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Schnelligkeit im Tennis

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Dass Tennis auch mit Schnelligkeit etwas zu tun hat, leuchtet unmittelbar ein. Aber es gibt völlig unterschiedliche Arten von Schnelligkeit und der Anteil der unter Zeitdruck gespielten Schläge – unter 20% – wird meist erheblich überschätzt.

Der lauffaulen Clubkameraden immer wieder gerne reingereichte höhnische Anfeuerungsruf „Tennis ist ein Laufsport!“ trifft den Sachverhalt nur äußerst ungenügend. Über 80% der Schläge werden aus dem Stand gespielt, was die Bedeutung des anderen Aspekts der Schnelligkeit hervorhebt: die Zuschlagschnelligkeit bzw. die Schlaghärte.

Glücklicherweise sind zur Schnelligkeit interessante sportwissenschaftliche Studien im Netz verfügbar, die wir für das Tennis nutzen wollen. Dies ist ein recht umfassender Beitrag, der nach und nach durch kleinere Auszüge für den Freizeitspieler ergänzt wird.

Rückblickend werden die meisten von uns feststellen, welche gravierenden Trainingsfehler uns beim Technik- und Schnelligkeitserwerb unterlaufen sind. Wie groß der Informationsbedarf ist und wie Trainer auch gelegentlich versuchen, „dicht zu halten“,  zeigt die fundierte Anfrage einer 15-jährigen Leichtathletin in dem Sportlerforum, in dem ich mit inzwischen weit über 500 Antworten aktiv und unterwegs bin, hier… .

Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer spielen im Tennis eine immer größere Rolle. Schnelligkeit nimmt nicht nur auf der Seite des Reagierens im Rückschlagspiel Tennis zu, sondern auch auf der aktiven Seite, der Schlaghärte, die aus der Zuschlaggeschwindigkeit resultiert.

Das Spiel wird schneller, ….

  • aufgrund angepassten Trainingsmethoden für Kraft, Schnelligkeit und Technik;
  • wegen der modernen Schlagtechnik selbst, die biomechanisch trotz erhöhter Ballbeschleunigung eine gewisse inhärente Sicherheit mit großer Fehlerfreiheit bieten. Dies ist notwendig, weil die schnell ausgeführten Bewegungen mit einer Dauer im Bereich 0,2 bis 0,4 Sekunden während der Ausführung nicht mehr korrigiert werden können;
  • auch die durch Topspin möglich gewordenen höheren Ballgeschwindigkeiten; diese wiederum gepaart mit den modernen Schlagstilen und besserem Schlägermaterial. (Sven Piper S. 69 – wir haben in den weiteren Verweisen keinen erneuten Link eingefügt. Wer im Einzelnen den Seitennachweisen nachgehen möchte, sollte die PDF`s der Dissertationen geladen lassen. ) erhöhen das Tempo;
  • Durch extreme Griffhaltungen können die Bälle bereits an der Grundlienie im Aufsteigen oder in höherem Treffpunkt hart zurückgeschlagen werden. Dies verkürzt ebenfalls die Flugdauer des Balles;
  • Diese Position, eng an der Grundlinie, ermöglicht es wiederum, steilere Winkel zu spielen, was die Raum- und Zeitnot des Gegners erhöht, aber auch die des Spielers selbst (sich selbst abschießen);
  • Die Anforderungen an die Spieler sind in den letzten Jahren unter dem Stichwort „Powertennis“ erheblich gestiegen. Flugdauern und daher Reaktionszeiten von 0,4 bis 0,7 Sekunden lassen sich nur durch gute Antizipation bewältigen. Hierzu bedarf es geschulter visueller Kompetenzen des periphären Sehens und routinierter Deutung der Körpersprache des Gegners.(Piper S. 71);

Diese Entwicklungen reichen bereits weit in den Freizeitbereich hinein. Deshalb verdient das Thema Schnelligkeit im Tennis unsere besondere Beachtung.

„Die Schnelligkeit ist eine der am wenigsten erforschten konditionellen Fähigkeiten. Und es gibt gleichzeitig keine Fähigkeit, zu welcher derart viele kontroverse Standpunkte existieren.“ ( Tilo Gold S. 14 – wir haben in den weiteren Verweisen keinen erneuten Link eingefügt. Wer im Einzelnen den Seitennachweisen nachgehen möchte, sollte die PDF`s der Dissertationen geladen lassen. ).
Wir müssen uns also nicht grämen, dieses Thema erst so spät zu berücksichtigen. Siehe zum Thema meinen Übersichtsbeitrag als Gast im Tennis Weblog hier…

Auch bezüglich des Spannungsverhältnisses von Kraft- und Schnelligkeitstraining im Tennis gibt es durchaus Trainingskonzepte, bei denen dem Krafttraining des Oberkörpers ein höheren Stellenwert eingeräumt wird, als es die nachfolgenden Darstellungen nahelegen. Siehe dazu den Beitrag über Christina McHale, ein US- Rising-Star im neuen Portal Tennis 15/30, die Seite zeigen wir hier im Auszug, weil es keinen direkten Link dazu gibt und auch die Navigation zwar sehr stylish, aber etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Wie schnell Krafttraining aber nach hinten losgehen kann, wurde mir kürzlich in einem Gespräch mit einer sehr jungen Bundesligaspielerin deutlich. Unumwunden beklagte sie, dass ihr extremes Krafttraining in einer bekannten spanischen Tennisschule sie deutlich langsamer statt schneller gemacht hätte. Das sollte Allen eine Warnung sein und deshalb sollten die Regeln und Grundsätze, die wir hier im weiteren entwickeln, möglichst beachtet werden.

Die Schnelligkeit im Tennis betrifft drei wichtige Aspekte:

    • Reaktion und Antizipation,
    • muskuläre Schnelligkeitsleistungen beim Schlagen
    • und in der Fortbewegungsiehe nebenstehende Grafik

Da beim Tennis die Fortbewegung im Sprung, Lauf, Abstoppen, Richtungswechsel vorkommt , und wir bei den Schlägen Aufschlag, Vorhand, Rückhand (ein- oder beidhändig) unterscheiden, sind auch die Beanspruchungen der Muskulatur bezüglich der Schnelligkeitsleistungen sehr unterschiedlich.

Wir haben es dabei mit Begriffen zu tun, wie Maximalkraft, Stützzeit, Schnellkraft, Explosivkraft, Startkraft, Schnellkraftleistung, isometrische Maximalkraft, Stützdauer, Ermüdungswiderstand, Kraftunabhängigkeit, um nur die Häufigsten zu nennen. Die Kräfte werden durch Innverationsmuster aktiviert und wiederum von einer kompliziert aufgebauten Muskulatur abgegeben, die, genetisch individuell vorgegeben, auf der Basis in ihrer Struktur verschiedener Fasertypen arbeitet.

