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Seniorentennis, was ist anders?

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Diese zunehmend wichtige Erwachsenengruppe wird in vielen Marktsegmenten sträflich unterschätzt. Auch die Sportmedien bringen für ältere Spieler kaum Anregungen und Hilfen. Deshalb sind gerade ältere Spieler ziemlich alleingelassen, wollen sie Nutzen aus den üblichen Darstellungen zum Thema Tennis beziehen.
Hier sagen wir, was im Alter schlechter wird, was sich verbessert und an welcher Stelle man einen Abbau mindern oder kompensieren kann. Dabei sind die Senioren eine unkomplizierte Spezies:  „Solange Sie Tennis spielen ist für Sie die Welt in Ordnung“, sagt ein ehemaliger Nationaltrainer und zählt taktische Besonderheiten des Seniorentennis auf.
Erstaunlicherweise erleben wir im Moment ähnliche Argumente im Zusammenhang mit der hohen Turnierbelastung der Top 30 Spieler, siehe hierzu den Exkurs zum Streit Feder/Nadal am Schluss des Beitrags.

 

So schreibt Daniela Worek in ihrer Dissertation, S. 22, „Da Tennis im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten bis ins hohe Alter gespielt werden kann, hat das Seniorentennis im DTB einen hohen Stellenwert. Im internationalen Vergleich können deutsche Senioren immer wieder mit beachtlichen Erfolgen auf sich aufmerksam machen. Das spiegelt sich auch in der Statistik des DOSBs wider. Mit 209.977 Mitgliedern, die älter als 60 Jahre sind, belegt der DTB auch in der Klasse der über Sechzigjährigen, nach den Turn- und Schützenvereinen, einen Spitzenplatz“

Dabei gibt es eine ganze Menge, was beim älteren Spieler anders ist, als beim jungen. Umso erstaunlicher, dass sich dieses Themas in Deutschland noch kein Portal angenommen hat. Siehe zum Vergleich diesen US-Blog von George Wachtel, dass sich allein um Senior Tennis and Fitness, also um Seniorentennis rankt.

Tennis ist gerade für ältere Menschen von unschätzbarem gesundheitlichem Wert. So wurde z.B. herausgefunden, dass die Knochendichte erhöht wird, durch die harten Stöße, die beim Aufsetzen des Fersenbeines entstehen. Und obwohl die Senioren in Umfragen gerne nach stark gedämpften Schuhe verlangen, sind es gerade die harten Aufsetzter die den positivsten Einfluss auf Knochenmasse und -Dichte ausüben.

Siehe die Dissertation von Jens Heidenfelder Entwicklung eines dynamischen Tests zur Prüfung der Rückfußdämpfung von Laufschuhen mittels biomechanischer Messmethoden S.38. Dabei geht der Aufsetzschock durch den ganzen Körper und kann noch am Kopf, wenngleich auch gedämpft, gemessen werden. Siehe unseren Beitrag Tennisschuhe in der Diskussion.

Es gilt heute als erwiesen, dass der Altersabbau durch sportliche Betätigung erheblich gemindert werden kann.

„Jedoch zeigen Beispiele von zeitlebens sportlich aktiven Menschen, dass es durchaus möglich ist, im hohen Alter Leistungen zu vollbringen, die die durchschnittliche körperliche Leistungsfähigkeit Gleichaltriger oder sogar Jüngere bei weitem übertreffen.“  Siehe die Dissertation von Agathe Venedey-Grenda, „Sportmedizinische und Trainingswissenschaftliche Langzeitstudie (1982 – 2004) zum Alterssport...“
Dazu trägt auch eine gesunde sportlich relaxte Einstellung zum eigenen Tennisspiel bei, wie sie Larry Albritton in einem Spielbericht musterhaft erkennbar werden lässt, siehe den englischen Text hier….

