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Selbstorganisation und spielerisches Lernen

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Ja, es gibt den Fortschritt bei den Schlagstilen und in der Trainingslehre; und es gibt auch eine Tenniskultur, die dieses Wissen für uns verfügbar macht. Will man an diesen Neuerungen teilhaben, darf man sich nicht auf die Selbstorganisation seines Organismus verlassen. Dies gilt für das Neulernen – und für das Umlernen erst recht.

 

Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass vermeintliche Wahrheiten über optimale Bewegungsabläufe immer wieder revidiert werden mussten, hat die Suche nach den optimalen Schlagstilen und ihrer biomechanischen Begründung  ihres Glanzes beraubt. Deshalb findet man in den Bewegungswissenschaften hierzulande keine gründliche Auseinandersetzung mit den modernen Strokes.

Selbstorganisation
Aber eines ist wohl richtig, um das richtige Treffen selbst, muss sich der Trainer keine Sorgen machen, denn dies findet der Spieler von ganz allein heraus – eben Selbstorganisation. Gelegentliche Hinweise (Interventionen*), besser auf den Ball zu schauen, sind hilfreich.
*Zu Interventionen, Schritt für Schritt Anweisungen, Bewegungsmetaphern usw. siehe „Wie lernt mein Kind am besten?“

Ansonsten sorgt der Trainer durch geschickt angesetzte Übungen dafür, dass ein Spieler mit Bällen verschiedener Flugbahnen und variablen Absprungs konfrontiert wird, dass er lernt, sich zu konzentrieren und mit Überraschungen fertig zu werden.

Kondition Schnelligkeit Kondition Beweglichkeit Koordination 3

Wie man das im Einzelnen macht, zeigen die sehr schönen Lehrfilme für Lehrer, die von der Justus Liebig Universität Gießen produziert und ins Netz gestellt werden.

Hinter den Bildern finden sich die entsprechenden Links, einfach draufklicken
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Aktualisiert
Das im Aufmacher gezeigten Podcast  Ausdauer waren nicht mehr verlinkt. Eventuell sind sie umgezogen.
Unter diesem Link sind alle verfügbaren Podcasts aufgeführt. Dabei müssen auch die Seiten aus dem Archiv, –previous entries – berücksichtigt werden. Wer interessiert ist, möge selbst die entsprechenden Podcasts aussuchen. Es sind 70 an der Zahl,  für viele Sportarten, nicht nur Tennis.

 Die Bedeutung der mobilen Verfügbarkeit von Bewegungsstudien für den Leistungssport, siehe hier: Marco Danisch, Das Web 2.0 in der Sportwissenschaft – Videopodcasting zur Darstellung von Good Practice in der Lehrerausbildung

Krafttraining im Tennis Koordinations-training 1 Koordinations-training 2

Das Konzept der UNI Gießen besteht besonders darin, dass in den Übungsbeispielen der Lernende mit einer großen Variationsbreite an Aufgaben konfrontiert wird. So werden bewusst Erschwernisse in das Training eingebettet, wie unterschiedliche Schlägerformen, verrückt springende Bälle usw. .

Das „Differenzielle Lernen“  von Schöllhorn, gewissermaßen eine Erweiterung dieses Konzepts, sieht vor, dass der Spieler selbst Abweichungen von der gewohnten Standardsituation vornimmt, um einen weiteren Variationsbereich „abzutasten“.
In Schöllhorns Studie (Servicepräzision) hat er damit eine größere Kompetenz in der Bewältigung von Abweichungen konstatiert und in der Folge erhöhten Lernfortschritt. Inwieweit die Ergebnisse verallgemeinerbar und tragfähig sind, wird sich noch zeigen.

Schlagtraining, 1 Mio Schläge?

