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Matchanalyse – das verschenkte Potential!

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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Doch die Mehrheit der Club- und Freizeitspieler nutzen nicht das gewaltige Potential einer ehrlichen Analyse ihres Matches – und es könnte sie soviel besser machen!  

Mit diesem Gastbeitrag schlagen wir eine weitere Schneise in das unübersichtliche Gestrüpp von Taktik, Psychologie und Mental-Game.

Vieles davon ist nämlich leichter und effektiver umsetzbar, als manch technische Raffinesse.  Siehe dazu auch unseren Beitrag Was wirklich sind Unforced Errors?

 

Wir alle kennen Spieler, die nach ihrem Match allen Anwesenden unbedingt sagen müssen, wie wahnsinnig viele Doppelfehler ihm selbst unterlaufen sind oder wie viele Asse und Service-Winner er heute geschafft hat. Ob solch ein Spieler sein Match gewonnen oder verloren hat, weiß man häufig auch danach noch nicht.

An diesem Praxisbeispiel zeigt sich recht deutlich, wie weit die selektive Wahrnehmung beim Tennismatch gehen kann. Die Gründe sind sicherlich zahlreich. Eine wichtige Ursache ist jedoch, dass es im Freizeitbereich außer dem nackten Spielergebnis keine neutralen Zahlen, Statistiken gibt. Viele Spieler wären sicherlich überrascht, wenn sie wüssten, wie viele unerzwungenen Fehler ihnen unterlaufen sind. Auch düften sich einige Spieler gewaltig bei der Quote erster Aufschläge verschätzen. Ähnlich realitätsfern scheint die Einschätzbarkeit der Gesamtpunktzahlen bzw. die Differenz zwischen Gewinner und Verlierer zu sein. Dabei sprechen wir davon, sich nach einem Spiel systematisch und fundiert Gedanken über den Spielverlauf und die Ursachen des erreichten Eergebnisses zu machen. Deutlich schwieriger ist es, während eines laufenden Matches die Zusammenhänge zu analysieren, bewerten und auf eine erfolgreiche(re) Taktik umzustellen.

 

        •  Robert Hartl ist seit Jahren Tennistrainer und aktiver Tennisspieler. Er schreibt in seinem vielbesuchten und gut sortiertem Tennis Weblog regelmäßig zu Tennisthemen: www.tennis-weblog.de

 

 

 

Naheliegend ist daher während und nach einem Spiel die Befragung des Trainers, der Mannschaftskollegen etc. Aber auch hier schlägt deren selektive Wahrnehmung durch, siehe den Beitrag hier Coachingfehler im Clubtennis. Denn Außenstehende neigen dazu ihr eigenes Spiel auf das zu analysierende und bewertende Spiel zu projezieren. So wird man bei gleichem Spiel von einem offensiven Außenstehenden andere Tipps erhalten, als von einem defensiv agierenden Grundlinienspieler. Denn der Angreifer sieht vor allem die aktiv, offensiv erzielten Punkte, während der Defensivspieler die verschenkten Punkte durch unnötige Fehler bemerkt. Und ob man häufiger ans Netz gehen oder weiter zurück hinter die Grundlinie soll, sind bekanntlich ja zwei weitgehend gegensätzliche Empfehlungen und müssen überdies auf das Kompetenzprofil des Spielers bezugnehmen.

Was als Fazit bleibt, ist aus meiner Sicht folgendes:

  • Hilf Dir selbst
  • Schalte Deine selektive Wahrnehmung möglichst aus

Die Selbstanalyse ist zu Beginn sicherlich nach einem absolvierten Match einfacher. Man zieht sich in Ruhe zurück und lässt den Spielverlauf und die Punkte Revue passieren. Als Trockenübung kann man natürlich auch andere Spiele so analysieren. Aber im Profibereich sind die Unterscheide oft marginal und die eigenen Problembereiche werden dabei auch nicht klarer.

Optimal wäre es natürlich, wenn man einen Zuschauer wie Trainer oder Mannschaftskollegen bitten kann, bestimmte Statistiken wie Gesamtpunktzahl, unerzwungene Fehler, etc. mitzuprotokollieren. Man entwickelt dann schon relativ bald ein besseres Gefühl auch während der Spiele, wieso das Ergebnis so ist, wie es ist.

Letzteres klingt selbstverständlicher als es ist. Gerade gegen ausgebuffte ältere Spieler beißen sich viele jüngeren Spieler die Zähne aus. Sie liegen in Rückstand ohne zu wissen, wieso und meinen, sie wären eigentlich die besseren Spieler. Eigentlich.

Bei den für ein Tennismatch relevanten Statistiken kann bzw. muss man sich die Zahlen aus dem Profibereich zu Hilfe nehmen. Denn hier wird alles statistisch erfasst. Vielleicht sind die Daten im Einzelfall mal nicht ganz korrekt, über die Summe eines Spieles oder gar einer Saison aber belastbar.

