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Die Opposite-Arm-Action

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Von der deutschen Tenniscommunity regelrecht verschlafen, aber wichtig für die gepeitschte Killervorhand, ist die sogenannte Opposite-Arm-Action.
Diese bezeichnet die Ausgleichsarbeit des dem Schlagarm entgegen gesetzten Armes. Sie entlastet die Kraftkette Fuß, Knie, Hüfte, Rücken und bringt neben mehr Power auch zusätzliche Stabilität. Dieses Bewegungselement kommt daher Tennisspielern aller Altersgruppen und Spielstärken zugute, weil sie auch den Rücken entlasten kann. Rückenbeschwerden plagen nicht nur Senioren, sondern zählen zu den häufigsten Malessen auch der Profispieler, siehe hier.
Ein aktueller persönlicher Erfahrungsbericht mit neuen Gedanken zur Schlagschnelligkeit findet sich am Schluss des Beitrags.

 

Siehe dazu die Filmclips im Format WMV und mp4 (iPhone)

Ich habe lange im Netz gesucht, um Referenzen für „meine“ Entdeckung zu finden und war erleichtert, dann endlich einen Aufsatz von Nick Bollettieri zur Killervorhand zu finden, in der die Opposite-Arm-Action direkt angesprochen wird, siehe auch hier… und bei Coillard, „Role Of The Opposite Arm“ und David Plunkert, hier…

Im deutschen Standardwerk „Tennis Techniktraining“ von Richard Schönborn, 1. Auflage Aachen 1998, finden sich ausführliche Darstellungen zum Impulserhaltungssatz und wunderschöne Bilder mit deutlicher Opposite-Arm-Action. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie bei der Vorhand keinerlei Erwähnung findet. In einem persönlichen Gespräch vor ein paar Jahren mit dem Leiter einer international bekannten Tennisschule, musste ich feststellen, dass weder Begriff, noch Phänomen irgendeine Reaktion des Wiedererkennens erzeugte.

Es ist schwierig, die Opposite-Arm-Action auf Videos zu beobachten, weil der linke Arm oft gleichzeitig benutzt wird, um den Körper aus Laufbewegungen in Balance zu halten. D.h. die Unterstützung des Schlages hat dann oft nicht Priorität.

Opposite-Arm-Action
Cilic, slow-motion
Roddick Vorhand slow-motion. Sehr schön zu sehen der zeitliche Vorlauf der Opposite-Arm-Action, der die Kraftwelle rechtzeitig an die linke Schulter bringt!

Ausprägung bei Clubspielern
Selbst bei vielen sehr guten Clubspielern zeigt die Vorhand nur eine wenig oder gar nicht ausgeprägte Opposite-Arm-Action: der Arm wird entweder in der Vorbereitungsphase nicht mit dem Schlagarm mitgenommen, oder danach, in der Hitting-Phase, nicht gestreckt und sogleich angezogen oder er „klebt“ die ganze Zeit angewinkelt am Körper. Man sieht auch schon mal einen kraftlos herunter baumelnden linken Arm. Hier schlummert erhebliches Verbesserungspotential in der Abteilung Schlagtechnik und wartet auf Entfaltung. Auch bei vielen Trainer sieht man eine schlechte Opposite-Arm-Action. Der Linke Arm bleibt dann starr im gleichbleibenden Winkel zur Schulterachse. Für das Vormachen gegenüber dem Schüler ist das nicht optimal.

Welchen Nutzen hat die opposite-arm-action für den Spieler?
Die durchschnittliche Zugkraft der Schulter, um den Arm + Schläger zu beschleunigen, befindet sich in einer Größenordnung von 40 – 80 Kilopond. Die Opposite-Arm-Action kann davon ungefähr ein Viertel übernehmen. Der zwischenzeitlich gestreckte Arm erhöht außerdem das Trägheitsmoment und damit die Stabilität des Körpers um seine Hochachse. Die Opposite-Arm-Action bringt also deutlich mehr Stabilität und Schlagkraft. Sie entlastet die Kraftkette, vor allem den Rücken. Wer absolut fit ist, hat Vorteile bei der Richtunggebung und Ballschnelligkeit. Wer Rückenprobleme hat, kann diese so minimieren. Die Kraftwirkung der Opposite-Arm-Action ist so erheblich, dass es beim Zuspiel aus dem Halbfeld schwer fällt, sie einzusetzen, ohne den Ball zu schnell zu machen.