Siehe hierzu exemplarisch Tilo Gold, S. 210 ff. Wir können hier nur jeweils gelegentlich auf diese Details eingehen, zumal die Abgrenzungen bzw. die Bezüge zu verschiedenen Schnelligkeitsaspekten recht kompliziert sind und auch in verschiedenen Studien abweichend behandelt werden.

Interessant ist jedenfalls, dass die Schnelligkeit von Person zu Person gravierend unterschiedlich ist. In standardisierten Zugversuchen, bei denen die Zugkraft auf das Körpergewicht individuell angepasst wurde, differierte die Dauer für einen standardisierten Vorgang von 0,089 Sec. bis 0,626 Sec., also das siebenfache! Dabei waren es sämtlich (27) geübte Sportler (Judo, Bezirksklasse bis Bundesliga).

Bei den besten 20 von ihnen wurden allerdings ähnlich gute Werte gemessen, wie beim Testbesten. Die letzten fünf wurden dann für den speziellen Zweck der Untersuchung zu „Ausreißern“ deklariert (z.T. wegen längerer Trainingspausen). In der derart bereinigten Tabelle ist aber immer noch ein Faktor 2 festzustellen. (Tilo Gold S. 223).

In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass die Schnelligkeit keinen großen Einfluss auf die Leistungsklasse des Sportlers – hier Judo – hat, und auch die Gewichtsklasse übte in einer Untersuchung keinen großen Einfluss auf die Schnelligkeit aus, auch wenn die Experten dies anders eingeschätzt hatten.

„Diese Ergebnisse könnten ein Hinweis dafür sein, dass eine größere Schnelligkeit, zumindest in der Zugbewegung, im Judo keinen entscheidenden Vorteil darstellt, um erfolgreicher zu sein. Auch spielt die Schnelligkeit keine größere Rolle in den unteren Gewichtsklassen gegenüber den höheren Gewichtsklassen. Demgegenüber stehen jedoch zahlreiche Expertenurteile, die die Schnelligkeit als einen wesentlichen Voraussetzungscharakter zum Erreichen von Spitzenleistungen im Judo beschreiben. In dieser Hinsicht müssten weitere Untersuchungen angestellt werden, welche die anderen schnellen Aktionen im Judo, z. B. den Platzwechsel untersuchen.“ (Tilo Gold, S. 260)

Ähnliches gilt auch für das Tennis anzunehmen, da hier ebenfalls andere Fähigkeiten die Leistungsklasse stark beeinflussen, insbesonder Antizipation und Taktik, Technik sowie mentale Kompetenz.

Wir werden, um Hinweise zu finden, in welcher Weise der Einzelne Spieler seine Performance verbessern kann, alle drei Faktoren behandeln, Laufschnelligkeit, Schlagschnelligkeit sowie Sehen, Antizipation, Reaktion.

Laufschnelligkeit
Welche Rolle spielt die Laufschnelligkeit im Tennis?
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff der Schnelligkeit im Tennis meist mit der Laufschnelligkeit gleichgesetzt (Tennis ist ein Laufsport). Entsprechend hoch werten auch befragte Trainer und Profis die Bedeutung der Laufschnelligkeit im Tennis, nämlich zu 64%.

Laufwege, Zeitdruck
Auf Sandplätzen wird ungefähr jeder fünfte Schlag unter mehr oder weniger großem Zeitdruck gespielt. Insgesamt erfolgen 80% der Schläge aus der ruhigen Schlagposition. Lediglich jeder zehnte Ball wird aus vollem Lauf gespielt oder trotz maximaler Anstrengung knapp verfehlt. In 75% dieser Zeitdrucksituationen überwiegen seitliche Läufe an der Grundlinie (das Verhältnis der Laufleistung zur Vor- bzw. Rückhand ist dabei 3:2). Die Spieler laufen an der Grundlinie unter einer Zeitdrucksituation eine Distanz von durchschnittlich vier bis fünf Metern und beim Lauf zum Netzt etwa acht Meter. (Sven Piper S. 74)

 

 

 

 

Sven Piper, Diss Laufwege…S. 75, Tab. 8 Auszug. Siehe die ausfürlichen Definitionen der Schlagsituationen S. 126)

 

 

 

 

 Fehler bei Laufsituationen, Sven Piper, S. 144

Definitionen:

1.) Schlag aus ruhiger Schlagposition, Stand: Der Spieler bewegt sich nach abgeschlossenem Split-Step mit maximal zwei oder beliebig vielen Schritten in einem Radius von 70cm in die Schlagposition, um den Ball mit einer Körperschwerpunktverlagerung in der Ebene der Schlagrichtung zu schlagen.

2.) Schlag im Lauf ohne Zeitrduck: wie oben, .. mit mehr als zwei Schritten in die Schlagposition, …. weiter wie oben.

3.) Zeitdrucksituationen: Der Spieler handelt unter Zeitdruck, … wie oben..mit mehr als zwei Schritten in die Schlagpositon bewegt und der Körperschwerpunkt des Spielers vor dem Schlag zum Schlag über die Schlagrichtung hinausgeht (siehe weiter Tabelle 16, S. 126).

Im Bereich der Laufschnelligkeit ist insbesondere die Beschleunigungsleistung primär wichtig. Deshalb spiegeln die Statistiken über die reinen Laufstrecken nur begrenzt wider, was der Spitzenspieler heute läuferisch leisten muss.

Dennoch liegt das Besondere der Laufschnelligkeit im Tennis darin, dass es niemals genügt, einen Punkt zu errreichen, sondern aus dieser Situation einen für den Gegner unangenehmen Ball zu schlagen. Entsprechend schwer ist es für den Trainingswissenschaftler, Schnelligkeit zu messen, um z.B. den Erfolg und die Eignung bestimmter Trainingsmethoden zu bestimmen. .

Nach Sven Piper ( S. 162) muss man feststellen, „…dass ein Schnelligkeitstest, der das Prädikat „tennisspezifisch“ verdient, zur Zeit nicht existiert“. Er hat in seiner Dissertation zu diesem Zweck eine besondere Messmethode entwickelt, die diesem Ziel einen großen Schritt näher kommt Darüber hinaus wertete Piper die Ergebnisse von Matches des Arag-Turniers in Düsseldorf mithilfe der Auswertungssoftware SIM Scout aus. Eine ausfürliche Darstellung würde den Rahmen dieses Portals sprengen. sie findet sich bei Sven Piper ab S. 129)

Aus oben skizziertem Beanspruchungsbild können die Anforderungen an das Training abgeleitet werden.

Quelle: Sven Piper S. 78

Dies ist eine idealtypische Beschreibung. Wie wir weiter unten im Zusammenhang mit der neuromuskulären Schnelligkeit mit Aspekten der Technik zeigen werden, sind die einzelnen Performance-Faktoren miteinander stark vernetzt, so dass eine rein additiv-analytische Zusammenstellung des Trainings einzelner Fähigkeiten in der Trainingspraxis an enge Grenzen stößt.

