Tennisfragen

Tenniswissen | Tennisanalysen

Muskeln + Sehnen dehnen und wiederherstellen

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Bedingt durch eine als bitter empfundene achtwöchige Spielpause – „ich habe Schulter“ – beschäftigte  ich mich seit langem wieder mit dem Thema muskuläre Irritationen.
Im Beitrag zum Tennisarm gab ich meine sehr guten Erfahrungen mit bestimmten Übungen sowie einer Tennisarmmanschette zum Besten. Nun stellt sich allerdings heraus, dass meine Deutungen sich offenbar nicht mehr auf dem neuesten Stand befinden. Ich denke, dass die Antworten, die ich von kompetenter Seite einholte, auch für meinen sportwissenschaftlich interessierten Leserkreis in jeder Hinsicht interessant sein dürften.

Vorab muss ich darauf hinweisen, dass ich kein Mediziner bin und alles hier Geschriebene selbstverständlich ohne jede Gewähr ist. Aus besonderer Vorsichtshaltung heraus gebe ich auch meine oder meinen Gesprächspartner nicht Preis, um zu unterstreichen, dass es hier lediglich um das Aufzeigen von Aspekten und Deutungsmustern geht, die hier keineswegs abschließend oder irgendwie verbindlich behandelt werden können. Hierfür bitte ich um Verständnis.
Natürlich freue ich mich über Kommentare, die das Thema weiterbringen, siehe ganz Unten.

Mein Problem und meine Ausgangsfrage
Durch verschiedene Umstände (Schlampigkeit bzgl. Schlägerbespannung, lange statische Belastung meiner Schulter durch Lesen auf meinem Smartphone) hatte ich einen „elektrischen Schlag“ in meiner Schulter bekommen, der mir den Schläger regelrecht aus der Hand warf. Tenniskollegen haben in dieser Situation ihre Schulter operieren lassen. Für mich selbst kommt das erst in Frage, wenn alle konservativen Mittel ausgereizt scheinen.
Nun macht sich meine Schulter wieder recht gut. Ich dehne in alle Richtungen (nie gegen äußere Widerstände sondern immer mit den Antagonisten) und gehe auch an die Positionen, bei denen es noch etwas weh tut. Das Spiel letzten Mittwoch (nur Bälle schlagen, Kreislauf geht schön hoch) hat mich einen großen Schritt weiter gebracht. Bei solchen Dauerschäden müssen nach meinem Verständnis Vernarbungen und Verklebungen zerstört werden (siehe Stäbchenmassage), damit sich wieder optimale Strukturen bilden können. Deshalb hilft reines Ruhen nach meiner langjährigen Erfahrungl nicht so gut (siehe auch beim Tennisarm).

Zu dem Dehnen hatte ich in grauer Vorzeit (vor mehr als. 20 Jahren) von einer Kollegin das Buch eines Mediziprofessors in die Hand bekommen, der darauf hin wies, dass bei der Dehnung gegen einen äußeren Widerstand sofort Reaktionsreflexe aktiviert werden, die der Dehnung entgegenstehen. Hingegen bewirkt die Dehnung mittels der Antagonisten, dass in der Wirbelsäule dieser Reflex dann ausgeschaltet wird. Dazu habe aber inzwischen nichts mehr  gelesen. Ist diese Betrachtungsweise bekannt?

Antwort
Es ist in der Tat nicht verkehrt, mit Hilfe der Kontraktionskraft der Antagonisten den Agonisten zu dehnen.
Aber…….

1. Ich nehme an, dass das Ziel deiner Dehnbemühungen ist, die Dehnfähigkeit der jeweiligen (Ziel-) Muskeln zu verbessern; denn dies ist der einzige bisher empirisch nachgewiesene Effekt von Muskeldehntraining. In diesem Fall ist festzustellen, dass der Erfolg des Dehnens (die Verbesserung der Dehnfähigkeit) allein von der beim Dehnen erreichten Dehnstellung (= Gelenkreichweite) abhängig ist. Ob der gedehnte Muskel dabei völlig entspannt ist oder willkürlich oder reflektorisch kontrahiert, ist völlig unerheblich (= derzeitiger Stand der Erkenntnis). Man könnte also im Grunde jegliche reflektorischen Geschehnisse vernachlässigen und sich nur auf eine entsprechende Gelenkreichweite konzentrieren.

