Die Ballwand zeigt es uns, ein schneller Ball kommt schnell wieder zurück. Wieweit lässt sich diese Ballwanderfahrung auch auf unseren Schläger übertragen und was muss ich tun, um einen langsamen Ball schnell zu machen?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Wand und Schläger
- Die Masse der Ballwand geht gegen Unendlich aber der Schläger hat nur die sechsfache Masse des Balles. Immerhin, ein schnell ankommender Ball erzeugt schon aufgrund der Reflexion am Schläger eine etwas bessere Beschleunigung.
- Bei einem langsam ankommenden Ball muss man besonders viel unternehmen, um ihn schnell zu machen! Der Schläger muss also möglichst schnell bewegt werden.
Allerdings wird auf einen langsamen Ball unwillkürlich meist mit einer langsamen Schlagbewegung geantwortet. Das wird man im Spitzentennis, außer bei einem Stopp, so gut wie nie erleben. Langsame Bälle werden dort unbarmherzig schnell gemacht und bringen meistens den Punkt.
Der Normalo schlägt aber nur den schnell ankommenden Ball schnell – weil er unter Zeitdruck ist. Eine einfache Erklärung, jenseits der Physik. Wer es besser weiß, möge mich korrigieren!
| Vorhand: Bewegung verzögern, ganze Schleife wird sehr bewusst spät angesetzt: langsamen Ball schnell machen. | Vorhand: eher sehr frühe Ausholbewegung und Beschleunigung aus dem Schlägerstillstand. Geht auch, ist aber biomechanisch die zweitbeste Lösung. |
Für die langsame Schlagausführuns gibt noch einen zweiten Grund, den Trainer. Der versucht meist, den Ball stilvoll in beinahe Zeitlupe zu spielen, damit der Schüler genau sehen soll, wie der Schlag funktioniert.
Der Schüler nimmt also die verlangsamte und “abgespeckte” Bewegung des Trainers als Vorbild und Ideal auf . Er hat den Eindruck, es wäre ein Vorteil und er würde es gut machen und belohnt, wenn er es schafft, auch so ruhig zu spielen.
Spätestens im Match, wenn der Gegner mit dem langsamen Ball macht, was er will, wird er umdenken müssen. Solange er aber mit Gegnern spielt, die mit langsamen Bällen ebenfalls Probleme haben, kann es sogar ein Vorteil sein.
Die meisten Trainer aber, die ja oft in höheren Spielklassen unterwegs sind, klagen darüber, dass sie sich im Wettkamp erheblich umstellen müssen (das hat allerdings auch noch andere Gründe).
Das Paradoxe ist: die modernen Schläge kann man nicht richtig in “Zeitlupe spielen”. Die elastische Vorspannung der beteiligten Muskeln, Sehnen Knorpel und Bänder wird bei langsamer Schlagausführung nicht erzeugt oder geht zu früh wieder verloren (zur Elastizität, siehe hier…, zur Vorhandpeitsche, siehe hier... und hier...).
Man versuche mal, ganz langsam dieses Bild, links, “nachzustellen”. Höchstens ein zirkusreifer Schlangenmensch ist dazu in der Lage. Der alte Trainerspruch “früher Ausholen” ist, wenn er so verstanden wird, je früher umso besser, ein Mythos und führt in die Irre.
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Und wie bekommt man den Ball nun schnell?
Das Timing etwas verzögern, trotzdem weite Ausholschleife (so weit, wie es der Schlagstil zulässt) und dann schnell, mit voller Kraft zuschlagen. Je stärker man dann beschleunigt, umso schneller wird der Ball. Frühes Ausholen und langsames Führen des Schlägers werden von der Physik nicht “belohnt”. Nur mit sehr schweren Schlägern, die langsam aus der Mode kommen, kann man auch mit langsamen Bewegungen den Ball schnell machen.