Dies gilt auch schon für die Diagnostik: So „…erweist sich besonder im Sportspiel die Leistungsdiagnose als schwierig. Dann nach Meinung von STEINHÖFER stellen sich die Fragen, ob man alle im Anforderungsprofil genannten Einzelkomponenten gesonder überprüfen muss, ob enentuell ein Blick auf die komplexe Spielleistung empfehlenswerter ist oder ob man nich auf beide Informationsquellen angewiesen ist, will man das Sportspieltrainintg angemessen steuern“ s Sven Piper S. 79

Sven Piper misst die Laufschnelligkeit auf der Basis verschiedener definierter Laufwege in Tennisplatzdimensionen und die anschließende Schlagqualität mithilfe eines Ballpendels, das elektronisch Richtung und Schlaghärte misst und registriert.

Testaufbau auf dem Platz, Sven Piper S. 192. Die gelben Kugeln stellen Ballpendel dar, die nach vorgeschriebenen Laufwegen zu schlagen sind. Messfühler registrieren Schlaghärte und -Richtung.

Training der Laufschnelligkeit
Sven Piper hat Trainer und Profis gefragt, sie sie die Laufschnelligkeit trainieren.
Die untenstehende Tabelle zeigt die Gewichtung der angewandten Trainingsmaßnahmen. Laufübungen mit Richtungswechsel nehmen mit einigem Abstand, zu 35% den größten Raum ein. Zur Hälfte mit zur Hälfte ohne Schläger. Gefolgt von Linearen Laufübungen und Sprungübungen.

Training der Laufschnelligkeit nach Auskunft befragter Trainer und Profis,
Sven Piper S. 153

Terminierung des Laufschnelligkeitstrainings nach Aussagen der befragten Trainer und Profis, Sven Piper S. 154.

Siehe hierzu auch weitere Darstellungen über die Plazierung des Trainings im Jahresablauf (Piper Tab. 40) sowie vor wichtigen Turnieren, Piper, Tab. 42, sowie danach, wer das Training vornimmt, Tab. 44, S. 156 sowie den Einsatzzweck (Entwicklungkontrolle 40%, Kaderzusammensetzung 4%, Talentprognose 16%, Trainingssteuerung 40%; Tab. 46, Piper S. 157)

Wie in etwa die Makroplanung eines Techniktrainings aussieht, illustriert die „Versuchsanordnung“ von Schöllhorn, Aufschlagtraining.

… um die Effektivität des differentiellen Lernens vs. des herkommlichen Übungsmodells (funktionales Lernen wobei Knotenpunkte und einzel-Bewegungsmodule kombiniert werden) beim Aufschlag festzustellen. Dabei hat das differenzielle Lernen Vorteile beim Behalten des Erlernten, das funktionale Training harmoniert besser mit anschließenden mentalen Übungen, siehe hier…

Makroplanung eines Techniktrainings, Aufschlag, Zielgenauigkeit

Quelle Schöllhorn, siehe zum funktionalen Lernen Schönborn

Sven Piper untersuchte in seiner Dissertation insbesondere den Einfluss von Sprungübungen auf die Laufschnelligkeit bzw. die Erhöhung der Laufschnelligkeit durch Kräftigung des unteren Rumpfbereiches und der unteren Extremitäten Dabei ergab sich ein durchaus zwiespältiges Bild

  • Bei Männern,insbesondere Jugendlichen unter 18 erwies sich die Erhöhung der Maximalkraft durch verschiedene Sprungübungen als sehr wirkungsvoll.
  • Bei den Damen hingegen konnte die Laufschnelligkeit durch diese Übungen zur Maximalkraft nicht erhöht werden. (Sven Piper S. 255)

Dies werten wir als Bestätigung der Annahme, dass koordinative Fähigkeiten für die Laufschnelligkeit wichtiger sind, als die reine Maximalkraft.

  • Auch Versuche, die Aufschlaghärte durch Schnellkrafttraining zu erhöhen, haben sich  als nicht besonders beeindruckend erwiesen. In der Magisterarbeit von Anton Witz (2009) wird der Aufschlag aus biomechanischer Sicht beschrieben, um ein Schnellkrafttraining möglichst zielgenau ansetzen zu können. Die erreichten Aufschlaggeschwindigkeiten der Testpersonen mit Schnellkrafttraining gegenüber der Kontrollgruppe, die ihr Aufschlaggtraining ohne diese Zusatzübungen absolvierten, sind doch recht gering  (ca. 5% schneller).
    Der Unterschied erwies sich zwar durchgehend, als statistisch signifikant. Gemessen aber an den Streuungen der Aufschlaggeschwindigkeit im Freizeit, wie auch im Spitzentennis, erscheint die Ausbeute etwas mager. (siehe Anton Witz, S. 76).

Ähnlich lauten auch die Ergebnisse über schnelle neuromuskuläre Innervationsmuster von Tilo Gold, die sich auf azyklische wie zyklische Bewegungen beziehen, siehe den nachfolgenden Abschnitt.

Überlegungen zur Schnelligkeit mit besonderer Berücksichtigung der kurzen sehr schnellen azyklischen Bewegungen.

Sven Piper erfasst die Einflussgrößen für Schnelligkeit in folgender Darstellung
(Sven Piper, S. 48)

Schnelligkeit ist in den Sportwissenschaften ein durchaus uneinheitlich verwendetes Phänomen, sihe die Darstellung bei Tilo Gold, S. 17

Mit Tilo Gold (S. 22) unterscheiden wir vier Konzepte von Schnelligkeit:

  1. Zum biomechanischen Ansatz zählen sie die Einordnung der Schnelligkeit indas Schnellkraft-Konzept. Hier wird die Schnelligkeit zwar nicht als motorische Grundeigenschaft beschrieben, es wird ihr jedoch ein konditionelldeterminierter Charakter unterstellt und zwar manifestiert dieser sich alsspezifische Fähigkeit in Form der Startkraft bei der Überwindung von geringen Widerständen. Paten für diesen Ansatz sind die Arbeiten von Bührle & Schmidtbleicher (1983).
  2. Aus trainingswissenschaftlicher Perspektive, auf der Grundlage der Ergebnisse von Weigelt (1997) und Thienes (1998), wird die Schnelligkeit als Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck in geschlossenen oder offenen Bedingungen beschrieben. Auch dort ist die Schnelligkeit keine motorische Grundeigenschaft, sondern wird den Leistungsvoraussetzungen Technik/Koordination zugeordnet.
  3. Als dritten Ansatz beschreiben Hohmann et al. (2002, S. 90) das Konzept der anatomisch-physiologischen Sichtweise der elementaren und komplexen Schnelligkeit. Hierbei sind elementare Schnelligkeitsfähigkeiten durch Zeitprogramme bestimmt. Zeitprogramme sind durch die zeitlich abgestimmten neuromuskulären Impulsfolgen des Muskeleinsatzes bei einer bestimmten Bewegung charakterisiert (vgl. Bauersfeld & Voss, 1992). Aufgrund der kurzen Dauer dieser schnellen Bewegungen sind diese aus informationstheoretischen Überlegungen (vgl. Küchler, 1983) nicht bewusst korrigierbar und gelten daher als programmgesteuert. Als Vertreter dieser Position sind Bauersfeld & Voss (1992), Grosser (1991) und Verchoschanskij (1996) zu nennen.
  4. Der vierte Ansatz hat einen klassischen, pragmatischen Ansatz und stammt aus der Trainingslehre. Die Schnelligkeit wird hierbei in die
    • Reaktionsschnelligkeit, die
    • azyklische Schnelligkeit und die
    • zyklische Bewegungsschnelligkeiteingeteilt.“