Auch wenn nicht bestritten wird, dass eine hohe Frequenz ausgeübter Bewegungen eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass der neue Schlag sitzt und in das Reaktionsrepertoire übernommen wird, so scheint es doch eher zuzutreffen, dass auch bei viele Wiederholungen eine gewisse Varianz, von außen erzeugt oder selbst angestrebt, für das Lernen positiv ist. In den YouTube Clips von Cara Black, auf die michTennisfreund Willi Hoffman aufmerksam gemacht hat,  scheint der Aspekt „Variation“ etwas zu kurz zu kommen.
Cara Black, #87 WTA Doubles
Training der Grundschläge

Cara Black, #87 WTA Doubles
Training Volleys an der Wand

Grenzen der Selbstorganisation
Das Konzept der Selbstorganisation hat seine Grenzen. Es könnte optimale Schlagvarianten geben, die der Spieler durch Veränderung und Selbstorganisation von alleine nicht findet: möglicherweise kann er von einem „Nebenmaximum“ nur durch ein Versehen, in der Genetik würde man wohl von Mutation sprechen, zum „Hauptmaximum“ gelangen.
Beispiel 1: wer stets eine Ausholbewegung „untenrum“ praktizierte, kommt nicht auf „die Idee“ zu prüfen, ob bei der Vorhand die Schleife „obenrum“ für ihn nicht vielleicht besser ist. Dies lehrt die Erfahrung wohl in jedem Tennisclub. Hier hat offenbar aber die „Kommunikationsgemeinschaft der Spitzencoaches und Spitzenspieler“, die Tenniscommunity, eine eindeutige Entscheidung getroffen. Schaut man sich also die oben verlinkten Schlagbeispiele an, wird recht deutlich, dass alle Spitzenspieler die Schleife obenrum praktizieren.

Beispiel 2: Wieder bei der Vorhand, wird das vollständige Strecken des Armes nach der Ausholschleife für viele ungewohnt sein. Obwohl mir selbst seit drei Jahren bewusst ist, dass das Schlägergriffende in dieser Phase Richtung Ball zeigen soll und der Schläger erstmal einfach nur mit der Schulter axial nach vorne gezogen wird, habe ich das nie ernsthaft probiert. Vor einigen Tagen – die erneute Auseinandersetzung mit dem Ablauf der modernen Vorhand war der Trigger – probierte ich es an der Tenniswand aus. Mit verblüffendem Ergebnis (u.a. Entlastung einer Sehne im Oberarm/Schulter-Bereich, die nun nicht mehr schmerzt).

Tennisstile werden durch die Tenniscommunity definiert. Diese Bewegungsstile, auch der Großen Spieler, müssen immer wieder entsprechend dem neuen Stand der Bewegungswissenschaften hinterfragt werden. Das Portal tennisfragen, tenniswissen, tennisanalyse will diesen Prozess im Sinner höhererTransparenz und besseren Verständnisses fördern
Denn wie in anderen Lebensbereichen auch, wohnt der Tenniscommunity eine gewisse Trägheit inne. Unsere Schlagworte verschlafen und Tennismythen gehen dem mit einigen Beispielen nach. .

Die Richtigkeitsvorstellungen der Tenniscommunity wirken auch kulturell normativ. Insofern verrät der Stil eines Tennisspielers eine ganze Menge darüber, wann er sein erstes Training bekommen hat, sagt Einiges aus,  über seinen sportlichen, persönlichen und gesellschaftlichen Hintergrund.

Auch dies könnte eine Überlegung Wert sein, über das eigene Tennis nachzudenken. Gerade für den fortgeschrittenen Spieler ist es vielleicht reizvoll, sich zu fragen: habe ich diesen Schlag schon in dieser Weise ausprobiert, z.B. den Vorhandball in einer anderen Position anzunehmen, oder die Reverse-Vorhand von Nadal zu schlagen? Kann ich sicher sein, dass es bei mir nichts zu verbessern gibt?

