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Ist der moderne Aufschlag für den Freizeitspieler zu schwer?

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Einfache Tipps und Tricks sind hier gefragt.
Denn der moderne Aufschlag ist eine recht komplizierte Angelegenheit.
Erwachsene beneiden oft die Kinder, die mitunter recht schnell und mühelos alle wichtigen Komponenten des Bewegungszusammenhangs übernehmen  – durch einfaches Nachahmen. Glücklicher dran sind auch diejenigen Erwachsenen, die von Anfang an alles richtig gelernt haben.
Aber auch diese Spieler finden hier Hinweise, wie ihr klassischer Aufschlag noch verbessert werden kann. Schließlich stellen selbst Spitzenspieler ihren Aufschlag noch um.

Aber warum ist der Aufschlag so kompliziert? Nach meiner Meinung ist es das Problem, dass beim modernen Aufschlag verschiedene miteinander konkurrierende erbmotorische Bewegungsaufgaben aktiviert werden  (siehe zur Entwicklung des Bewegungsrepertoirs ab pränataler Phase in unserem Beitrag Hat mein Kind Talent?):

  • Hochwerfen versus in die Knie gehen,
  • Treffen/Fangen versus Schlagen.

Zum Ballhochwurf neigen wir wie bei allen Bewegunseinleitungen, dazu, die Wurfbewegung mit dem Körper zu unterstützen. Das ergibt die oft anmutig balettmäßige Aufwärtsbewegung des Körpers.
Stattdessen sollen wir aber eher in die Knie gehen, um die gleich folgende Schlagbewegung kraftvoll aus dem Sprung einzuleiten.

Aber, das merkt unser Körper auch,  senkt sich der hochgeworfene Ball mit Erdbeschleunigung und wir wollen einen vernünftigen Treffpunkt nicht verpassen. Dies veranlasst uns dazu, uns möglichst früher zum Ball zu begeben, also zu treffen oder zu fangen, anstatt den Schläger von der Ballflugbahn möglichst weit wegzubewegen (Range), um maximale Beschleunigung für das Schlagen zu generieren. Bei schlechtem Licht wird dieser Effekt noch verstärkt.

zur Erbmotorik siehe auch den Artikel von Schönborn,
Auszug, links, in dem nun die Bewegungsanlage „Fangen“ vergessen wurde, die gerade beim Aufschlag mit der Aufgabe „Schlagen“ in Konflikt steht. Außerdem muss der geschleuderte Schläger festgehalten werden. Und für die Pronation des Unterams gibt es auch keine einfache erbmotorische Entsprechung.

Diese Probleme werden beim Anfängeraufschlag dadurch vermieden, dass der Spieler in frontaler Körperstellung und einem Vorhand- bzw. Bratpfannengriff mit kurzer Schnappbewegung zuschlägt. Spieler, die gute Werfer sind, schaffen es, den Schläger in einer Art Wurfbewegung gegen den Ball zu bringen – das ist schon die halbe Miete und es sind erstaunliche Ballbeschleunigungen möglich, allerdings in der Regel ohne Topspin oder anderen Schnitt.

Es gibt nun zwei Wege, sich durch Tricks einem guten Aufschlag anzunähern:

  1. Den Ball sehr hoch werfen, um die einzelnen Phasen (Hochwerfen, in die Knie gehen, Ausholen und Schlagen) zu separieren.
  2. Den Ball hoch werfen, ohne den Körper dabei zu strecken. Stattdessen wird der Arm mit einer Kipp- oder Schwenkbewegung der Schulterachse bei gebeugtem hinteren Bein hoch gebracht. Das wäre eine integrierte Aufschlagbewegung, die mit niedrigerem Ballwurf auskommt.

Im Spitzentennis findet man beide Tendenzen bei verschiedenen Spielern. Version 1 eher bei Djokovic, Version 2 eher bei Dodig, früher Ivaniesevic.

 

 Novak Djokovic, slow-motion, 0,00.0-0,21.5

 

 Ivan Dodic, 0,04.4-0,08.4

Für das Umlernen empfehle ich, es mal mit Version zwei zu versuchen, weil hierbei durch das sehr frühe und deutliche Nach -Vorne-Bringen des Beckens ein deutliches Absenken der rechten Schulter bzw. Abkippen der Schulterachse erzwungen wird. Damit wird der erbmotorischen Tendenz entgegen gearbeitet, sich wieder zu früh zum Ball bewegen zu wollen.