Letztere ist die in der Literatur zur Trainingslehre am häufigsten aufgegriffene Klassifizerung. Sie erklärt aber bestimmte Zusammenhänge nicht und führt bisher über gewisse Übungsabläufe und -Konzeptionen nicht hinaus.

Tilo Gold, der sich besonders mit den schnellen Bewegungen im Kampfsport befasst, den dritten Ansatz. Aufgrund bestimmter Einwände vermeidet er den Begriff der Programmsteuerung und spricht stattdessen von schnellen neuromuskulären Innervationsmustern. Diese sind so schnell, dass sie in der Regel ohne Feedback-Prozesse ablaufen müssen. Als Zeitrahmen nennt er 200 Millisekunden, es gibt aber auch Argumente, von 400 und mehr Millisekunden auszugehen. Diese Betrachtungsweise ist auch für die modernen Tennischläge anzuwenden, wie wir im Folgenden zeigen.

Kann man Tennisschläge zu den schnellen neuromuskulären Innervationsmustern zählen?

200 Millisekunden, diese entsprechen in unserer Analyse der Vorhand Djokovic`s fünf Frameschritten ( siehe Tabelle 5, Simulation Ballschlag), und zwar bei der Vorhand von Frame 0044 ,linkes Bild, bis Frame 0049. rechtes Bild, unten.

0,2 Sekunden-Ausschnitt der Vorhand Djokovic

Wir können deshalb davon ausgehen, dass die Betrachtungen von Tilo Gold zu schnellen Bewegungen auch für die nervomuskuläre Betrachtung der modernen Vorhandpeitsche hilfreich sind. Die schnellen Armzüge der jüngeren Spieler und Spielerinnengeneration sind in der Anfangsphase (also vor Frame 0049) noch schneller, so dass der gesamte Zyklus, ab Ausholphase in dieses Zeitintervall fällt. Uns fallen spontan Julia Görges, Andy Murray und Mikhail Kukuschkin ein, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Videoclips geben einen guten Eindruck im Vergleich mit einem Wurf im Judo, s.u.

Murray vs. Kukushkin 

Julia Görges vs. Agnieszka Radwanska

Eine „Zeitmessung“ der Vorhand von Kukushkin mit Hilfe der iPhone App SpeedUp TV ergibt für die gesamte Schleife, gerechnet von der steilen Ausholstellung bis zum Ausschwung ungefähr 200 Millisekunden (von 1.41.9 -1.42.1 siehe Clip hier… bzw. von 0.12.7 – 0.12.9 im Clip Kukushkin vs. Nadal, oben). Wir befinden uns hier also eindeutig im Bereich der schnellen Bewegungen, bei denen keine Fehlerkorrektur mehr möglich ist (open loop, neuromuskuläre Innervationsmuster nach Tilo Gold).

 Hiroshi Katanishi

Mit der Fokussierung auf die neuromuskulären Innervationsmuster relativieren wir gleichzeitig unsere bisherigen wesentliche kraftdynamisch geprägten Betrachtungen und Berechnungen zu den Muskelmodellen für die Vorhandsimulation: bei herkömmlicher Ausführung der Vorhandpeitsche oder des Service bremsen in vielen Fällen neuromuskuläre Prozesse die maximal erreichbaren Beschleunigungen die sich aus dem Bewegungsmodell Wiemann ergeben, aber erst recht, die, welche sich aus den Peitscheneffekten ergeben könnten, aus.

Im Demonstrationsmodell Wiemann wird bei Überstreichen des gesamten Schulterwinkels von 80 Grad eine Zeit von ungefähr 0,2 Sekunden beansprucht, sowohl mit dem leichten, als auch mit dem schweren Schläger

(siehe dort Ergebnistabelle unter der zweiten Grafik. Eingesetzt wurde eine Maximalkraft von 800 N und eine Anfangskraft von 200 N).

Dieser Wert, der ohnehin einem Muskelmodell ohne bremsende Fehlerkorrekturen entstammt, dürfte auch gleichzeitig den biomechanisch kleinsten erreichbaren Grenzwert markieren.

Da während dieses Ablaufs (Schulterwinkel), andere teilweise gegenläufige Bewegungen aus der Peitsche „gegen die Schulter“ wirken, ist der leichte Schläger im Effekt nicht so leicht, wie es das Muskelmodell Wiemann annimmt.

Insofern ist auch der Bewegungswiderstand vergleichbar mit der des Armzugs im Judo.

Damit ist auch der Vorteil des schwereren Schlägers nach der HILLschen Beziehung wohl zumindest relativiert. (Wenn man neuromuskuläre Schnelligkeit zusammen mit den Aspekten der Schnellkraft behandelt, spricht man von komplexen Schnelligkeitsformen, Tilo Gold, S. 54).

Die Vorhände dieser modernen Spieler, wie z.B. Kukushkin sind die Bestätigung für unsere Annahme, dass die Schlagausführung bzw. die Technik notwendigerweise von vornherein darauf verzichten muss, noch Fehlerkorrekturen während des Schlagablaufs vornehmen zu können.

Dies ist sinnvoll nur möglich, wenn…

  • die Technik bzw. die Bewegungsbahnen biomechanisch so gestaltet wurden, dass Korrekturen im Schlagablauf auch nicht mehr notwendig sind. Wir haben das an anderer Stelle als inhärente Sicherheit bezeichnet.
  • die Technik in dieser Weise geübt wird und das Schnelligkeitstraining auf diese Zusammenhänge Bezug nimmt.

Gleichzeitig hätten wir damit auch eine Erklärung für den Widerstand älterer Spieler (mit konservativeren Schlagstilen) gegen den Gebrauch eines leichten Schlägers, weil hohe Ballbeschleunigungen gerade beim leichten Schläger eher durch ausgeprägte Peitsche und hohe Aktionsgewschwindigkeit zu erzielen sind.

Wenn dann in der herkömmlichen Konfiguration (schwerer Schläger, andere Bewegungsbahnen) vielleicht im Freizeittennis oder bei Ausnahmetalenten, wie Federer noch Korrekturen in beschränktem Rahmen während des Schlages möglich waren, sind diese bei der neuen Technik nur noch in der Vorbereitungsphase der Schlagausführung denkbar.