2. Natürlich kann es nicht schaden, dabei etwas über das reflektorische Geschehen des Muskels zu wissen. Bedeutend dabei ist, zwischen eine langsamen („rampenförmigen“) oder schnellen (ballistischen) Dehnung zu unterscheiden. Bei der langsamen Dehnung werden die Gruppe-II-Dehnungsrezeptoren in den Muskelspindeln (Sensoren des statischen Längenkontrollsystems des Muskels) erregt und lösen auf dem Wege über das Rückenmark kaum für das Dehntraining nennenswerte Spannungsänderungen im Agonisten (gedehnter Muskel) oder im Antagonisten aus. Bei einer schnellen Dehnung werden die Ia-Rezeptoren der Muskelspindeln (Sensoren des Servomechanismus des Muskels) erregt, veranlassen auf dem Weg über das Rückenmark den gedehnten Muskel zu einer kurzen heftigen Kontraktion und lösen im Antagonisten eine kurze entsprechende Hemmung aus, sofern er nicht schon völlig entspannt ist. Dies ist in der Regel nicht schädlich, kann aber den Dehnerfolg nicht beeinflussen, sofern dadurch das Erreichen die abgestrebten Gelenkreichweite nicht beeinträchtigt wird.

3. Der zu dehnende Muskel kann nicht unterscheiden, ob die dehnende Wirkung von der Kontraktion des Antagonisten oder von einem äußeren Widerstand herrührt. Beides ist für ihn eine äußere Kraft.

4. Der Vorteil des Dehnens durch Kontraktion des Antagonisten ist nicht durch Reflexe oder Ausschaltung von Reflexen zu erklären, statt dessen durch eine neuronale Verschaltung, die sich „antagonistische Vorwärtshemmung“ nennt: Von den aus dem Hirn ziehenden Nerven (Alpha-Fasern), die den Antagonisten zur Kontraktion zwecks Dehnung des Agonisten anregen, zweigen Kollateralen ab, ziehen zu den Motoneuronen des zu dehnenden Muskels und unterdrücken dort auf dem Wege über hemmende Schaltneurone eine Aktivität. Folge: der zu dehnende Muskel setzt der Kontraktion des Antagonisten, der in seiner entdehnten Situation ohnehin keine hohen Kräfte mehr erzeugen kann, keinen aktiven Widerstand entgegen. Somit wird der Dehnerfolg nicht geschmälert. Aber: diese Effekte scheinen äußerst gering. Deshalb mein Rat: Ruhig auch zusätzlich mit Hilfe äußerer Widerstände dehnen, aber langsam ansteigend in der Intensität. Zusätzlich lässt sich dabei auch der Gegenspieler kontrahieren – und man nutzt beide Vorteile gleichzeitig, die höhere Dehnwirkung des äußeren Widerstandes und die entspannende Wirkung der Antagonistenkontraktion.

Zusatzfrage
Danke für die ausführliche Info. In der Presse werden ja seit einigen Jahren immer wieder Vorbehalte über die Wirksamkeit der Muskeldehnung veröffentlicht (Belastung der Muskulatur). Hast Du bei Deiner Darstellung auch bedacht, dass es bei den von mir beschriebenen Dehnungsübungen nicht primär um eine Erhöhung der Bewegungsumfänge geht (Gelenkwinkel), sondern um den Effekt, dass die Sehenansätze keinem Dauerzug mehr ausgesetzt sein sollen (schlechte Ernährung der Knochenhaut ) durch verkürzte – weil überlastete – Muskulatur? In diesem Fall ist ja jeder zusätzlicher Zug am Sehenansatz vermutlich besonders schädlich und vor allem auch schmerzhaft – ich meine, wenn der Ansatz schon entzündet ist.

