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Paradigmenwechsel in den Bewegungsmustern

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Vor 20 Jahren kamen scheinbar völlig neue Bewegungsformen ans Tageslicht. Zuerst bei den US-Rappern; gemeint sind die eigentümlichen Drehbewegungen der Unterarme – dies nun auch im Tennis?  Dieses Ein- und Ausdrehen der Arme, als Pronation und Supination bezeichnet, dürften ihren Ursprung in asiatischen Kampftechniken haben, die immer stärker funktionale Äquivalente und Überschneidungen zur Tanzkultur aufweisen.
Aber ganz generell haben sich Drehbewegungen in der Tennistechnik rapide durchgesetzt. Weg vom linear angelegten Drive, hin zu gepeitschten Schlägen aus der Rotation.

Kurz gesagt, wir gewöhnen uns mehr und mehr daran, Bewegungen als Drehbewegungen zu verstehen. Pronation und Supination geraten immer stärker in den Fokus. Den Lauffreaks ist dies schon länger vertraut: „der ist ein Überpronierer“, hört man im Laufshop schon seit Langem; (siehe die Diss Pronation beim Laufschuh.) Bei vielen Tennisspielern kommt diese neue Begrifflichkeit erst jetzt langsam an (zur Pronation siehe auch unseren Beitrag Was bedeutet Pronation beim Tennisschlag?)

Exkurs: Tanz und Kampf
Zum Zusammenhang von Kampf und Breakdance, entnehme ich einige Passagen aus dem Aufsatz von Heidi Salaverría, weil er interessant ist und so schön in unser Thema passt:

 „Kant, Dewey und ‚Breakdance: Über die ästhetische Anerkennung verkörperter Lebensstile“ 2006 , S. 2,  dort heißt es: “…athletische Kombination aus schneller Fußarbeit, Körperdrehungen und roboterhafter Erstarrung” erregte aufgrund ihrer sogenannten “Powermoves” – Drehungen auf dem Kopf, Rücken und Händen – die Aufmerksamkeit der Medien.“ (Leidenberger 2001: 230, Kimminich 2003) und weiter „..Dass Kampfsporttechniken den Tanz beeinflussten, lässt sich vermutlich auch durch die gesellschaftliche Lage erklären, in der sich die Jugendlichen befanden: Zum einen stehen den Jugendlichen in den ärmeren Stadtteilen New Yorks vermutlich nicht gerade die finanziellen Mittel zur Verfügung, um sich bspw. eine Ballettausbildung leisten zu können. Das, was die Tänzer von den asiatischen Kampfsportarten gelernt haben, haben sie sich größtenteils über Fernsehen, Videos etc. angeeignet…“ (S.3)  „…“,

Capoeira selbst ist eine Kampftanzform, die von brasilianischen Sklaven entwickelt wurde. Der Kampf wurde als Tanz “getarnt”, um die Aufseher zu täuschen. (Kimminich 2003:5) Im Breaking dieser frühen Phase charakteristisch sind unterschiedliche Bodenbewegungen des Körpers (Schultern, Kopf, Hände), bei denen die Beine in der Luft Spielraum haben und so potenzielle Angreifer durch Kicks abwehren könnten. Die symbolisierte Kampfsituation scheint für die Breakerästhetik dieser Phase zentral zu sein. Bekannte Tanzgruppen dieser Zeit waren die Nigger Twins, Clark Kent, Zulu Kings und natürlich die vielleicht am bekannteste Rock Steady Crew. … Indirekt wird im Breakdance ein Aspekt kantischer (und insgesamt modernistischeuropäischer) Ästhetik widerlegt, nämlich dass Kunst zweckfrei sei und sich dadurch von der Gebrauchskunst unterscheide. (Vgl. Kant 1957, §11, A 35)“

Siehe auch in Ars Martialis, Die Physik des Karateschlages , sowie die Dissertation von Ralf Pfeifer zur Mechanik des Kampfsports. Pfeifer hat auf seiner Homepage eine Fülle an biometrischen Daten zu Körpergewichten, Reaktionszeiten usw. zusammengetragen.