Dies hat auch Auswirkungen auf die mentale Einstellung des Spielers, bzw. der Spielerin, da anfangs ein Kontrollverlust empfunden werden dürfte, bis sich ein neues Vertrauen einstellt. Dies kann, auf kritische Matchsituationen bezogen, durchaus einige Monate und länger dauern. Ansonsten wäre die Vorhand blockiert, ein Problem, das in US-Trainingblogs öfter angesprochen wird.

Schnelle Technik ist ein scheues Reh!
Folgerungen für das Training der Schlagschnelligkeit im Tennis
Schnelligkeit und Technik stehen im Training zueinander in einem sehr sensiblen Verhältnis. Vor allem die präzise Technikauführung, also die Muster, Engramme oder Programme – im Zentralen Nervensystem gespeichert – sind „ein scheues Reh“.

Macht man im Training etwas falsch, verschwinden diese Programme, werden ungenau ausgewaschen oder der Sportler verliert seinen Zugriff darauf. Deshalb wird man tunlichst versuchen, die gegebenen Gefährdungen zu umschiffen. Diese zählt Weigelt (1997, S. 75), nach Tilo Gold, S. 177) auf:

1. Da Schnelligkeitsleistungen an spezifische Bewegungstechniken gebunden sind, führt die Erhöhung der Ausführungsgeschwindigkeit zu technischen Instabilitäten.

Diese technischen Instabilitäten können dem Erwerb präziser Technik zunichte machen.

2. Die wiederholte Ausführung von Bewegungen mit gleicher Geschwindigkeit führt andererseits zu Stereotypenbildung (Bewegungsabweichungen können nicht mehr bewältigt werden) und kann zur Stagnation beim Taining der dynamischen Parameter führen.

Andererseits ist ein Einschleifprozess notwendig. Zwischen den Anforderungen des differentiellen Lernens an Variation der Übungsparameter und dem Einschleifen einer präzisen Technik besteht also ein Spannungsverhältnis.

3. Zur Erhöhung der Ausführungsgeschwindigkeit ist eine hohe Erregbarkeit des Nervensystems Voraussetzung, wird diese Erregung durch intensive Körperübungen erhöht oder aufrechterhalten, besteht jedoch die Gefahr einer schnellen Ermüdung, welche wiederum einen Geschwindigkeitsabfall mit sich bringt.

Nicht nur das, sondern der Lernprozess für präzise Technik wird gestört.

Es wird deutlich, das es großer Sensibilität und tiefgehender Kenntnisse bedarf, diese Problempunkte zu beachten bzw. gute Kompromisse zu finden.

Dies betrifft vor allem die

    • Auswahl der Methode und der
    • Übungen sowie
    • die Gestaltung der Pausen.

Pausen: es „… müssen die biologischen Bedingungen berücksichtigt werden. Im Allgemeinen wird im Training der Schnellkraft eine Pausenlänge von mehr als drei Minuten angegeben. In diesem Zeitraum haben sich sowohl die Neurotransmitter als auch in jedem Falle die ATP-Speicher wieder aufgefüllt (vgl. z. B. Zatsiorskij, 1996, S. 233 ff, zit. nach Tilo Gold, S. 217)

Erfahrene Spieler – und vermutlich die Trainingsfleißigsten am allermeisten, werden rückblickend sicherlich feststellen, welche Todsünden des Schnelligkeits- und Techniktrainings ihr Training bestimmt haben.

Wie uns die auführliche Literaturanalyse der Sport- und Trainingswissenschaften von Tilo Gold zeigt, gibt es durchaus zu einzelnen Punkten unterschiedliche Empfehlungen und Hinweise der einbezogenen Autoren. Wir haben die uns wichtig erscheinenden Punkte aus der Dissertation weiter unten herausgezogen,

Generell stellen wir mit Tilo Gold (S. 157) fest

„… Es gilt als überholt zu glauben, man könne die einzelnen Leistungsvoraussetzungen isoliert trainieren. Konditionstraining galt in der klassischen Trainingslehre als Optimierung von Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, und Beweglichkeit. Techniktraining stand unter dem Aspekt der Optimierung sportartspezifischer Bewegungsabläufe, das Taktiktraining schließlich bezog sich auf die Optimierung eigener Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen unter Berücksichtigung des gegnerischen Verhaltens (vgl. Nitsch & Neumaier, 1997, S. 44).

Heute gilt es, die einzelnen Fähigkeiten und Fertigkeiten, quasi interdisziplinär, gemeinsam zu trainieren. Gerade in Bezug zu Technik- und Schnelligkeitstraining ist eine Verzahnung der beiden Komplexe notwendig“

Schnelligkeit ist untrennbar an die sportliche Technik gebunden (Tilo Gold S. 55).

FITTsche Gesetz: Bewegungszeiten nehmen mit der Schwierigkeit der Aufgabe zu (Tilo Gold S. 101).

Schnelligkeit angeboren?
Nach Auffassung einiger Autoren, kann Schnelligkeit gelernt werden (Tilo Gold, S. 51)

„Schnelle Bewegungen sind auf kürzestmögliche Zugriffszeiten auf die entsprechenden neuronalen Programme angewiesen. Diese Fähigkeit kann gelernt werden. Schnelligkeit ist nach ihrer Auffassung nicht nur genetisch determiniert, sondern kann durch neuromuskuläre Anpassungseffekte gelernt und gesteigert werden.“

Die genetische Seite darf jedoch nicht übersehen werden. So finden wir bei Sven Piper den Ausspruch, „Sprinter werden geboren, Ausdauersportler werden trainiert“.

Trainiert werden kann das Zusammenspiel der Agonisten und Antagonisten sowie die Synchronisation der einzusetzenden Muskelfasern (intramuskuläre Koordination, die eine Kraftzunahme ermöglichen, ohne sichtbaren Muskelzuwachs. (Tilo Gold S.54).

„Als konditionelle Basis der Schnelligkeit einzelner Bewegungen (azyklische Schnelligkeit) gilt die Schnellkraftfähigkeit.

Limitiert wird die Schnelligkeit nach Harre (1979, S. 174) durch die

  • Beweglichkeit der Nervenprozesse,
  • die Schnellkraftleistung,
  • die Dehnbarkeit,
  • die Elastizität der Muskulatur und der
  • Entspannungsfähigkeit der Muskeln,
  • die Qualität der sportlichen Technik sowie
  • die Willensstoßkraft und
  • biochemische Mechanismen.Quelle: Tilo Gold, S. 56, neu umbrochen von tennisfragen.de

Der Autor beschreibt, dass hohe Bewegungsgeschwindigkeiten nur bei schnellstem Wechsel zwischen Erregung und Hemmung und den entsprechenden Regelmechanismen im Nerv-Muskel-System in Verbindung mit einem optimierten Krafteinsatz erreicht werden können.“

Reaktionsschnelligkeit
Beziehen wir uns auf die Reaktionsschnelligkeit allein, kommen wir in die Themenbereiche Antizipation, Reaktion ,Taktik, Sehen, die wir weiter unten behandeln.

