to learn this – and I feel a debt to you for it!“ und Anderen hier…
Zum motorischen Lernen gibt es umfangreiche Literatur (siehe auch, mit weiteren Hinweisen zum Technikerwerb, unseren Beitrag Schnelligkeit im Tennis),  jedoch sind die Annahmen und Modellvorstellungen zur Aufgabenverteilung bestimmter Hirnareale und Zelltypen sowie zur Funktionsweise generell keineswegs gesichert, siehe auch den Aufsatz im SPIEGEL ONLINE zu verbreiteten Psychologie-Mythen hier….

 

Lernkurve, Quelle hier… Siehe zum motorischen Lernen auch hier… und die Entwicklung der Theorien zum motorischen Lernen in der Dissertation von Eva Hendrich hier… 

Alter, Orientierung am Erfolg in der Gegenwart, Trainingsaufwand, Zufriedenheit mit seinem Tennis, Einschätzung des Potentials einer Schlagstilumstellung werden letztlich die Kriterien dafür sein, ob man lieber bei seinen alten Schlägen bleibt, oder sich an eine Umstellung herantraut. Diese Argumente sind weitgehend im Bereich der erwarteten oder prognostizierten Effizienz angesiedelt.

Aber auch der Reiz des Neuen kann eine starke Motivation ausüben. Für Spieler, die mit Tennis kein Geld verdienen, kann der Weg das Ziel sein., auch wenn sich der Erfolg erst später – hoffentlich – einstellt  s. Mag. Arbeit „Transfer Motorisches Lernens“, S. 4  .  Ich amüsiere mich immer über ehemalige Tenniskameraden, die wegen Langeweile ins Golflager gewechselt sind, und nun stundenlang Abschläge üben. Was die zum Aufschlagtraining früher sagten, muss ich nicht erzählen.

Bei den engagierten Clubspielern ist der nicht zu übersehenden Widerspruch der mit dem Umlernen zunächst zu erwartenden Leistungseibrüche zum Wettkampfgedanken, die Angst um die tägliche Performance, ein Hinderungsgrund, noch etwas zu verändern. Jan Hasper, „Wettkampflernen“ sieht diesen Widerspruch nicht so dramatisch. Uwe Grässer schreibt dazu

„Teilweise werden Leistungsschwankungen eines Spielers von den Trainern im Rahmen eines individuellen Reifungsprozesses sogar erwartet. Nach Aussagen der Trainer von Turnierspielern sind eine Reihe von Einbrüchen in der Leistung bei manchen Spielern auf dem Weg nach ganz oben sogar ein Anzeichen für notwendige Entwicklungsprozesse, die eine Person in einer solchen Sportart durchlaufen muss, un von einem guten Spieler zu einem Spitzenspieler zu werden.“  (Umstellung von Trainingskonzepten, einseitiges Krafttraining von Muskelgruppen).“ (S. 19 f). Siehe dazu unseren Beitrag Was wirklich sind Unforced Errors?

Die Chancen und Risiken des Umlernens sind im Folgenden zusammengestellt:

Chancen

  • Durch kleine Umstellungen können evtl. schnell erhebliche Verbesserungen erzielt werden.
  • Völlig neue Schläge bereichern das taktische Arsenal
  • Schläge, die man nie beherrscht hat, versteht man nun. Man kann an der  Verbesserung gezielter Arbeiten.
  • Die Beschäftigung mit den neuen Schlägen vertreibt Routine und Langeweile.
  • Das Verständnis für das Tennis der Spitzenspieler und den jungen Nachwuchs im  Club nimmt zu. Man kann besser mitreden.
  • Belastungsschäden werden durch bessere Bewegungsmuster verringert.
  • Die geistige Fitness wird gefördert.