Antwort
Meine Darstellung ging von der Voraussetzung aus, dass Dehnübungen den Zweck verfolgen, die Dehnfähigkeit des Muskels zu verbessern. Ob Dehnübungen diesen Effekt erreichen, lässt sich nur an einer „Erhöhung der Bewegungsumfänge“ ermitteln. Andere Effekte von Dehnübungen sind bis jetzt nicht nachgewiesen.
Der Effekt, „…dass die Sehenansätze keinem Dauerzug mehr ausgesetzt sein sollen…“, verstehe ich so, dass durch Dehnen die passive Spannung des Muskelsehnenkomplexes überdauernd (langfristig) gesenkt werden soll. Dies ist bisher empirisch nicht nachgewiesen.
Statt dessen kann die passive Spannung durch intensives langfristiges Dehnen sogar steigen, weil die durch Dehnen periodisch auf den Muskel aufgebrachten Dehnungsreize zu einer Hypertrophie des Muskels und dadurch zwangsläufig auch zu einer erhöhten Ruhespannung führen können.

Was die „…verkürzte – weil überlastete – Muskulatur…“ angeht, bin ich unsicher. Sollte es sich hier um ein pathologisches Problem handeln, bin ich überfragt.
Rein biologisch-funktionell betrachtet, reagiert ein Muskel auf „Überlastung“ nicht durch Verkürzung. Statt dessen könnte es sich eher um eine Verhärtung (Myogelose) handeln.
Ich werde jedoch darüber noch einmal mit einem praktizierenden Orthopäden sprechen. Verhärtungen lassen sich mit Sicherheit nicht durch Dehnübungen, sondern allenfalls durch Massage oder medikamentös behandeln. Auch eine „Verkürzung“ – also eine Verminderung der funktionellen Länge des Muskels – ist durch sporadisches Dehnen allein kaum zu beheben, allenfalls durch mehrwöchiges (permanentes) Dauerdehnen (quasi im Streckverband), wie an Tierversuchen gezeigt werden konnte. Auch regelmäßige Kraftbelastung im gedehnten Zustand kann zu einem Anwachsen der funktionellen Länge führen, s. Beitrag von Aquino et al.!. Diesen kannst du im Abstract unter folgender Adresse einsehen.

Ergänzung zur Antwort (Orthopäde)
Das Thema Muskellänge, Muskelverhärtungen usw. steht offenbar derzeit nicht im Zentrum der orthopädisch-fachlichen Initiativen. Der Erkenntnisstand in diesem Teilgebiet scheint sich noch nahezu auf dem Niveau von JANDA aus den 70er und 80er Jahren zu befinden. Siehe u.a.  hierzu
Das heißt im Einzelnen:
Der Begriff „Muskelverkürzung“ wird in der orthopädischen Praxis nicht physiologisch-funktionell verwendet, sondern als ein Sammelbegriff für Erscheinungen, die eine muskulär bedingte Bewegungseinschränkung eines Gelenkes zur Folge haben. Als Ursachen werden Verhärtungen, Verklebungen und Verspannungen in dem fleischigen Anteil des Muskels angenommen, wobei nicht klar ist, welche Strukturen (Muskelfasern, bindegewebige Faserhüllen oder Muskelhüllen oder gar Nervenfasern…) betroffen sein können.
Die Sehne soll meist nicht „an der Verkürzung beteiligt“ sein, kann aber mit entzündlichen Prozessen (z.B. Achillodynie, Tennisellenbogen) reagieren.
Mangelhafte Durchblutung, nicht ausgeheilte Verletzungen wie Faserrisse und Zerrungen, Überlastung, aber auch nervliche Prozesse können Ursachen, aber auch Begleiterscheinungen sein. (Probleme an den Ansatzstellen der Sehnen am Knochen liegen nach Meinung vieler Praktiker eher nicht an Veränderungen innerhalb des Muskelsehnenapparates, sondern an Defiziten des Knochens und des Knochenstoffwechsels und /oder an Überlastung der Knochenhaut).
Die Behandlung der muskulären Probleme erfolgt in der Regel durch Wärmeapplikation (Durchblutungsförderung), Massage, entzündungshemmende Präparate und insbesondere Bewegungstherapie. Letztere enthält neben sanften Dehnungen vor allem submaximale Kontraktionen über die gesamte Bewegungsreichweite, also Kontraktionen aus der maximalen Dehnposition bis zur maximalen Entdehnung – hin und zurück, langsam bis zügig – gegen mittlere Widerstände. All dies sei aber derart einzelfallbezogen, dass sich keine allgemeinen Regeln nennen ließen.

 

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