Im Bereich der neuromuskulären Modellierung stoßen wir auf das HICKsche Gesetz, s. Tilo Gold S. 100)

„Das Hick´sche Gesetz besagt, dass die Reaktionszeit mit Verdoppelung der Alternativenzahl um einen relativ konstanten Betrag zunimmt“ (vgl. Hick, 1952).“

Zusammenspiel von Bewegungsmodulen Tilo Gold S. 102

„Nach der Auffassung einiger Vertreter von ökologisch orientierten Aktionstheorien, wie Turvey (1977), Kugler et al. (1980) und Reed (1982) kontrollieren höhere Zentren des ZNS nicht einzelne Muskeln, sondern heterarchische, selbstorganisierte, aufgabenspezifische, invariante Kopplungen synergistisch arbeitender Muskeln. Diese Aktionssysteme werden vielfach auch als koordinative Strukturen beschrieben und realisieren bei ihrer Aktivierung die motorischen Handlungen.“

Dieser Erklärungsansatz, auch wenn Tilo Gold dem nicht 1:1 folgt, würde gut auf die im Beitrag „Opposite-Arm-Action“ beschriebene Triggerung des Schlagarms durch vorausgehendes Heranziehen des Gegenarms erklären.

Lernen und Behalten
Lernen und Behalten: grundsätzlich
Zum Lernvorgang (Tilo Gold S. 116), neu umbrochen von tennisfragen.de

„Hinsichtlich der Behaltensprozesse werden in den Kognitionswissenschaften vier Phasen unterschieden.

  • Die erste Phase wird gemeinhin als
    • Input-,
    • Vorgabe-,
    • Einprägungs-,
    • Aufnahme-, Perzeptions-,
    • Akquisitions- oder
    • Lernphase

beschrieben. Sie ist charakterisiert durch die Darbietung und Bewusstmachung des zu erlernenden Materials. Nach Kuhn (1984, S. 35) muss der Optimierung dieser Phase besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, da die hier gemachten Fehler sich auf die anderen Phasen auswirken.

  • In der zweiten Phase (Speicher- oder Behaltensphase) wird das aufgenommene Material verarbeitet und für bestimmte oder unbestimmte Zeit im Gedächtnis aufbewahrt. Für den Übergang vom KZG ins LZG wird die Engrammbildung und – fixierung verantwortlich gemacht (vgl. Kuhn, 1984, S. 35).
  • In der Abruf-, Erinnerungs- oder Retrievalphase können die Informationen entweder aus dem KZG oder LZG abgerufen werden.
  • In der vierten Phase schließlich wird das Erinnerte aktualisiert
    • Output-,
    • Handlungs-
    • Reaktivierungs-,
    • Realisierungs- oder
    • Reproduktionsphase.

Wenn Informationen in das KZG aufgenommen werden, wird dieser Zyklus nur einmal durchlaufen, lediglich bei der Konsolidierung in das LZG müssen die Phasen mehrfach durchlaufen werden. Dies dient der Fixierung der Engramme. Als wichtigste Momente bezeichnet Kuhn (1984, S. 36) die Phasen 3 und 4, da hier der Großteil der informationsverarbeitenden Prozesse abläuft.“

Lernen und Behalten praktisch: nicht ermüdet trainieren (Tilo Gold S. 118 f).
„Bewegungen werden hierarchisch organisiert. Sie basieren auf der Grundlage verschiedener Schleifen, die auf verschiedenen anatomischen Ebenen ineinander greifen und gleichzeitig wirksam werden. Weineck (1994, S. 575) erklärt unter Hinzunahme dieser Theorie, dass Lernen die Herausbildung und Fixierung solcher Schleifen bedeute. Grimm & Nasher (1978, S. 75) gehen von einer zeitlichen Vergänglichkeit dieser Schleifen aus. Nachdem die Schleifen den gewünschten Output, z. B. eine bestimmte Bewegung, erbracht haben, verschwindet die Schleife wieder. Die von ihr verwendeten Neuronen sind nun für die Eingliederung in neue Funktionssysteme erneut verfügbar.

Die Schleifen weisen ähnliche Charakteristika wie die oben vorgestellten Engramme auf. Die reverbierenden Kreise sind ähnlich wie die dynamischen Engramme auf eine Konsolidierungsphase angewiesen, sie müssen „eingeschliffen“ werden, damit sie fixiert werden bzw. in statische Engramme übergehen. Dies wird auch durch die Ausführungen von Cratty (1975, S. 400) unterstützt, der im Zusammenhang mit Lernprozessen erklärt, dass sinkende Aufmerksamkeit und Konzentration zur Anlage von ungenauen Bewegungsschleifen führen, die dann die zuvor angelegten „guten Schleifen“ verdrängen können.“

Leistungsrückgang bei Ermüdung
Die Innervationsmuster selbst ermüden nicht, allerdings, so Tilo Gold S. 139

„Zu den Leistungsrückfällen kommt es jedoch dadurch, dass das zeitliche Impulsmuster auf einen Muskel trifft, der bereits eine Ermüdungsaufstockung erfahren hat und nicht mehr das nötige energetische Potential aufweist, um das Impulsmuster verarbeiten zu können. Schließlich wirken diese elementaren Leistungsvoraussetzungen erst komplex mit anderen Leistungsfaktoren und werden dadurch sichtbar. Damit kann der Leistungsabfall primär auf die energetische Beanspruchung zurückgeführt werden (vgl. Bauersfeld & Voss, 1992, S. 39).“

Bestes Alter für Entwicklung der Schnelligkeit
Hier gibt es sehr widersprüchliche Angaben. Auch wenn überwiegend die Zeit bis zur Pubertät als günstigste Phase für den Ausbau der Schnelligkeit angesehen wird, kommen andere Studien zum Ergebnis, dass noch bis zum Alter von 20 Jahren ein Zugewinn möglich ist. Wobei nicht klar ist, inwieweit dies dem Kraftzuwachs geschuldet ist. In komplexen Sportarten, wie z.B. Tennis, in dem die Antizipationsleistung mit steigender Erfahrung ständig zunimmt, ist die Trainierbarkeit der Schnelligkeit – und sei es, dass einem Abbau physiologisch bedingter Reaktionszeiten einhalt geboten wird – unseres Erachtens grundsätzlich möglich und auch besonders wichtig.

Krafttraining und Schnelligkeitstraining
Spezielle Trainingsreize führen zu speziellen Effekten
„Das Qualitätsgesetz besagt, dass spezielle Reize zu speziellen Effekten führen (vgl. Frey & Hildenbrandt, 1994, S. 58, zit. nach Tilo Gold, S. 148 ).