Risiken

  • Die Veränderungen oder allein schon die Beschäftigung mit der modernen Tennistechnik stört die gewohnten Schläge.
  • Schnellere Schläge oder Schläge mit mehr Topspin verändern die taktischen Situationen (z.B. sich selbst durch schnelle Bälle abschießen).
  • Es dauert lange, bis neue Schläge auch im Match sitzten.
  • Die neuen Bewegungspfade belasten Stellen am Körper, die nicht darauf vorbereitet sind.
  • Die Clubkameraden nehmen es übel, dass ein „Streber“ Schläge anstrebt, an die sie selbst im Traum nicht mal zu denken wagen.
  • Bewusstes Schlagtraining gilt gernerell in vielen Clubs als unnötig und eher als Zeichen (hiermit eingestandener) minderer Begabung (Genieeffekt).
  • Analysen des eigenen Spiels gehen dem Umlernprojekt im Allgemeinen voraus. Diese Analysen stehen aber im Club unter verschärftem „Ausredeverdacht“ (die Grenzen sind tatsächlich oft verschwommen).

Welche spezifischen Probleme gibt es beim Umlernen?
Umlernen ist generell sehr schwer und nimmt ein erheblichs Zeitbudget in Anspruch. Dies stellte auch Prof. Stefan Panzer  in einer Studie fest.

damals am Institut für Allgemeine Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, siehe PR-Mitteilung hier…. (heute Professor in Saarbrücken).

Ausführlicher erläutert er und seine Kollegen, wie man sich derzeit die Konkurrenz (Interferenz) der alten mit den neuen Bewegungsmustern vorstellt. Die alten Bewegungsmuster werden nicht vollständig überschrieben und können sich auch später zu Wort melden.

siehe  Stefan Panzer, Falk Naundorf & Jürgen Krug Motorisches Umlernen: „Plane ein notwendiges Umlernen langfristig …!“ .

Demzufolge ist Umlernen in gewissen Phasen sogar schwerer als Neulernen. Allerdings hat Panzer Tricks herausgefunden, wie Umlernen besser geht. So ist es sinnvoll, die neue Bewegung möglichst in einem anderen Kontext zu lernen. Bei Eisschnellläufern, die er untersuchte, ist schon die Bahnrichtung, rechts herum statt links herum, eine Erleichterung um sich auf anders konstruierte Schlittschuhe umzustellen. Und er hat festgestellt, dass Umlernen bei den Sportarten leichter fällt, bei denen man die Bewegungen selbst sieht, z.B. beim Handball statt beim Schwimmen. Der Service im Tennis ist m.E. eine Bewegung, die man selbst nicht gut visuell kontrollieren kann.

Mein bewegungswissenschaftlich ausgewiesener Forenfreund berichtete schon vor Jahren von seinen Erfahrungen, denen zufolge niemals gewährleistet ist, dass nicht alte Bewegungsmuster  (bei Turnern) sich durch irgendwelche Umstände wieder in den Vordergrund drängen. Man sollte deshalb Alles vermeiden, was die alten Bewegungsmuster, oder Teilmodule davon, erneut triggern, also anstoßen, kann.

Einen anderen Zugang zu dieser Problematik zeichnet die psychologische Bewegungsforschung, siehe die sehr lesenswerte Diss von Mathias Kromer, in der H. Haken, der Nestor der Synergetik mit einem Beispiel des Skilaufenlernens referiert wird.

Haken bezieht ausdrücklich das Bewegungslernen in ein synergetisches Modell der Bewegungsorganisation mit ein. Er geht dabei auf das Skifahren ein, bei dem sich ein intensives Üben des Pflugfahrens nicht immer als positiv für die Situationsbewältigung erweist. Nach Haken hat der lange und intensive Lernprozess des Pflugfahrens, bildlich gesprochen, eine tiefe Mulde in der Potentiallandschaft hinterlassen. Dadurch werden manche Skifahrer in schwierigen Situationen in den Pflug zurückfallen, obwohl in diesen Situationen das im Lernprozess später erlernte Schwingen besser geeignet ist. Die trainingsmethodische Folgerung Hakens ist, im Lernprozess gleich mit dem Erlernen des Schwingens zu beginnen und nicht wie üblich mit dem Pflugfahren. Haken konzipiert hiermit irreversible Prozesse im Rahmen einer synergetischen Bewegungsorganisation und bildet so eine Ausnahme in der sportwissenschaftlichen Literatur zur Synergetik, die sich i.d.R. auf momentane, reversible Prozesse und Ordnungszustände beschränkt.“ (S. 37f)

