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Tenniswissen | Tennisanalysen

Spitzenspieler und Freizeitspieler, zwei Welten?

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Jedem erfahrenen Tennisspieler ist es bewusst, dass Vieles, was im Spitzentennis gilt, auf das Freizeittennis kaum zu übertragen ist. Das gilt gemeinhin für alle Sportarten, selbst, wenn es um reine Athletik geht. Der normale Sportler wird nur mit Mühe einem Marathonläufer der Spitzenklasse, zwischendrin gestartet, über 100 Meter folgen können.
Wie groß sind dann erst die Unterschiede in so komplexen Disziplinen, wie dem Tennis?

Dennoch wird in Lehrbüchern  zum Tennisspiel keine Unterscheidung zwischen den Leistungsbereichen getroffen.

Ausnahme sind bestenfalls absolute Anfänger, bei denen zunächst ein Minimum an Ballgefühl aufgebaut werden muss. Ansonsten sind mir systematische Untersuchungen zur Übertragbarkeit von Beobachtungen aus dem Spitzentennis auf den Freizeitspieler oder den durchschnittlichen Clubspieler nicht bekannt. Es müsste quasi Modellgesetze zur Übertragbarkeit geben, ähnlich, wie sie beispielsweise bei der Auswertung strömungstechnischer Versuche an Schiffsmodellen in verkleinertem Maßstab Anwendung finden.

Zwar sind biomechanische Grundstrukturen der einzelnen Schläge durchaus vergleichbar, eine Orientierung an den Schlagstilen der Großen somit empfehlenswert.
Hinsichtlich der Optimierung des Schlägermaterals gibt es hingegen gewaltige Unterschiede zwischen beiden Gruppen, die in der Diskussion über den optimalen Schläger leider immer wieder in den Hintergrund gedrängt werden.

Auch im taktischen Bereich gibt es – aufgrund der anderen Athletik und Feinmotorik – erhebliche Unterschiede. Ein fortgeschrittener Spieler bewegt sich auf dem Platz während einer Stunde Match 3,5 Km. Selbst der lockere Freizeitspieler bewegt sich insgesamt etwa 3,3 Km. Der Puls geht im Mittel auf 148,3 (Freizeitspieler) bzw. 149,8 (Turnierspieler) hoch. Das entspricht 80% des Maximalpulses. 45 min. wird gegangen, 7 min im Joggingtempo und um die 10 min wird gesprinted. In diesem Bereich sehen wir zwischen Turnier- und Freizeitspielern von der Belastung her die deutlichsten Unterschiede. Spitzenspieler spielen, neben etwas härter geschlagenen Bällen, mit den größeren Winkeln und erreichen längere Ballwechsel. hier…

Besonders auffällig ist dies für die Gruppe der Seniorentennisspieler festzustellen, die einerseits über große Erfahrungen verfügen, dennoch ihr Spiel aber auf ihre meist schwächere Athletik umstellen. Außerdem tragen sie das schwere „Erbe“ älterer Schlagtechniken mit sich, die nur mit Mühe oder garnicht mehr umgelernt werden können. Siehe den Beitrag Tennislehre für Senioren, hier…

Je geringer die Athletik, umso beliebter ist der Stoppball oder der Lob. Letzterer vor Allem im Doppel, weil der Schmetterball nicht mehr so zwingend kommt und der Slice-Lob für den erfahrenen älteren Spieler aus fast jeder Lage gespielt werden kann.

Im Spitzentennis wird im Doppel nur aus Verlegenheit gelobbt, weil der von oben nach unten geschlagene Ball in der Regel den Punkt bringt.

Der Stopp wird in dieser Klasse nur gelegentlich eingesetzt, wenn der Gegner weit hinausgetrieben wird, oder als taktischer Überraschungsball.

In den Themenfeldern Schlagstile, Schlägermaterial und Taktik gelten daher unterschiedliche Modellgesetze der Übertragbarkeit der Verhältnisse im Spitzentennis auf den Freizeitsport.

Welcher fast schon kategoriale Unterschied zwischen dem Spiel eines Breitensportlers und dem der Weltklasse im Allgemeinen besteht, illustriert sehr schön einen Messreihe von Aufschlaggeschwindigkeiten eines Foristen im Saitenforum.
Aufschlaggeschwindigkeiten Km/h, absteigend, nach gemessenen Durchschnittswerten

  • 147,13 H55-004
  • 129,35 H00-001
  • 127,50 H00-003
  • 122,40 H50-010
  • 119,35 H00-009
  • 118,65 H00-008
  • 116,15 H00-011
  • 114,00 H55-005
  • 111,50 H55-006
  • 110,86 H00-007
  • 105,45 H55-002
  • 093,90 H55-012

H00 oder H55 ist die Altersklasse mit laufender Nummer (alle Spieler sind in Bayern K3 oder K2, also eher Breitensport…)

Dies bedeutet, dass wir uns im Breitensport in obiger Tabelle eher mit mittleren Geschwindigkeiten des ankommenden Balles um die 50 Km/h zu orientieren haben, weil die Ballgeschwindigkeit auf dem Weg zum Gegenspieler sich um mindestens 50% reduziert. Mag sein, dass mit zunehmender Verbreitung der Vorhandpeitsche auch in den Breitensport – bei der Jugend kann dies schon als gegeben betrachtet werden – das Geschwindigkeitsniveau steigt.

Bemerkenswert ist allerdings, das in einer empirsichen Untersuchung die Geschwindigkeit – beim Abflug – der Grundschläge von Spitzenpielern  und sehr guten Freizeitspielern nur um die 6% betragen. Siehe unseren Beitrag „Saitenfragen“.

 

© Dr. Holger Hillmer

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