„Wie ein Blick auf die Bevölkerungspyramide zeigt, ist der Anteil der über 60-jährigen von 14,0% im Jahr 1950 auf 24,1% im Jahr 2001 gestiegen, wobei ein weiterer Anstieg auf 29,3% für das Jahr 2020 erwartet wird (Abb. 1). Aber nicht nur die Chance auf ein hohes Alter ist dank der Errungenschafen der modernen Medizin gestiegen, sondern die älteren Menschen der heutigen Zeit sind stärker daran interessiert, „aktiv an der Wahrung der Qualität ihres Lebens zu arbeiten und ihren Anspruch auf entsprechende Chancenverteilung anzumelden“ (KAPUSTIN 1980). „, (zitiert aus obiger Dissertation, S.1)

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Die Menschen leben länger und können länger Sport betreiben. Das hat gesundheitspolitische Folgen und beeinflusst auch das Geschehen im Sportwirtschaftsbereich.

Tennis erhält seinen Reiz auch aus der Möglichkeit, immer wieder etwas Neues zu lernen. Leider sind gerade ältere Spieler aber ziemlich alleingelassen, wollen sie diesbezüglich Hilfe aus den üblichen Darstellungen zum Thema Tennis beziehen. Diese leiden oft an einer 1 : 1 -Übertragung von Erfahrungen aus dem Spitzentennis auf das Freizeittennis. Dies bemängelt beispielsweise auch Rafael Bahamonde in einer Studie Anfang der 90 er Jahre.
Im Alter von mehr als 50 Jahren verliert man aber über 20% der Kraft. In diesem Alter ist man weniger elastisch, langsamer und wird nach längeren Ballwechseln eher müde. Siehe zu den anderen Ballgeschwindigkeiten unseren Spitzenspieler und Freizeitspieler, hier…, zum Aufschlag im Freizeittennis hier…

Schnelligkeit im Tennis
Kraft und Schnelligkeit sind, in der Anwendung auf Tennis zwei eng miteinander verbunden Größen. Sven Piper, den wir in anderen Beiträgen schon verlinkt haben, hat dieses Thema ins Zentrum seiner Dissertation gestellt, deren Schätze hier noch längst nicht genügend gehoben wurden. Mit der reinen Kraft- oder Reaktionsmessung ist es nämlich nicht getan, denn verbesserte Antizipation kann das „Gesamtpaket“ vor allzu schnellem Niedergang etwas schützen. Die hier gezeigte „Alterskurve“ der Sprintschnelligkeit basiert im Wesentlichen auf zyklischen Bewegungen. Ein Rückschlagspiel, wie Tennis, ist aber durch azyklische Muskelbewegungen gekennzeichnet.

 

Im Tennis kommen noch weitere Faktoren hinzu, die letztlich die Schnelligkeit im Laufen und im Schlag beeinflussen, und dem älteren Spieler die Chance geben, mit einem jüngeren mitzuhalten. Die Schläge selbst erlauben während der Bewegungsaktion selbst keine zeitnahen Rückmeldungen über den Bewegungserfolg. Man spricht von open-loop Bewegungen, die eine bewusste Kontrolle ausschließen. Lediglich die kinästetische Erinnerung (Bewegungsgefühl) und der Bewegungserfolg (Treffen des Balles bzw. seine Richtungsgebung) stehen als zeitlich versetztes Feed-Back zur Verfügung (Piper S. 58).

Es kommt also stark auf die Koordinierungsfähigkeiten an, die selbst wiederum von weiteren Faktoren abhängen …  

  • Taktische Erfahrung mit verschiedenartigen Gegnern, 
  • bessere Antizipation,
  • ausgereiftes eigenes taktisches Gesamtkonzept, 
  • bewährte Reaktionsmuster,
  • stabile Psyche

Wenn also auch ab Mitte der 6. Lebensdekade pro Jahr die Maximalkraft um 1% bis 2% abnimmt, die Explosivkraft sogar um 3% bis 4% , gibt es doch in begrenztem Umfang Kompensationsmöglichkeiten.