Auf die vorliegende Thematik bezogen heißt das in Anlehnung an Verchoschanskij (1995, S. 65), dass ein Training mit geringer Geschwindigkeit im wesentlichen die Kraft bei geringen Bewegungsgeschwindigkeiten steigert, aber keinen bedeutenden Einfluss auf den Kraftzuwachs bei hohen Geschwindigkeiten hat.

Dieses Prinzip gilt auch umgekehrt. Sale (1994, S. 255) bezeichnet dies auch als das Phänomen der Schnelligkeitsspezifität im Krafttraining. Begründet wird dieses durch spezifische Trainingseffekte in der Muskulatur durch eine Steigerung der Verkürzungsgeschwindigkeit und durch neurale Adaptationsmechanismen. Angenommen wird auch, dass schnellkräftige Bewegungen einer unterschiedlichen entralnervösen Steuerung im Vergleich zu langsamen Kontraktionen unterliegen. …. Martin et al. (1991, S. 131) beschreiben, dass eine hohe Startgeschwindigkeit nicht wangsläufig auch eine hohe Endgeschwindigkeit mit sich bringt. Das bedeutet, ass beide Komponenten gemeinsam trainiert werden sollten, also auch der Ziel- oder Wettkampfbewegung entsprechen müssen. …Aus diesem Grund muss das koordinative Prinzip der strukturellen Übereinstimmung zur Wettkampfbewegung stets berücksichtigt werden.“

Muskelleistungsschwelle s. Tilo Gold S. 155

Die Muskelleistungsschwelle liegt bei 60% bis 70% der Maximalkraft=optimaler Bereich für Muskeltraining.

Was sind wettkampfähnliche Trainingsreize?
Zur Frage der Übertragbarkeit des Muskeltrainings für den Wettkampf müssen folgende Fragen bzw. Kriterien geprüft werden (S. Tilo Gold S. 156)

  1. Welche Muskeln/Muskelschlingen sind am Kraftverlauf beteiligt?
  2. In welchen Arbeits-(Gelenk)winkeln werden die Muskelgruppen tätig?
  3. In welcher Stärke erfolgt die Kraftentwicklung, und in welche Ric htung müssen die von den einzelnen Muskeln wirkenden Teilimpulse wirken?
  4. Aus welchen Muskelkontraktionsformen (exzentrisch, konzentrisch, isometrisch) setzt sich der Bewegungsablauf zusammen?
  5. Welche Anzahl und Dauer (Frequenz) haben die Einzelkraftstöße?

Diese Kriterien dürften in den seltensten Fällen erfüllt sein, so daß im Anschluss an die Übungen eine „Utilisierung“ durchgeführt wird, mit Wettkampfnahen Belastungen, die den Trainingserfolg auf die Wettkampftechniken übertragen.

Das rekoordinative Training, nach einem Lauftraining nach Krafttraining, erfüllt eine ähnliche Funktion.

Aus diesem Grunde werden für die Plazierung der Trainingseinheiten (Kondition und Kraft bzw. Technik) folgende Empfehlungen gegeben:

Ebenso geht das hintereinanderschalten von Krafttrainings- und Techniktrainingszyklen in die gleiche Richtung Tilo Gold S. 157)

„Pampus (1995, S. 79) beschreibt das Prinzip in anschaulicher Weise. Parallel zum umfangsorientierten Krafttraining wird im ersten Trainingsabschnitt ein Technikerwerbstraining mit geringer Intensität durchgeführt. Es dient dem Einschleifen störungsresistenter Verschaltungen im Gedächtnis zur Automatisierung der Bewegung. Daneben findet außerdem das technische Ergänzungstraining seinen Platz mit Koordinations- und Imitationsübungen. Der zweite Trainingsabschnitt ist dadurch charakterisiert, dass unter erhöhter Kraftleistungsfähigkeit die Technik durch bewegungsintensives Technikerwerbstraining vervollkommnet wird. Das verbesserte Schnellkraftniveau muss im Technikanwendungstraining in wettkampfnaher Form angewandt werden. Der Umfang des Krafttrainings wird in diesem Zyklus reduziert, während die Intensität gesteigert wird.“

Optimale Trainingsvorraussetzungen schaffen
Beim Techniktraining ist darauf zu achten, dass durch optimale Umweltbedingungen bei der Bahnung der Bewegung möglichst Fehler vermieden werden. Um aber die Schnelligkeit zu erhöhen, darf der Grenzbereich der koordinativen Kompetenz nicht überschritten werden. (Grenzfrequenzphänomen). Tilo Gold S. 160)

Die kontrollierte Schnelligkeit liegt bei etwa 90% der maximalen Schnelligkeit.

Ein Genauigkeitstraining muss immer auch mit einem Schnelligkeitstraining kombiniert werden.

Tilo Gold S. 163 f)“Das optimale Zusammenwirken von schnellem neuromuskulären Innervationsmuster (als0 dem Aspekt der Schnelligkeit) und anderer Leistungsvoraussetzungen kann nur durch die Wettkampfübung erreicht werden. Hierbei müssen die Prognosegeschwindigkeiten gesichert werden, was maximale Intensitäten voraussetzt.“

Die Trainingsschritte (für Judo entwickelt), zeigt Tilo Gold hier (S. 165)

Tabelle 5: Der Lernverlauf einer Kampfhandlung (mod. nach Lehmann, 1997, S. 13)

Technik, Schnelligkeit und Motivation
Jeder hat es sicher schon bei sich erfahren, ein Training mit Unlustgefühlen bringt für Technik und Schnelligkeit garnichts. Im Gegenteil.

Ein Motivationsverlust im Training führt zu einem allmählichen Abbau der Leistungs- und Lernbereitschaf. (Tilo Gold S. 166 „Neumaier (1997, S. 184)

Ausdauer und Kondition: Plazierung

Diese wurden bisher immer allein an der energetischen Regeneration ausgerichtet.

In Wirklichkeit sind aber die Zusammenhänge sehr komplex. So kann ein kurzes Maximalkrafttraining die Motivation für ein anschließendes Schnelligkeitstrainig erhöhen. Die neuromuskuläre Leistungsbereitschaft wird erhöht und von den Übenden auch subjektiv so empfunden. Hohe konditionelle Belastungen können anschließend bessere Schnelligkeitsleistungen hervorrufen. Allerdings sind diese Erkenntnisse physiologisch nicht untermauert und müssen sensibel gehandhabt werden.