In ähnlicher Weise plädiere ich dafür, die Vorhand von Anfang an mit einer bestimmten Ausgangsstellung zu trainieren, siehe unseren Beitrag „Ausholen zur Vorhandpeitsche„.

Auch Kromer betont die Schwierigkeit des Umlernens, da insbesondere in Stresssitationen alte Bahnungen wieder aktiviert werden. Hier haben wir einen ganzen Fächer ausgearbeiteter Lernhilfen für Praktiker gefunden,  u.a. auch für  mentales Training nebst Einführungstexte in die Sportsoziologie Sportpsychologie ,  für Lehrer.

Tipps zum Umlernen
Dies alles auf das Umlernen im Tennis umgemünzt,
empfehlen wir folgende Vorgehensweisen:

  • Ein neues Bewegungsmuster sollte sich so grundlegend wie möglich vom alten unterscheiden.
  • Ritualisierungen (Mätzchen, Marotten,  Gewohnheiten), an die man sich gewöhnt hat, sollten möglichst vollständig durch neue ersetzt werden. Rituale müssen nicht das Gleiche sein, wie Macken oder Ausdruck zwangsneurotischer Tendenz, wie es Jörg Almeroth hier darstellt.
    • So arbeite ich im Moment daran, eine vor dem Ballwurf (Service) angewöhnte verkrampfte Mimik durch ein lockeres Lächeln zu ersetzten. Denn das ist der erste Einstieg in ein falsches Programm.
    • Manche Spieler haben sich eigene Ritualisierungen ausgedacht, die vom Außenstehenden kaum bemerkt werden: Kettchen berühren usw.
  • Die neuen Bewegungen in anderem Kontext üben, also…
    • an anderem Ort,
    • mit anderen Bällen,
    • mit anderen Schlägern
      (evtl. auch mit zwei Schlägern übereinander gehalten; ein alter Trick für die muskuläre Vorbereitung der Vorhand, geht aber auch beim Aufschlag – macht die Bewegung wegen der doppelten Masse langsamer und ausgeprägter und der Ballwurf wird automatisch höher, wegen des anderen Muskeltonus)
    • mit Zuschauern
  • Mental auch zu Hause trainieren
    • Viele Videos, bes. auch in Zeitlupe, betrachten
    • Innere Vorstellungen vom neuen Schlag abrufen
    • Verbalisierungen des Bewegungsablaufes vornehmen.
  • Anderen Menschen den neuen Schlag zeigen, vorführen und erklären (Verbalisierung).
  • Wenn es geht, die neuen Bewegungen vor dem Spiegel üben. Panzer konnte zeigen, dass bei Sportarten, bei denen man die eigene Bewegung sieht, ein schnelleres Umlernen möglich ist, also..
    • beim Aufschlag auf das Schattenbild achten, z.B. das Absenken des Schlägerkopfes zum tiefsten Punkt der Schleife hinter dem Rücken. Geht sehr gut. Diesen erstaunlichen Effekt habe ich selbst entdeckt und freue mich nun, dies nachlesen zu können.
    • vor dem Spiegel oder einer reflektierenden Scheibe üben. (Tennishalle, zu Hause, trocken). Auch das konnte ich beim Trockenübung (Service) vor einem Schrank mit Glasscheibe beobachten. Der visuelle Eindruck, wann die Schulterkippe da ist, hielt Tage lang an.
    • Videokontrolle – real time- der eigenen Bewegungen. Sollte heute technisch nicht zu schwer sein. Wäre sogar mit inverser Präsentation des Bildes möglich, falls sich dies als günstiger erweist.
    • Die Bewegung bzw. die Kontrollpunkte so umstellen, dass sie ins Blickfeld kommen (siehe Abschnitt „Tricks zum Umlernen“ in unserem Beitrag Ausholen zur Vorhandpeitsche.)
  • Die Bewegung seitenverkehrt mit dem anderen Arm üben (kontralateraler Transfer, siehe Diss Eva Hendrich). Dies werde ich demnächst in mein Training einbauen.
  • Biomechanisch Zwangsbedingungen einführen, die die alte Bewegung unmöglich machen.
    • Das Mitnehmen der linken Hand mit dem Schläger bis zur Position rechts in Ohrnähe (Vorhand) ist äußerst hilfreich, um das Ausholen untenrum zu verhindern. Das gilt übrigens auch für die einhändige Topspin-Rückhand.
    • Es gibt auch Vorrichtungen, die bestimmte Bewegungen ermöglichen, bzw. andere ausschließen.
      (z.B. Vorschlag von Roland Stabbauer, ein Plastikrohr auf den Schlägerknauf zu stecken. Dies funktioniert erstaunlich gut, um typische Fehler beim Ausholen und bei der Schlagbewegung zu verhindern.) 
  • Mikroprozessor-gesteuerte Kontrolle der Bewegungsbahnen, ähnlich Wii, oder iPhone. Geeignete Soft- und Hardware erwarte ich in den nächsten Jahren. (etwa auf Basis der iPhoneApp „Invisible“) bzw. der Golf-App 3BaysGSAPro, siehe Zusatzinfos im nächsten Absatz.
  • Anderes Schlägermaterial benutzen, z.B. leichten Schläger, wenn man die Vorhandpeitsche sonst nicht hinbekommt, siehe unseren Beitrag zum Schlägertuning.