Für beide Versionen sind folgende Tricks von Vorteil

  • Zum Anfang nach vorne gebeugt im linken Knie wippen (Bartoli). Das Gleichgewicht hält man durch den rechten Fuß, der hinten auftippt, siehe nächster Punkt. Damit wird der vordere Bereich des „inneren Schritts“ markiert.
  • zur Justierung der richtigen Ausgangsposition, mit der rechten Fußspitze hinten auftippen.
    • Damit signalisiert man seiner Motorik, wohin man gleich sein Körpergewicht zu verlagern gedenkt, also, wo man eigentlich hin will, um sich für die maximale Schlägerbeschleunigung zu strecken .
  • Anschließend die linke Fußspitze anheben, die Ferse bleibt am Boden. Dies erzeugt reflektorisch das Nach-Vorne-Schwenken oder Rollen des Beckens.
    • Den von Trainern immer verwendeten Begriff der Bogenspannung des Oberkörpers halte ich nicht für so günstig. Sie ist bei den Spielern verschieden ausgeprägt und auch keine Ziel- oder Kontrollstellung, die man bewusst einnimmt. Die Metapher, „…mit dem Becken unter der Schulterachse noch vorne durchzutauchen“ ist für mich suggestiver und zielführender.

Beide Bewegungskomponenten sieht man bei ca. 80 % der Spitzenspieler. Ich habe diese, wie gesagt, immer für reine Ritualisierungen gehalten, um die Nerven zu beruhigen oder einen größeren Bewegungszusammenhang herzustellen, in den der eigentliche Aufschlag eingebettet ist.
Nachdem ich aber diese Bewegungen mit größerer Demut Ernst genommen habe und selbst ausprobierte, sind  mir die wichtigen Funktionen durch eigenes Fühlen klar geworden. 

  • Weiterer Trick: beim Ballwurf den Arm fast parallel zur Grundlinie führen. Das machen nicht alle Spitzenspieler, aber doch ca. 90%. Außerdem gibt es im Netz hierzu Clips von Trainern, die diesen Tipp demonstrieren. Dennoch ist der Hochwurf bei den Spitzenspielern unterschiedlich, vor allem, was die Startposition der Hand vor dem Hochwurf betrifft: ganz weit unten, in Ruhe halbhoch, eher über dem linken Oberschenkel oder fast vom rechten Oberschenkel aus beginnend.

 
Ballwurf, 0,58.8-1,04.5

Weiterer Trick: den Aufschlag mit zwei Schlägern übereinander ausführen. Das verlangsamt den Vorgang, macht die Bewegung expressiver bzw. ausgeprägter, gibt der Schlägermasse mehr Einfluss und führt zu einem höheren Ballwurf, wegen des anderen Muskeltonus insgesamt. Nach einige Übung trifft man sogar den Ball, wenn auch nicht immer mit dem Saitenbett. Darauf kommt es aber nicht an: die Aufschlagbewegung danach mit einfachem Schläger werden in der Bewegung sofort sicherer.

Großer Vorteil dieser Vorübung (einmal vor den Übungen ausgeführt reicht aus) ist es, dass das Gefühl dafür gestärkt wird, dass die Schulter erst hochdrückt, wenn das Ellbogengelenk in voll gebeugter Stellung quasi eingerastet ist. Die Aufwärts-Kippbewegung der rechten Schulter (Peitsche) muss dann nicht gegen einen im Ellenbogen nur halb gebeugten Arm arbeiten, wie man es auch bei Spitzenspielern noch öfter mal sieht.
Bei den Deutschen Damen übrigens kann man gut sehen, wie die Impulskette oder Peitsche genau nach diesem Prinzip eingesetzt wird.

 

Achtung: das Training mit erhöhten Gewichten (z.B. doppeltem Schläger) kann zwar in begrenztem Umfang verwendet werden, muss aber durch Übungen mit leichtem Schläger „überschrieben“ werden. Schnelligkeit  ist nämlich keinesfalls nur eine Frage der Schnellkraft, sondern das Training muss auch der Förderung von neuromuskulären Mustern dienen.
Diese Muster sehen bei jeder Geschwindigkeit anders aus und sollten daher auch in Situationen mit geringerem Widerstand und daher höherer Ausführungsgeschwindikeit trainiert werden (ganz leichter Schläger bzw.  beim Lauftraining, Bergablaufen). Siehe hierzu unseren Beitrag Schnelligkeit im Tennis.