Drei exemplarische Auffälligkeiten

    1. Die Gesamtpunktzahlen unterscheiden sich auch bei relativ klaren Ergebnissen wie 6:3 und 6:3 oft um weniger als vermutet. Zahlreiche Head-to-Head-Statistiken oder auch bei Tennisspielen am Computer mit echter Zählweise bieten hier hilfreiche Indizien.
      Konkret heißt das bei einem klaren Zweisatzsieg beispielsweise 85 zu 67 Punkte. Statistisch sind pro Satz nur neun Punkte unterschiedlich (rechnerisch heißt dies, vier oder fünf Punkte statt verloren nun gewonnen, hätten einen Satzgewinn statt eines Satzverlustes ergeben). Zugegeben, es sind neun Punkte über zwei Aufschlagspiele, aber im nachhinein erscheint es doch nicht völlig ausgeschlossen, dass man diese vier oder fünf Punkte selbst hätte gewinnen können. 
      Hätte man… Vielleicht im nächsten Match. Vielleicht aber schon im nächsten Satz! Also nie aufgeben.
    2. Die unerzwungenen Fehler werden unterschätzt. Auf Sand gewinnen selbst im Profibereich meistens die Spieler, welche die wenigsten unforced errors machen. Im Freizeitbereich gilt dies erst recht, da je offensiver das Spiel, desto höher die erforderlichen Qualitäten für fehlerarmes Spiel. Auch hier kann man indirekt von den Profis lernen. Obwohl diese sehr flach über das Netz und sehr nahe an die Linien spielen, landen kaum Bälle im Netz oder seitlich im Aus. Hier… erklärt Tennistrainer Florian Maier recht anschaulich, welche Fehler „gut“ und „schlecht“ sind. Als Freizeitspieler gilt es daher umso mehr, Fehler ins Netz oder seitliche Aus zu vermeiden, indem man höher und wenige nahe an die Seitenlinien spielt.
    3. Aufschlag und Return werden unterschätzt, da man sich deren Bedeutung offensichtlich nicht wirklich bewusst ist. Auch hier kann man sich bei den professionellen Spielern bedienen. Die besten bringen im Schnitt zwischen 60% und 70% ihrer ersten Aufschläge ins Feld und machen dann zu über 70% den Punkt. Aber auch mit dem zweiten Aufschlag machen die Besten mehr als jeden zweiten Punkt. Über 80% gewonnene Aufschlagspiele sind ganz vorne die Regel. Quelle für Saison 2011 .
      Man sollte daher Aufschlag und Return viel häufiger trainieren. Vor allem am eigenen Aufschlag kann man notfalls auch alleine arbeiten, siehe den Beitrag hier „Wie komme ich zum Spitzenaufschlag„. Denn dies ist der einzige Schlag, für den man komplett selbst verantwortlich ist. Kein Gegner hat unmittelbaren Einfluss darauf. Auch während des Spieles werden immer wieder erste Aufschläge verschenkt, da man sich zu wenig Zeit lässt und nicht ausreichend konzentriert.

Fasst man nur diese drei Punkte zusammen – nie aufgeben, weniger Fehler ins Netz und seitliche Aus sowie konzentrierter Aufschlagen (und Returnieren) – kann das jeder Spieler jeder Leistungsklasse als ersten Schritt relativ einfach umsetzen, um erfolgreicher zu spielen.

© Dr. Holger Hillmer

3 Kommentare

  1. hollo, da geb ich dir völlig Recht. Auch in anderen Sportarten (z. B. Bogenschießen) werden entsprechende neue technische Möglichkeiten bereits seit einigen Jahren regelmäßig für durchaus erfolgstiftende Analysen genutzt. im Leistungsbereich sollte man die Analysemethoden auf jeden Fall nutzen.

  2. die objektive und wirklich ehrliche Analyse geht nur über Videoaufzeichnung!
    Ich selbst experimentiere aktuell mit der Technik. Es geht darum einfach und qualitativ ausreichend Videos von seinem Spiel aufzeichnen zu können.
    Bei den heutigen Möglichkeiten mit Notebook, Smartphone etc. muss das doch möglich sein.
    Dieses Thema wäre hier sehr hiolfreich und würde bestimmt viele interessieren.
    MfG HJ Mohr

    • Auch ich glaube, dass die bessere Verfügbarkeit alter und das Hinzukommen neuer Analysetechniken zu einer Revolution im Tennistraining führen wird.
      Zusatzgeräte am Schläger, Schläger mit integrierten Sensoren (Babolat play&connect) einerseits und automatischen Bild- und Filmauswertesystemen werden die bisherigen Flaschenhälse mangelnder Analysekapazität überwinden helfen.
      Möglicherweise werden dabei auch biomechanische Grundkenntnisse gleich mitgeliefert.
      Bisher jedenfalls ist es immer noch ein Glücksfall, wenn ein Kundiger mit der Analyse betraut ist.

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