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Tenniswissen | Tennisanalysen

Splitstep an der Grundlinie und im Feld

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Vorgaben zur Beinarbeit sind für den Tennisspieler ein wahrer Gräuel. Schließlich bewegt man sich auf seinen Füßen vielfältig, natürwüchsig und damit weitgehend unbewusst. Manche Tennisbücher erstaunen und verwirren Anfänger wie Fortgeschrittene mit komplizierten Schrittmustern, die man leicht mit den Unterlagen einer Tanzschule verwechselt; Paso Doble oder Mambo sind Nichts dagegen.
Wir geben hier aber keine Anleitung zum Verknoten der Beine, sondern eine verständliche und höchst wirksame Hilfe, um Schnelligkeit und Platzabdeckung des Tennisspielers dramatisch zu verbessern. Insbesondere beim Aufschlagreturn ist der Splitstep eine große Hilfe, die Zahl der Unforced Errors – auch bei leichten Aufschlägen – erheblich zu reduzieren. Das Einüben geht sehr schnell, schon nach weniger als zwei Wochen ist der Gewinn größer als eine eventuelle Anfangsirritation. Der Winter ist genau die richtige Zeit, den Splitstep zu üben.
(Kürzliche Überarbeitung des Beitrags aus Anlass eines Gesprächs mit Mannschaftskameraden).

 

Beinarbeit a la Tanzschule – ein abschreckendes Beispiel
Wir können hier nicht auf sämtliche Ratschläge der Community zur Beinarbeit eingehen. Zur Illustration, was Alles so gelehrt wird, hier der Filmclip „Dance like never before“ von Jeff Salzenstein. Es sind Muster, die, auch wenn sie uns nicht unmittelbar einsichtig sind, vielleicht zum Nachdenken anregen. Quelle

Jeff Salzenstein, kurzer Ball in der Mitte, geschlagen mit Footwork-Muster „Lift and Land“. Bei den Varianten „Lift and Land“ sowie „Karioka“ kreuzt das hintere Bein hinter das vordere. Bei „Run Thru“ bleibt diese Komplikation aus, ebenso bei „Outside Hop“, bei dem ein beidbeiniger Hüpfer in frontaler Körperstellung als Abschluss eingebaut wird. Eine biomechanische Begründung wird nicht gegeben. Das mal zu üben kann nicht schaden, weil damit die Fähigkeit, sonst unwillkürliche Bewegungen bewusst zu variieren, trainiert wird. Für den Wettkampf  selbst erkennen wir im Moment keine besondere Relevanz. Jan Hasper würde diese Varianten – außer Run Thru – vermutlich als Kunststückchen qualifizieren. Siehe auch weiter unten, Beinarbeit kompliziert von Bailey, eine weitere Arabeske. 

Der Splitstep

Hier geht es uns stattdessen um den sogenannten Split-Step. In den 80 er Jahren wurde er gelehrt, um dem Angriffsspieler die Annäherung an das Netz zu erleichtern, indem er auf der Drehkreuzposition (T-Linie) durch einen kleinen Hüpfer optimal vorbereitet war, den Return des Gegners (Lob, Passierschlag, Ball vor die Füße) zu kontern.

Heute ist dieser kleiner Hüpfer regelmäßig der Auftakt, um zum Ball zu starten. Besondere Bedeutung erhält er beim Aufschlagreturn, wo er den Standard aller Spitzenspieler darstellt und selbst aus den höheren Ligen in Deutschland nicht wegzudenken ist.

Splitstep beim Aufschlagreturn, verschiedene Spieler.

Leider ist in dem YouTube der Ballkontakt des Aufschlägers nicht zu hören, da Slow Motion.
Daher folgend ein Live-Mitschnitt, der gleich zu Beginn die Synchronizität von Aufschlaggeräusch (Dimitrov) und Splitstep (Federer) demonstriert. Beim Return von Dimitrov (3:58) sieht man sehr schön, dass der Splitstep sogar auch dann ausgeführt wird, wenn die Beine des Retournierers durch eine Vorwärtsbewegung bereits beschäftigt sind.


Federer vs. Dimitrov, Basel 2013

Sinn des Splitsteps ist es, durch optimal getimten Einsatz die Muskelvorspannung zu verbessern sowie die neuronale Vorbereitung und mentale Fokussierung zu maximieren. Ziel ist es, schneller zu werden, für eine bessere Platzabdeckung bzw. Zeit für eine bessere Schlagausführung zu gewinnen.