Dies erinnert mich an den Hinweis meines Professors (Kybernetik und Studiotechnik, Prof. Winckel, TU-Berlin), dass ältere (erfahrene) Musiker bei Musikinstrumenten Obertöne wahrnehmen, die sie nach Messungen mit singulären Sinustönen überhaupt nicht mehr hören können. Sie haben aber die Fähigkeit, aufgrund der immer vorhandenen Subharmonischen auf diese Frequenzanteile zu schließen. Natürlich geschieht das völlig unbewusst.

Die Fülle der Faktoren und damit der Ansätze für einen Ausgleich nachlassender Grundkraft im Alter zu sorgen, werden in dieser Grafik gut veranschaulicht (nach Sven Piper S.64)

Vic Braden  als Fachmann für einfache Tipps zum Freizeittennis, verharmlost zwar das Problem nachlassender Kräfte, wenn er behauptete, jeder könne auch beim Tennis in die Knie gehen, der sich auf einen Stuhl setzten und wieder aufstehen kann. Ja, wenn das so einfach wäre!
Aus der Alterssoziologie und -pychologie ist aber bekannt, das die Fähigkeiten der Älteren oft unterschätzt werden, das betrifft die Fremd- aber auch die Selbsteinschätzung. In einer Talkshow hörte ich vor einigen Tagen den Begriff „Altersrassismus“, der die Sache gut trifft.

In Wahrheit nämlich steigen viele Leistungen im Alter noch an (z.B. Sprachfähigkeiten) und wenn man sich rechtzeitig mit neuen geistigen Aufgaben befasst, bleibt man lange fit. Das gilt natürlich auch für den Vergleich athletischer Leistung des älteren Trainierten mit einem untrainierten Jüngeren.

Insofern kann Umlernen der Tennistechnik eine Option sein. Dass dies durchaus Spaß machen kann und auch 73-Jährige dazu stehen, siehe den Beitrag von Nick, (USA):  „Amen, brother! It’s taken me 73 years to learn this – and I feel a debt to you for it!“ und anderen hier…  Ich möchte dies aus eigener Erfahrung bestätigen.
Zum Umlernen gibt es viele aus der Forschung abgeleitete Tricks, siehe unseren Beitrag Umlernen. Wer dazu eigene Wege und Erfahrungen beisteuern kann, sei ausdrücklich auf unsere Kommentarfunktion hingewiesen.
Welche Hinweise gibt uns ein auch bewegungswissenschaftlich ausgewiesener Experte, der schweizer Nationaltrainer Stojan?

Empfehlungen von Stojan, dem ehemaligen Nationaltrainer der Schweiz…
 siehe hier…

  • Bei den Grundlinienschlägen müssen Sie konsequent die Endposition des Schlägers kontrollieren.
  • Der Schläger beschleunigt von unten nach oben und endet oben, meist über der Schulter.
  • Die offene Position beim Forehand und Backhand hat für die Senioren einige Vorteile: Sie ermöglicht den schnellen Start zu allen Schlägen sowie die optimale und schnelle Deckung des Platzes für den nächsten Schlag.
  • Stoppball und Lob sind nach 50 eine absolute Notwendigkeit.
  • Für die Senioren gilt: „Sie spielen nur so gut, wie ihr 2. Aufschlag ist“.

Und zur Taktik empfiehlt Stojan

  • Immer weniger Punkte werden mit offensivem Spiel gewonnen, weil die Distanz zum Netz immer grösser wird. Deswegen:
  • Schon den 1. Aufschlag mit mehr Rotation spielen.
  • Spielen Sie geduldig und riskieren Sie nur das, was Sie beherrschen und nicht das, wovon Sie träumen.
  • Spielen Sie von der Grundlinie aus oft CROSS (diagonal), damit der Gegner mehr laufen muss als Sie. In der Mitte ist das Netz um 14,5 cm niedriger und die Cross-Linie um 2 Meter länger
  • Spielen Sie oft Fast-Halfvolleys,
  • stehen Sie ca. einen Meter vor der Grundlinie.
  • Vergessen Sie nie: „Die Matches werden nicht durch sensationelle Bälle gewonnen, sondern durch vermeidbare „dumme“ Fehler verloren.