Also das Gegenteil von dem tun, was uns Trainer seit Jahrzehnten predigen. Hier liegt ein klarer Paradigmenwechsel vor, an den sich ältere Spieler erst gewöhnen müssen:
Die moderne (Topspin-) Vorhand wird nicht geführt und nicht geschwungen, sondern peitscht den Schlägerkopf mit einer Durchschnittskraft von ca. 70 Kp auf eine Geschwindigkeit von ca. 80 Km/h. Dabei wird der gesamte Armtrakt stark verwrungen, wie man hier sehr schön sieht. Bei jungen Spitzenspielern mit sehr schneller Zuschlagbewegung (z.B. Kukushkin) beträgt die Dauer der gesamten Peitsche knapp über 0.2 Sekunden. Das bedeutet, während der gesamten “Schleife” (beginnend im allgemeinen neben dem rechten Ohr) gibt es keinerlei Möglichkeiten mehr, unterwegs Ausgleichsbemühungen umzusetzten (siehe hierzu unseren Beitrag Schnelligkeit im Tennis)
In unserer schnell fortschreitenden Wissensvermehrung kann altes Lehrbuchwissen schnell veralten, ohne dass man es bemerkt. Andererseits hat die Maxime des frühen Ausholens auch schon nach früherem biomechanischen Wissen nicht gepasst. Eigentlich wurden fast sämtliche in Frage kommenden biomechanischen Leitlinien durch diese Anweisung verfehlt. Siehe dazu die von uns hier fett markierten Punke aus der sehr übersichtliche Darstellung der UNI Düsseldorf, Peter Wastl , S. 18
- Prinzip der Anfangskraft siehe auch unseren Beitrag Das Prinzip der maximalen Anfangskraft
- Prinzip des optimalen Beschleunigungsweges (lang zum Ausholen gestreckter Arm ist nur sinnvoll, wenn dies Position genutz wird, um das Arm/Schlägersystem mit der Schulter zu beschleunigen. Ansonsten ist diese Haltung alleine für die Beschleunigung mittels des Brustmuskels wegen der Winkelverhältnisse nicht optimal. Siehe Skizze im Beitrag Muskelmodelle für die Vorhandsimulation.
- Prinzip der optimalen Tendenz im Beschleunigungsverlauf
- Prinzip der zeitlichen Koordination von Teilimpulsen
- Prinzip der Impulserhaltung
- Prinzip der Gegenwirkung
Insofern passt die Herausstellung des neuen Paradigmas von der biomechanischen Optimierung des Ausholvorgangs zur Unterstützung der Vorhandpeitsche sehr gut in dieses Portal, das überkommene Vorstellungen zum Tennis auf den Prüfstand stellt.
Schließlich muss an dieser Stellee noch ergänzt werden, dass ein leichter Schläger einen langsamen Ball besser schnell macht, als ein schwerer Schläger.
© Dr. Holger Hillmer
27.03.12 um 10:04 Uhr
Hierzu gibt es den Kommentar von Florian Meier zum Beitrag Zeigen die Jungstars uns neue Strokes?, der den Begriff des Late Hittings thematisiert:
Hi Robert.
Das Konzept von dem Du sprichst wird in der Golflehre als late hitting oder spätes schlagen bezeichnet. Es ist bei den Topprofis natürlich sehr deutlich zu sehen und sorgt mit Sicherheit auch für enorme Beschleunigung des Schlägers.
Nichtsdestotrotz ist dies ein extrem schwieriges Manöver für den Tennisspieler und erfordert sehr viel Koordination. Im Profi-Damentennis gibt es auch nur sehr wenige die den Ball derart schlagen. (Stosur zum beispiel und auch henin)
Meines Erachtens sind die meisten Freizeitspieler besser damit beraten sich erstmal auf andere Grundelemente einer guten Vorhand zu konzentrieren und das späte schlagen ist dann das letzte Element in der Kette. Ich arbeite nur mit relativ wenigen Spielern daran…die meisten sind einfach überfordert das zu koordinieren. Im Golf ist dies etwas einfacher, da man nicht auch noch die Beinarbeit koordinieren muß. Deshalb können das wohl auch mehr Golfer einbauen als Tennisspieler meiner Meinung nach.
Ich habe dazu einen relativ ausführlichen Artikel geschrieben, allerdings kann ich den noch nicht online stellen weil der eventuell auf tennisplayer.net veröffentlicht wird
Es ist auf jeden Fall ein sehr spannendes Thema!