Der Splitstep soll so getimed werden, dass exakt beim Hören des Aufschlaggeräusches der Returnierer auf den Füßen landet.

Eine Übung dazu wird weiter unten vorgeschlagen. Das zwingt den Retourniere die Aufschlagbewegung des Gegners sehr früh sehr genau zu verfolgen, weil der eigene Hüpfer ja visuell getriggert wird.
Bloßes Herumtrippeln auf der Stelle ist übrigens kein Ersatz für den Splitstep, wenn auch besser als die rein statische „Beinarbeit“, die man im Hobbybereich vielfach sieht.

Der Splitstep gehört also in die Schublade „Schnelligkeit im Tennis“. Generell zählt Schnelligkeit zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren des Tennisspiels und wird daher gerne auch als ein (die Leistung) limitierender Faktor bezeichnet. (Siehe die Dissertation „Laufschnelligkeit im Tennis“ von Sven Piper). Nach der Technik stellt sie die zweitwichtigste Variable für die Spielstärke dar (S. 65).
Schnelligkeit im Tennis ist ein sehr komplexes Thema, auf das wir in einem gesonderten Beitrag ausführlich eingegangen sind. Siehe eine biomechanische Diskussion zum Splitstep im Anhang.

So bleibt mir nur, auf die eigene Erfahrung zu verweisen, nämich, dass der Splitstep – zumindest beim Return – keineswegs so kraftraubend ist, wie es von außen vielleicht aussieht.

In diesem Clip zeigt uns Federer eindrucksvoll die Universalität des Splitsteps im modernen Tennis.

Beinarbeit: Splitstep Federer ab 0,22  Siehe hierzu die biomechanische Erläuterung am Schluss dieses Beitrages!

Der Begriff „Hüpfer“  ist leider etwas missverständlich, denn die athletische (Durchschnitts-) Größe des Tennisspielers soll möglichst 30 Zentimeter unter der Normalgröße bleiben. Man springt also nicht groß „in die Luft“, sondern macht einen kleinen Hüpfer quasi in die Hocke hinein.. Damit erreicht man, dass die gesamte Muskulatur ab Hüfte abwärts vorgespannt wird.  Bei Federer kann man dies wunderschön sehen (siehe Filmclip).

Sehr elegant, aber viel zu hoch, zu lange in der Luft und schlecht getimed hingegen waren die Hüpfer eines jungen Freizeitspielers, durchaus  kein Einzelfall, der Rat suchte, weil seine Schläge nicht energisch genug ausfallen. Bei dieser Beinarbeit kein Wunder (den YouTube-Clip hat der Betreffende inzwischen leider wieder entfernt)

Besonders wichtig ist der Split-Step auch für den Aufschlagreturn, bei dem es auf besonders schnelle Reaktion ankommt. Aber auch an der Netzposition, z.B, im Doppel, ist der Splitstep sehr anzuraten. Siehe hierzu die oben angeführte Dissertation von Sven Piper.

Diese Arbeit ist in Tenniskreisen viel zu wenig bekannt, obwohl wir sie schon seit Jahren verlinkt haben. Wer sich z.B.  für Reaktionszeiten mit und ohne „Vorwarnung“ sowie die Laufwege beim Tennis in alle Richtungen interessiert, findet hier eine wahre Fundgrube.

Das Timing des Split-Steps
Das A und O ist das richtigeTiming des Split Steps. Im Clip von Federer vs Hewitt kann man es hören und sehen: unmittelbar nach oder zugleich mit dem hörbaren Ballschlag des Gegners landet Federer in einer gespannten Haltung auf den Füßen. Praktisch bei jedem Schlag, bei dem er den ankommenden Ball erwartet. Das sieht so leicht aus, ist aber selbst für einen guten Tänzer bzw. bei ausgeprägtem Rythmusgefühl nicht leicht umzusetzen! Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran, vor allem beim Aufschlagreturn.

Siehe auch die Erläuterung einer US-Tennisschule, die nicht nur das Timing zeigt, sondern auch deutlich macht, dass der Splitstep eigentlich immer eingesetz wird. (Essential Tennis ist stets mit längeren Sprachkommentaren verbunden. Das hält sich hier im Rahmen. Die Bilder gehen bei 1.25 los)

 

Splitstep im Tennisunterricht
Leider wird der Splitstep noch nicht in allen Tennisschulen systematisch gelehrt. Hier finden sich Übungsvorschläge zum Splitstep der Tennisschule sportoncourt, Autor Michael Lingner.