Zur Psyche sagt er

  • Die Fähigkeit, sich zwischen den Punkten schnell und genügend zu erholen.
  • Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, in der Regel; auf den nächsten Punkt.
  • Kopieren Sie das Benehmen der grossen Spieler. In den Pausen praktizieren sie die Rituale
    • Vor dem Aufschlag das Tippen mit dem Ball 2-3mal zum Boden
    • Nach dem Punkt relax, korrigieren Sie mit den Fingern die Schläger-Bespannung
    • pressieren Sie nicht.
  • Spielen Sie Trainings-Matches um eine Wette. So erleben Sie die Match-Atmosphäre schon im Training. Die Stress-Situationen werden dadurch für Sie zu ganz normalen Situationen.
  • Und das Wichtigste, das für uns Senioren gültig ist?

„Solange Sie Tennis spielen ist für Sie die Welt in Ordnung“

Dabei hat Stojan diesen Satz vermutlich eher als Anregung und weniger als Zustandsbeschreibung verstanden. Es sollte aber gerade den Senioren möglich sein, ein „angstfreies Tennis“ zu spielen, bei dem folgende Grundregeln zu beherzigen sind. Beispielhaft ist eingangs der eingangs verlinkte Spielbericht eines U.S.-Bloggers, in dem die im Folgenden aufgeführten Punkte beherzigt wurden

  • bleibe auf dem Platz entspannt und zuversichtlich;
  • vermeide es, mit Deinem Spiel zu hadern und spiele in der Gegenwart;
  • spiele gleichzeitig locker und fokussiert;
  • spiele Dir vor dem Match ein imaginäres Spiel durch, um Dich in optimale Stimmung zu bringen;
  • und vor allem, versuche Dein Selbstbewusstsein davon zu trennen, ob Du nun gerade gut oder weniger gut spielst, bzw. wie Deine Performance sich im Moment anfühlt.

Natürlich sind manche dieser Forderungen in sich widersprüchlich und gerade das bewusste Bemühen um Verbesserungen kann viel von der gewünschten Lockerheit zunichte machen. Aber dennoch sollte der Spieler ein Gefühl und die Fähigkeit dafür zu entwickeln, seine eigene Komfortzone für beste Performance immer wieder zurück zu gewinnen.

Tennis bietet viele Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln, die aber wenig genutzt werden. Vermutlich erklären sich viele Ansätze,Tennis durch Musik und andere Beigaben aufzupeppen auch aus den fehlenden Anreizen und Angeboten, am eigenen Tennis „etwas zu tun“.

Was tatsächlich fehlt, ist die Übertragung des modernen Spitzentennis auf die normalen Clubspieler – ich nenne es mal  „Modellgesetze“.  Die dort gewonnenen Erkenntnisse  müssen „maßstabsgerecht“ in Bezug auf die athletischen und anderen Dispositionen verschiedener Spielergruppen umgesetzt werden:

  • Bis zu welcher Spielstärke beispielsweise, kann der Freizeitspieler oder auch der ältere Turnierspieler sich Eigenheiten erlauben, ohne seine Spielstärke entscheidend zu beeinträchtigen (z.B. Vorhand nur Slice oder Ausholen „untenrum“)?
  • Wann empfiehlt es sich, grundsätzlich ein neues Bewegungsschema einzuüben und wann bleibt man besser bei seinem alten Schema?
  • Welchen Trainingsaufwand müsste man für ein Umlernen ansetzen? Kann das befriedigend sein, obwohl man erst mal „schlechter“ spielt (der Weg ist das Ziel)?

Einige Gründe, inwiefern und warum sich Freizeittennis von dem der Profis unterscheiden – und dass selbst die Spitzenspieler nicht immer „gut aussehen“, siehe auch hier…

Angesichts der Bereitschaft des ITF, für die Aktion play & stay Tennisregeln für bestimmte Spielergruppen anzupassen, könnte man auch überlegen ob nicht weitere Regeländerungen für Senioren – einige (Pausenregelungen) gibt es ja schon – eingeführt werden sollen. Ab einer gewissen Altersgruppe (und unterhalb, sagen wir mal Verbandsliga) könnte ein Bereich hinter der Netzlinie bestimmt werden, in dem der Ball nicht aufkommen darf.