Zusatzinfos GSA-Pro

Der Gyrosensor des Analysators wird auf auf dem Griff des Schlaggerätes angebracht und über Bluetooth mit dem Smartphone (Apple oder Android) verbunden. Die Bewegungsbahnen werden erfasst und grafisch dargestellt. Schlägerkopfgeschwindigkeit und Energieeintrag in den Ball werden gemessen und angezeigt.

Siehe auch das YouTube

Golf App GSA

 

 

 

 

 

 

Wünsche für eine derartige Tennis-App:

  • Ideale Bewegungsbahnen werden in einer Lernphase des Geräts (Trainer) eingegeben.
  • Der Benutzer bzw. der Trainer legt dann fest, welche Kontrollpunkte für eine sofortige akustische Rückmeldung (oder leichter Stromschlag) ausgewählt werden sollen.

Wir gehen davon aus, dass durch unmittelbare Rückmeldung bei nicht gewünschten Bewegungsmustern eine außerordentlich schnelle Adaption der Motorik erzielt wird, ähnlich der Schmerzvermeidungsmotorik bei einer Verletzung.

Ein System, das dies gewährleistet, würde Um- und Neulernen revolutionieren.

Deshalb haben wir uns mit diesen Vorschlägen an den Hersteller gewandt. Die Meinungen unserer Besucher wären sicherlich für die weitere Entwicklung interessant.

Letzter Trick – und immer wieder daran denken: entspannen
Vor einigen Tagen ist mir dieser Lehrclip von Essential Tennis untergekommen, in dem Roger Federer sich ganz locker warmmacht. Wie eigentlich unathletisch wirkend Federer hier den Aufschlag hinlegt, ist fast schon provozierend. Es hat mir aber geholfen, nach eigener monatelangen Fokussierung auf die Zielstellung maximalen Energieeintrages, ein paar Gänge zurückzuschalten. Nicht alles zu vergessen, worauf man gelernt hat zu achten, aber eben diese Dinge nur mehr oder weniger anzudeuten.

 

© Dr. Holger Hillmer

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