Vom Kampfsport sind es nur wenige Schritte zum Tennis, denn auch hier ist es ein wichtiges Ziel, Körperkräfte effektiv einzusetzen

Drehung des Rumpfes

Jeff Counts and Olga Bogatyrenko erläutern mit beeindruckenden slow-motion-Beispielen, welche Rolle Torsion, also Drehbewegungen, im modernen Tennis spielt, siehe hier…

Viele Mythen und überholte Anweisungen aus den zurückliegenden Jahrzehnten erklären sich aus dem Denken und Beobachten vorzugsweise in Begriffen der Linearität. Insofern kann man durchaus von einem grundlegenden Paradigmenwechsel sprechen. Jeff und Olga erklären hieraus das Phänomen, dass ältere Spieler, gerade wenn sie klassische Trainerstunden gehabt haben, heute gegenüber jungen Spielern Nachteile haben, die sich nicht allein aus körperlichem Abbau erklären.

Es sei hier darauf hingewiesen, dass diese Torsionsbewegungen durchaus auch bei „Tennis-Dinos“, zum Beispiel Tilden, anhand überlieferter Filme nachgewiesen werden können. Und trotzdem hat die gesamte Tennislehre mit dem Ideal vom Drive, mit langer Führungstrecke und Schlagschritt manche natürliche  körperbetonte Ansätzte der Spieler „unterdrückt“.

Der Wandel ist, nach Jeff und Olga, auch durch die Verbreitung der Hochgeschwindigkeitsfotografie gefördert worden. Moderne Digitalkameras im mittleren Consumer-Bereich schaffen heute locker 400 fps. Das reicht zur Analyse und Korrektur auch feinster Details der Tennistechnik aus.

Der folgende Lehrclip zeigt noch mal genau, wie bei der Vorhand nunmehr die Torsion die frühere Vorwärtsbewegung verdrängt hat. Dies hat Auswirkungen bis zur optimalen Schlägerauswahl, weil die Vorhandpeitsche auch oder man muss sagen, gerade mit, einem leichten Schläger besonders schnell gemacht werden kann.

 

 Torsion des Rumpfes statt gerades Führen

 Pronation
Um nochmal auf das Bewegungsbild des Rappers zurückzukommen. Auffällig sind die ausgeprägten Verdrehungen der Unterarme. Man spricht von Pronation (Eindrehung entgegen dem Uhrzeigersinn) und Supination, der Pronation entgegengesetzt.
Die Pronation wird in bei der Vorhand heute verstärkt eingesetzt und führt dazu, dass der Schlägerkopf nach dem Schlag auf der linken Körperseite nach unten gerichtet ist.
Man nennt den Schlag auch Scheibenwischer- oder Wiper-Vorhand.
Beim Aufschlag findet ebenfall eine starke Pronation in der Endphase des Service statt, kurz vor dem Balltreffpunkt, als letztes Glied der Peitsche und als teilweise Ersatz der früher üblichen Schnappbewegung des Handgelenks. Inwieweit diese Schnappbewegung heute noch Bedeutung hat, kann man nicht genau sagen. Ganz verschwunden ist diese Bewegung vermutlich nicht, aber sie ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher, was vermutlich auch damit zusammhängt, dass die kleinen Knochen des Handgelenks ansonsten zu stark belastet und geschädigt werden können. Dieses Risiko geht man bei der Pronation nicht ein.

 

 Pronation beim Aufschlag

Supination
Die der Pronation entgegengesetzte Bewegung, die Supination wird bei der Vorhand für die sogenannte Reversevorhand (z.B. Nadal) eingesetzt, für dem extremen Topspinvorhandlob, bei der der Schlägerkopf rechts am Kopf vorbei nach hinten endet. Ebenfalls mit einer Supination wird die einhändige Topspinrückhand ausgeführt. Und bei einem Rückhandslice, der durchaus Wipereigenschaften hat haben wir eine Supination, die den Treffpunkt des Slice etwas nach vorne rücken lässt und zusätzliche Beschleunigung ermöglicht. Gerade für leichtere Schläger ist dies wichtig.

 

© Dr. Holger Hillmer

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