Ich wette, dass ein Großteil der Verletzungen in dieser Personengruppe aus misslungenen Versuchen, einen Stop zu erreichen, resultiert. In gesundheitlich gesehen paradoxer Weise, ist aber gerade bei den Senioren der Stop so sehr beliebt, siehe auch Stojan, hier…. Deshalb dürfte es schwer werden, hier gesundheitliche Bedenken gegen diese beliebte Spielvariante ins Feld zu führen. Wünschenswert wären aber Wettkampfregeln, die eine kontinuierlichere Bewegung der Senioren fördert. Dass dies nicht durch freiwillige Vereinbarungen der Wettkampfgegner passieren wird, zeigt die Betrachtungsweise von Jan Hasper. Nach meinen Erfahrungen weichen die Senioren gerne ins Doppel aus. Manchmal werden auch allzu eifrige Stoppspieler gemieden. Eine Änderung der Wettkampfregeln wäre die sauberere Lösung.

Exkurs: Streit im Player Council Federer vs. Nadal, Djokovic….

Äußeres Regelwerk für die Spitzenspieler
Nun gibt es zur Zeit einen Streit unter den Weltspitzenspielern, inwieweit die hohe Turnierbelastung für die Weltspitze ein unzulässiges Gesundheitsrisiko darstellt und deshalb eingedämmt werden sollte.

Dazu schreibt der Forist cinci, Quelle siehe hier… in der Antwort auf xy74:

„Um Ihre Frage zu beantworten: Die ATP schreibt vor, dass für Top30-Spieler die Teilnahme an allen Master Turnieren (davon gibt es 9) und den ATP World Tour Finals (insofern sie sich qualifizieren) verpflichtend ist. Zusätzlich müssen diese Spieler 5 sogenannte ATP500-Turniere spielen. Dazu kommen die 4 Grand Slam Turniere, die allerdings nicht von der ATP veranstaltet oder verwaltet werden, und bei vielen Spielern Davis Cup Verpflichtungen. Für Top-Spieler mit erfolgreichem Davis Cup Team kommen da schnell 20 und mehr verpflichtende Turniere zusammen.

Spieler, die ohne medizinischen Grund von einem Turnier fernbleiben, können im nächsten Jahr bei diesem Turnier keine Ranking-Punkte sammeln. Spieler, die mehr als 600 ATP-Matches bestritten haben (also Federer und ich meine seit kurzem auch Nadal), können ein Master-Turnier unentschuldigt aussetzen.

Zum Artikel:
Das Problem der Verletzungsgefahr und gestiegender körperlicher Ansprüche betrifft doch nicht nur Nadal und Djokovic. Wenn man sich die Top100 anschaut, gibt es jede Menge chronisch verletzter Spieler. Junge Spieler wie Murray und Del Potro wachsen mit langen Verletzungspausen heran. Die US Open letztes Jahr haben einen neuen Verletzungsrekord aufgestellt – und da sind verletzungsbedingte Turnierabsagen noch nicht eingerechnet.

Es kann halt nicht sein, dass ein Sport nach Regeln der 70er/80er Jahre gespielt wird, wenn Material und Spielweise sich derart verändert haben. Fakt ist auch, dass die Tennissaison so lange ist wie in keinem anderen (mir bekannten) Sport – von Anfang Januar bis Ende November.

Federer hat das Glück, mit einem mehr oder weniger verletzungsresistenten Körper gesegnet zu sein. Sicher ist es aus seiner Sicht die Schuld der anderen, die ihren Kalender schlecht gestalten oder zu ineffizient spielen. Aber eigentlich geht hier auch noch um etwas anderes:

Federer hat sich zum Präsidenten des Player Council wählen lassen. Da die Spielervereinigung wie eine Gewerkschaft funktioniert, ist es in dieser Position seine Aufgabe, die Interessen seiner Spielerkollegen zu vertreten. Wenn er das nicht tun will, braucht er sich auch nicht zur Wahl stellen und sollte das Amt an jemanden abtreten, der sich dazu bereit fühlt.“