Umlernen
Siehe unseren besonderen Beitrag Umlernen
Falls der Spieler an ein Umlernen denkt, wird er abwägen, ob er einen zwar an sein Ende gekommenen Bewegungsstil, der im Sättigungsbereich seiner Lernkurve liegt, verlassen soll, zugunsten einer neuen Lernkurve, die erst erst im weiteren Übungsverlauf – hoffentlich – zu höherem Leistungsniveau führt. Vic Braden geht davon aus, dass es 10.000 èr Schläge bedarf, um diese automatisiert ausführen zu können (nach G. Wachtel, „Four Stages of Learning“ : Unconscious Incompetence, Conscious Incompetence, Conscious Competence, Unconscious Competence)

Lernkurve, Quelle hier… Siehe zum motorischen Lernen auch hier… und die Entwicklung der Theorien zum motorischen Lernen in der Dissertation von Eva Hendrich hier… 

Alter, Orientierung am Erfolg in der Gegenwart, Trainingsaufwand, Zufriedenheit mit seinem Tennis, Einschätzung des Potentials einer Schlagstilumstellung usw. werden letztlich die Kriterien sein.
Für einige Spieler, die mit Tennis kein Geld verdienen, kann der Weg das Ziel sein., auch wenn sich der Erfolg erst später – hoffentlich – einstellt  s. Mag. Arbeit „Transfer Motorisches Lernens“, S. 4  .  Ich amüsiere mich immer über ehemalige Tenniskameraden, die wegen Langeweile ins Golflager gewechselt sind, und nun stundenlang Abschläge üben. Was die zum Aufschlagtraining früher sagten, muss ich nicht erzählen.
Bei den engagierten Clubspielern ist der nicht zu übersehenden Widerspruch zum Wettkampfgedanken, die Angst um die tägliche Performance, ein Hinderungsgrund, noch was zu verändern. Jan Hasper, „Wettkampflernen“ sieht diesen Widerspruch allerdings nicht so dramatisch.

Die Chancen und Risiken des Umlernens sind im Folgenden zusammengestelltd:

Chancen

  • Durch kleine Umstellungen können evtl. schnell erhebliche Verbesserungen erzielt werden.
  • Völlig neue Schläge bereichern das taktische Arsenal
  • Schläge, die man nie beherrscht hat, versteht man nun. Man kann an der  Verbesserung gezielter Arbeiten.
  • Die Beschäftigung mit den neuen Schlägen vertreibt Routine und Langeweile.
  • Das Verständnis für das Tennis der Spitzenspieler und den jungen Nachwuchs im  Club nimmt zu. Man kann besser mitreden.
  • Belastungsschäden werden durch bessere Bewegungsmuster verringert.
  • Die geistige Fitness wird gefördert.

Risiken

  • Die Veränderungen oder allein schon die Beschäftigung mit der modernen Tennistechnik stört die gewohnten Schläge.
  • Schnellere Schläge oder Schläge mit mehr Topspin verändern die taktischen Situationen (z.B. sich selbst durch schnelle Bälle abschießen).
  • Es dauert zu lange, bis neue Schläge auch im Match sitzten.
  • Die neuen Bewegungspfade belasten Stellen am Körper, die nicht darauf vorbereitet sind.
  • Die Clubkameraden nehmen es übel, dass ein „Streber“ Schläge anstrebt, an die sie selbst im Traum nicht mal zu denken wagen.
  • Bewusstes Schlagtraining gilt gernerell in vielen Clubs als unnötig und eher als Zeichen (hiermit eingestandener) minderer Begabung (Genieeffekt).
  • Analysen des eigenen Spiels stehen in jedem  Club unter verschärftem „Ausredeverdacht“ (die Grenzen sind tatsächlich oft verschwommen).