Über die Platzierung des Techniktrainings gibt es verschiedene Ansichten

Tilo Gold S. 169) „Dies hat Konsequenzen für die Platzierung eines Schnelligkeitstrainings innerhalb einer Trainingseinheit. Ermüdende Vorbelastungen reduzieren die Effektivität des Trainings durch mögliche Synapsenfehlprogrammierungen. Jegliche Nachbelastungen dagegen sind der Konsolidierung der kreisenden Erregungen (dynamischen Engramme) abträglich. Denn jede andere Tätigkeit stört nach einem Schnelligkeitstraining die Verfestigung der dynamischen Engramme, es kann sogar dazu kommen, dass sie erlöschen (vgl. Martin, 1991, S. 73). Hutton, Stevens & Stevens (1972) beschreiben eine Konsolidierungstheorie, die besagt, dass plötzliche, starke Stimuli die Ausbildung einer Gedächtnisspur stören können und damit dem Lernerfolg abträglich sind. Aus diesem Grund, folgert Neumaier (1997, S. 219), sollte ein Technik- oder Schnelligkeitstraining eher den abschließenden Teil einer Trainingseinheit darstellen.“

Allerdings stören die Ausbildun und Reifung der Bewegungsengramme (Programme) nur Bewegungen, die den realisierten Bewegungen ähnlich sind.

Lernen und Behalten praktisch: vier Stunden Pause machen (Tilo Gold S. 117)
Auch nach der Beendigung einer motorischen Lernaufgabe sind im ZNS noch Erregungen vorhanden. Diese dienen der Konsolidierung der dynamischen Engramme in die statischen oder strukturellen Engramme, die schließlich eine hohe Stabilität aufweisen. Das bedeutet, dass in der Trainingspause nach wie vor Aktivitäten zumindest auf der neuromuskulären Ebene stattfinden. Häufig wurde nun sogar beobachtet, dass der Sportler nach dieser Pause viel bessere Bewegungsresultate erzielt. Auch zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass Sportler nach einer Verletzungspause häufig gleich gute oder sogar bessere Leistungen zeigten als diejenigen, die durchtrainierten. Solche Erscheinungen werden mit dem Begriff Reminiszenz belegt und haben etwas mit dem zeitlichen Verfestigen von Lerninhalten zu tun. Von Reminiszenz wird im allgemeinen dann gesprochen, wenn nach einer Pause, in der kein weiteres Lernen erfolgte, eine Leistungssteigerung eintritt. Weigelt (1997) fand in seinen Untersuchungen zur Bewegungsschnelligkeit eine optimale Pausendauer von vier Stunden

Modell für ein Schnelligkeitstraining (Tilo Gold S. 186)

Training mit erleichterten Bedingungen (Tilo Gold S. 187)

Achtung!! mindestens 60% der Wiederholungen müssen von der Ausführung her korrekt sein.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass sowohl das Training mit erschwerten als auch mit erleichterten Bedingungen für die Stabilisierung der Innervationsmuster ungünstig sein kann. Deshalb sind immer wieder in ausreichendem Maße Bewegungen mit Wettkampfcharakteristik anzuschließen.

Laufschnelligkeit, zyklische Bewegungen
In den Bereich der Laufschnelligkeit fällt die Annahme, dass für hohe Bewegungsfrequenzen von einem internen Schrittmacher ausgegangen wird. (Tilo Gold S. 118).

Reaktionsschnelligkeit, Antizipation, Sehen
Auch wenn, wie Sven Piper ausweist, nur 20% der Bälle unter Zeitnot geschlagen werden, so ist dies aber nur möglich, weil die Spieler sich auf den nächsten Ball optimal vorbereiten. Der Ball ist nur 0,6 bis 0,9 Sekunden auf dem Platz unterwegs. Die Schlagausführung selbst dauert 0,2 bis 0,8 Sekunden da bleibt theoretisch für Reaktion und Lauf kaum noch Luft. Das trotzdem nur 20% der Bälle unter Zeitdruck gespielt werden, wird durch folgende Handlungen erreicht.

  • Optimale Vorbereitung nach dem eigenen Schlag (zur Mitte zurücklaufen, den Schläger wieder in Vorbereitungsstellung bringen)
  • Split-Step, um mit optimaler Anfangskraft in die richtige Richtung zu starten
  • Antizipation, Auswertung der Körpersprache des Gegners um die Reaktionszeit zu verringern, siehe Sven Piper S. 40. (Die Nervenleitgeschwindigkeit ist genetisch festgelegt und nicht trainierbar, Sven Piper S. 51))
  • Umschalten können, d.h. eine zweite Alternative bereithalten können (Mike Böhnisch, S. 6)
  • Die richtige Reaktion eingeübt haben
    • z.B. sehen es kommt ein Lob: nicht weiter schauen, wie tief er kommt, sondern sofort nach hinten starten, weiter beobachten und gegebenenfalls wieder zwei Schritte nach vorne.
    • z.B. man erkennt einen Stop, sofort nach Vorne und nicht schauen, ob er auch gelingt
    • und Alternative bereithalten, falls aus dem Stop ein tiefer Slice wird.

Eine große Rolle spielt dabei das periphäre Sehen, das es während des eigenen Schlages erlaubt, auch die Laufbewegung und möglichst die Schlagvorbereitung des Gegners zu registrieren.

Dabei könne durchaus Ballgeschwindigkeiten vorkommen, nicht nur beim Volley, bei denen das Auge nicht mehr schnell genug akkomodieren kann. Man muss also auch mit einem unscharfen Bild handlungsfähig bleiben

Der Erläuterungstext ist auf das Volleyballspiel bezogen, bei dem wegen der kürzeren Räume sehr hohe Anforderungen an Antizpation und Reaktion gestellt werden. Allerdings ist beim Tennis der Ball kürzer und über eine etwas längere Strecke unterwegs. die kritische Grenze dürfte da eher erreicht sein.
Zusätzlich ist durch die Mannschaftssituation eine besonders schnelle Wahrnehmung in Bezug auf das periphere Sehen gegeben. Im Doppel sind aber, mit Abstrichen, ähnliche Anforderungen wirksam.

Dies sind die Reaktions- und Bewegungszeiten

Die erhöhte Reaktionszeit, je nach Auswahlalternativen, hatten wir bereits oben erwähnt (HICKsche Gesetz, s. Tilo Gold S. 100).  Zu beachten bitten wir die Sprungzeiten, die nicht zu vernachlässigen sind. Deshalb muss der Splitstep ein kurzer Sprung, der eher in die Tiefe geht sein und kein Känguruh-mäßiger Hochsprung, wie man immer wieder sieht.

Auch das Auge kann man schulen: „Die Diagnosemerkmale einer Bewegung lassen sich demnach nur bei einer guten Blickmdotorik lesen.“ s. Mike Böhnisch S. 11

Hier das Ganze noch mal mit einem von der US Air-Force finanziertem Projekt.
Wir denken, dass ein solche apparativer Aufwand nicht erforderlich ist und  empfehlen stattdessen, im Straßenverkehr blitzschnell die Kennzeichen der ankommenden und wegfahrenden Autos auf beiden Straßenseiten zu lesen. Das ist ein sehr gutes Training für dynamisches Sehen, auch oder gerade unmittelbar vor einem bevorstehenden Match.

 

 

 

© Dr. Holger Hillmer

2 Kommentare

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