Unter der Überschrift „pro domo“ antwortete ich ihm zustimmend:

„Es ist traurig, dass ein so großes Tennisvorbild bezüglich des Regelwerks die eigenen Bedingungen, die er sich ja nicht sämtlich selbst aussuchen konnte, in den Vordergrund stellt. Ich denke, die von Ihnen dankenswerter Weise dargestellten Turnierverpflichtungen der Top 30 haben im Effekt den gleichen Rang, wie die ITF- Regeln zum Punktverlust während eines Matches. Als eher biomechanisch Interessierter und Engagierter (www.tennisfragen.de) war ich immer der Meinung, dass die Strokes sich durchsetzen sollen, die eine maximale athletische Kondition einzusetzen erlauben, um ein Match zu gewinnen. Ähnlich dem Rennwagen, der hinter der Ziellinie auseinander fällt (wobei bei der Formel 1 inzwischen ein Regelwerk dazugekommen ist, das dieses Bild obsolet macht).

Die Strokes Federers sind möglicherweise in dieser Hinsicht veraltet.

Sollen nun angebliche Effizienz-Kriterien im „äußeren Regelwerk“ maßgebend sein, um diesen Mangel auszugleichen?

Dabei hat mir noch niemand erklären können, weshalb z.B. Djokovic weniger effizient spielt, als Federer. Ist es die einhändige Rückhand Federers oder sein dadurch bedingter häufigerer Rückhand-Slice Einsatz?

Das wären aber Kriterien, die der schweizerische Ex-Nationaltrainer Stojan für das Seniorentennis empfiehlt. Das kann ja so nicht gemeint sein. (Der letzte Satz liest sich vielleicht etwas polemisch, mir fällt aber gerade keine neutralere Formulierung ein – ich bitte um Entschuldigung)“. Quelle hier…

Es ist ein sehr komplexes Thema, dass man in einem Forum nicht erschöpfend behandeln kann. Es gibt sicher gute (wirtschaftliche) Gründe für die Turnierdichte, die letztlich dem Turnierzirkus dient.

Mein Einwand bezieht sich aber auf die Argumente, die offenbar von Federer vorgetragen wurden, …

  • er wäre nicht so betroffen und
  • dies läge an seiner klugen und besonders effizienten Spielweise.

Mit den Fragen Turnierbelastung einerseits und dem Begriff „Effizienz“ haben wir uns noch nicht beschäftigt. Man sollte dieses Thema im Auge behalten, gerade auch unter biomechanischem Aspekt. Bei der ersten Google-Suche nach dem Begriffspaar Federer+Effizienz bin ich auf die interessante Homepage Federers gestoßen, siehe hier…  Man kann sich die Turnierbelastung mithin selbst zusammenrechnen. Was genau mit Effizientem Spiel gemeint ist, wäre noch zu ergründen.

Wenn man die Frage nach Regeländerungen angeht, muss man zunächst, ob sich die Turnierteilnahmevorschriften (bzw. die Auswirkungen auf die Belastung der Spieler)  in jüngster Zeit verschärft haben, oder ob sie schon immer so waren. Es scheint so, denn die Beobachtung, dass sich die Verletzungen der Top 30 (nur dieser Gruppe?)  mehren wird nicht bestritten. 
Sollte dieser Zusammenhang geklärt sein, würde das eine Verschiebung der Gewichte zwischen einzelnen Spielerprofilen bedeuten und bedürfte gegenüber den betroffenen Spielern einer besonderen Legitimation. Ähnliches gilt auch für die Wahl der Bälle, der Beläge usw.

Wir haben im Bereich der Medenspiele in Deutschland ähnliche Entwicklungen, jedoch nicht im Sinne einer Verschärfung sondern eher im Sinne der Erleichterung für manche Spielergruppen (z.B. Match-Tie-Break). Doch auch hier werden die Gewichte zwischen verschiedenen Spielertypen verändert und von Einigen auch bedauert.

© Dr. Holger Hillmer

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