Zu den letzten beiden Punkten passt vielleicht die Beobachtung, dass mein Analyseportal „Tennisfragen..de“ relativ häufiger von Besuchern aus der Schweiz oder aus Österreich frequentiert wird und dass es in den USA eine Vielzahl von Tennischulen gibt, die sich mit ihrenTennisanalysen im Internet präsentieren bzw. profilieren. In Deutschland hingegen habe ich selbst mitbekommen, dass der Leiter einer bekannten Tennisschule, für den DTB einst in wichtiger Funktion, zum Thema Opposite-Arm-Action, bzw. Gegenarmbewegung bei der Vorhand, verständnislos reagierte – nie gehört.
Sind wir zu innovationsfeindlich und träge? Dem nachzugehen, wäre eine anspruchvolle sportsoziologische und -psychologische Aufgabe.

Was ich damit meine, illustriert sehr schon der US-Blog von George Wachtel für Senioren mit diesem Eintrag . Diese Website wird von einem Freund und Kollegen meines Clubkameraden „freizeitmäßig“ herausgegeben und erörtert sehr praxisbezogen alles rund um`s Seniorentennis, meist für die Doppelkonkurrenzen. Ich meine jetzt mal, als Beispiel, den Eintrag von Jeff Boston zur Tenniswand. Wäre es bei uns möglich, dass jemand so energisch an der Wand trainiert und das auch noch öffentlich zugibt?

 

© Dr. Holger Hillmer

2 Kommentare

  1. Dass es bei deutschen Tennis-Trainern ein Fortbildungsdefizit bzw. eine Verweigerungshaltung in Technikfragen gibt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich habe vor gut einem Jahr mit 39 Jahren mit Tennis angefangen und mich intensiv mit den Bewegungsabläufen und Schlagtechniken mit Hilfe von entsprechender Literatur, Webseiten und vielen, vielen Zeitlupen beschäftigt.

    Als ich meinen Trainer, der eine rel. moderne Schlagtechnik hat, auf die Pronationsbewegung beim Aufschlag hinwies, hat er dies als Mythos bzw. Irrlehre dargestellt – und das, obwohl ich bei seiner eigenen Schlagausführung ganz klar die Pronationsbewegung erkennen kann.

    • Hallo, Daniel, derartige Details der technischen Ausführung bzw. Bewegungsmuster haben oft nur akademische Bedeutung. Denn, wie Du selbst beschreibst, macht man auch Bewegungen richtig, wenn man sie nicht voll versteht.
      Umgekehrt führt die „Erzwingung“ solcher Bewegungselemente bisweilen zu merkwürdigen Effekten:
      Die Fokussierung auf die letzte Phase der Supination lässt vielleicht wesentliche Elemente des Makro-Bewegungsaufbaus „vergessen“.
      Oder dieser letzte Peitschenkick wird als bewusst innervierte Aktion missverstanden. Ein guter Tennisfreund:“Ganz zum Schluss muss man das Handgelenk umklappen“ – gemeint war die Supination.
      Aber den Bewegungsaufbau so hinzubekommen, dass diese letzte Phase wirklich als letztes Peitschenelement einsetzt, ist nicht so leicht. Ich jedenfalls tendiere dazu, die Supination schon frühzeitig zu planen und zu innervieren. Welches Maß an Peitsche dabei bei meinen körperlichen Gegebenheiten überhaupt erwünscht ist, ich weiß es nicht. Bei 260 km/h würde mein Schultergelenk explodieren.
      Aber wie sind die Verhältnisse bei 80, 90, 100 Kilometern pro Stunde?

      Dieses Jahr hat mein Aufschlag große Fortschritte gemacht und wurde schon von Gegnern gelobt.
      Ein Vorteil ist die Beständigkeit auf höherem Niveau durch die Einbettung des Bewegungsmusters gemäß den vielen „Regularien“, siehe meine Beiträge dazu. Neues YouTube muss ich noch nachreichen.

      Was Platzierung und Schnitt betreffen, war ich schon mal weiter. Das muss jetzt wieder dazukommen. Man braucht eben einen langen Atem bzw. „der Weg ist das Ziel“ – nicht eben eine reine Wettkampforientierung. Mental also ein echter Spagat.
      Gut also, dass ich nicht von meinem Tennis bzw. meiner Spielstärke leben muss!

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