 

Anhang

Biomechanische Erläuterung zum Splitstep
Der biomechanische Hintergrund des Split Steps ist das Prinzip der maximalen Anfangskraft. Obwohl es, rein von der Physik gesehen, paradox scheint, wenn man erst mal eine Gegenbewegung macht, um in die entgegengesetzte Richtung zu beschleunigen, sind wir dieses „Wippen“ von vielen Abläufen her gewohnt. Ich zitiere hierzu am besten eine exzellente Erläuterung aus meinem Sportlernetzwerk:

„Ich habe mir das Video von Federer mehrfach angesehen und glaube jetzt zu verstehen, was der Split-Step bedeutet. Allerdings würde ich als Grundprinzip dieser Verhaltensweise keinen rein physikalisch begründbaren Mechanismus sehen, sondern eher einen Mechanismus des neuronalen Vorbahnens. Das Prinzip der Anfangskraft bezieht sich im Grunde nur auf einen einzigen Dehnungs-Verkürzungszyklus eines Muskels bzw. einer synergierenden Muskelgruppe, z. B. auf das Aufsetzen des rechten Fußballens auf den Boden mit ausholendem Herunterfedern und anschließendem Hochfedern der Ferse, wenn danach eine kurze Schrittfolge nach links zum Ball hin erfolgen soll. Dabei scheint mir der Haupteffekt weniger die Schaffung eines großen Kraftstoßes in der Wadenmuskulatur zu liegen, als vielmehr ein Anpassen an die Schwingungsfrequenz der serienelastischen Elemente der Wadenmuskulatur mit Einbeziehung des Dehnungsreflexes. Im Übrigen gefallen mir Ihre Seiten recht gut.“

Allerdings muss man sagen, dass es offenbar schwer ist, aus elementaren Muskelmodellen den Zeitgewinn durch den Split-Step direkt abzuleiten.
Meine Frage an den Sportwissenschaftler:
Viele Freizeitspieler, ich kann mich an derartige Empfindungen auch erinnern, befürchten, dass der Split-Step zu kraftraubend ist und scheuen deshalb den nachhaltigen Versuch, ihn zu trainieren. Es wäre gut, wenn man plausibel machen könnte, dass der Split-Step auch von der energetischen Seite her keinen Verlust bringt

Mein sportwissenschaftlicher Forenfreund sagt zu meiner Frage

… zum Muskelmodell für den Beitrag Muskelmodelle (weil ich dort keinen Zeitunterschied gefunden hatte, für unterschiedliche parametrischen Vorgaben zur Anfangskraft): 

„Das „Tennismodell“ ist nicht geeignet, bei einer natürlichen explosiv-ballistischen Muskelaktion einen „Zeitgewinn“ durch die Vordehnung eines Muskels zu erklären; denn es handelt sich um ein MODELL, das zwangsläufig eine Vielzahl von Zusatzbedingungen außer Acht lassen muss und somit die Berechnungen auf die Modellbedingungen reduziert (= reduktionistisches Modell). Konkret geht das Modell davon aus, dass alle Fasern des Modellmuskels zum gleichen Zeitpunkt und bei einem willkürlich gewählten Faserdehnungsgrad mit der Kontraktion beginnen, den gleichen (maximalen) Kraftanstieg erzeugen und nach der gleichen (minimalen) Zeitspanne von 0,06 s die maximale Aktivität erreicht haben. Das ist bei einer „natürlichen“ explosiv-ballistischen Kontraktion nie der Fall, so dass hier die maximale Kontraktionsspannung in der Regel erst nach 0,1 s oder später erreicht wird“.

… und zum Prinzip der Maximalen Anfangskraft

„Das Prinzip der Anfangskraft geht (in den Fassungen von Hochmuth) nicht von einem Zeitgewinn aus, sondern von einer Maximierung des Kraftstoßes in der Beschleunigungsphase (Phase vom Ende der Ausholbewegung bzw. Vordehnungsbewegung bis zum Abschluss der Gelenkaktionen).

 

 

© Dr. Holger Hillmer

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