Exkurs Umlernen?
Siehe unseren gesonderten Beitrag Umlernen
Sollte der Freizeitspieler noch umlernen? Das hängt davon ab, wie zufrieden der Einzelne mit seinem derzeitigen Aufschlag ist, wo er hin will und welchen Aufwand er für das Umlernen einzusetzen bereit ist. Umlernen ist generell sehr schwer. Dies stellte auch Dr. Stefan Panzer, vom Institut für Allgemeine Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig in einer Studie fest, siehe PR-Mitteilung hier….
Demzufolge ist Umlernen schwerer als Neulernen. Allerdings gibt es Tricks, die aber noch auf Tennis umzumünzen sind. So ist es sinnvoll, die neue Bewegung möglichst in einem anderen Kontext zu lernen. Bei Eisschnellläufern, die er untersucht hat, ist schon die Bahnrichtung rechts herum statt links herum eine Erleichterung. In dem Aufsatz Stefan Panzer, Falk Naundorf & Jürgen Krug Motorisches Umlernen: „Plane ein notwendiges Umlernen langfristig …!“ wird ausführlicher erläutert, wie man sich derzeit die Konkurrenz (Interferenz) der alten mit den neuen Bewegungsmustern vorstellt. Die alten Bewegungsmuster werden nicht vollständig überschrieben und können sich auch später zu Wort melden. Die Autoren weisen bereist im Vorwort darauf hin, dass Umlernen ein erhebliches Zeitbudget in Anspruch nehmen.
Mein bewegungswissenschaftlich ausgewiesener Forenfreund wies mich bereits vo Jahren darauf hin, dass niemals gewährleistet ist, dass nicht alte Bewegungsmuster sich durch irgendwelche Umstände wieder nach Vorne bringen. Man sollte Alles vermeiden, was die alten Bewegungsmuster, oder Teilmodule davon erneut triggern, also anstoßen, kann.
Ritualisierungen ändern
Es wäre demzufolge auch zu empfehlen, alte Ritualisierungen zu vermeiden und neue einzuführen. So arbeite ich im Moment daran, um das mit einem Beispiel zu illustrieren, daran, eine vor dem Ballwurf angewöhnte verkrampfte Mimik durch ein lockeres Lächeln zu ersetzten. 

Differentielles Lernen
Liest man den oben verlinkten Aufsatz, stellt man Übereinstimmungen mit dem Prinzip des Differentiellen Lernens fest (Schönborn). Also auch von daher dürften Trainingsmaßnahmen des bewussten Variierens,  wie wechselnde Schläger oder Training an der Tenniswand, an der man sonst vielleicht nicht Aufschläge trainiert hat, den Erfolg näher bringen.

 Die Methode des Austauschs der Ritualisierungen bietet sich besonders bei der Umstellung des Aufschlags an. Hat man hier doch den Vorteil, selbst ganz allein alle Parameter kontrollieren zu können. Man ist nicht unterwegs und muss auch nicht ankommende Bälle mit unterschiedlichem Schnitt und Tempo retourniern.

Trotzdem stellt der Aufschlag eine schwierige motorische Aufgabe dar, die, je nach Tagesform, verschieden gut gemeistert wird. Es gibt Tage, so meine Umlernerfahrung, an denen ich an kleinsten Details arbeiten kann, und dann wieder Situationen, bei denen schon die Grobstruktur des Profiaufschlags nicht so richtig klappt. Auch ablenkende Faktoren, z.B. dass statt des Übens aus dem Balleimer nun ein Gegner gegenüber steht, können das Ergebnis zunächst massiv verschlechtern.
Problematisch für das Aufschlagtraining ist das Doppelspiel. Man kommt nicht so häufig zum Einsatz und ist gegenüber seinem Partner in der Pflicht. Darunter kann die Lockerheit leiden. 

Nadal hat seinen Aufschlag umgestellt, und ist wohl dabei geblieben, während Djokovic den Versuch einer Umstellung wieder bereut und zurückgenommen hat. Unser Aufschlag ist für unsere berufliche Existenz nicht so wichtig. Aber eine allzulange Durststrecke mögen wir auch nicht so gerne.

Letzter Trick – entspannen
Vor einigen Tagen ist mir dieser Lehrclip von Essential Tennis untergekommen, in dem Roger Federer sich ganz locker warmmacht. Wie eigentlich unathletisch Federer  hier den Aufschlag hinlegt, ist fast schon provozierend. Es hat mir aber geholfen, nach der monatelangen Fokussierung auf die Zielstellung maximalen Energieeintrages, ein paar Gänge zurückzuschalten. Nicht alles zu vergessen, worauf man gelernt hat zu achten, aber eben diese Dinge nur mehr oder weniger anzudeuten.

 Siehe weitere Tipps zum Aufschlag auch in diesem Beitrag, Wie komme ich zum Spitzenaufschlag?.

© Dr. Holger Hillmer

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