Zur Zusatzphase:
Bei Djokovic folgt übrigens, anders als bei seinen meisten Kolleginnen und Kollegen, nach dem beschriebenen Ablauf gelegentlich noch das anschließende Wegdrücken des gestreckten linken Armes seitlich hinter den Rücken (siehe Bildstrecke, oben, 5. Bild). Dies dient dazu, die Körperrotation wieder aufzufangen. Vorraussetzung ist, dass die linke Hand frei bleibt. Also nicht den Schläger mit der linken Hand auffangen, wie es eine Zeit Mode war und  immer noch zu sehen ist.

Warum blieb die Opposite-Arm-Action so lange unerkannt?
Die gesamte Opposite-Arm-Action geschieht so schnell, dass man sie sich am besten in slow-motion anschaut. Andernfalls wird leicht eine Phase übersehen und der Betrachter „interpoliert“ die Bewegung, beispielsweise zwischen zweiter- und Zusatzphase. Ein wichtiger Abschnitt (hier also Phase 3) fällt dadurch der Wahrnehmungslücke zum Opfer.

Zudem ist es für viele Spieler und Trainer anfangs höchst ungewohnt, bei anderen Spielern auf den linken Arm zu schauen, anstatt dorthin, „wo die Musik spielt“ nämlich den Schlagarm

Siehe zu diesem Phänomen den sehr interessanten Aufsatz von Rüdiger Bornemann, Björn Friedrich und Gernot Jandrusch, „Zur Optimierung der Korrekturstrategien von Tennistrainer(innen)n“  im Zusammenhang mit dem Aufschlagtraining.

Spannende Trainingsaufgabe hierzu, für die schnelle visuelle Wahrnehmung: man versuche, bei der Vorhand Djokovics im laufenden Filmclip (USTA, s.o. (Achtung, Forehand einstellen!) die Finger der herangezogenen linken Hand zu entdecken (siehe roter Pfeil, Bild 4 in der Bilderstrecke). Das braucht schon etwas Übung!

Wie schnell lernt man die Opposite-Arm-Action ?
Siehe auch unseren Beitrag Umlernen
Die praktische Umsetzung für das eigene Spiel ist leider schwerer, als man denken sollte. Motorisch weniger Begabte haben anfangs selbst bei der Trockenübung Schwierigkeiten. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister.

Übertragbaren Statistiken über motorische Lernfortschritte bei komplexen Bewegungszusammenhängen sind mir nicht bekannt. Eine Wintersaison sollte ausreichen. Wärmstens empfehle ich den Trick Bollettieris: ein Gewicht an/in linker Hand. Und immer wenn man Lust hat, die Bewegung mental oder durch Filmclips unterstützt, innerlich nachvollziehen. Man weiß heute, dass das motorische Gedächtnis auf diese Weise programmierbar ist.

Und natürlich, wie sagt man so schön: „auf `m Platz“ . Denn hier bekommt die Motorik das gesamte Ensemble an Rückmeldungen aus dem Bewegungsapparat zum Abspeichern. Der Bollettieri Trick mit dem Zusatzgewicht in der linken Hand ist sehr hilfreich. Gelegentlich Videoanalyse zur Erfolgskontrolle machen und den Trainer um kritische Beobachtung bitten.
Meine ersten Erfahrungen hierzu habe ich übrigens mit einem Jogginggewicht mit Klettverschluss am linken Handgelenk gewonnen (mit viermal so großem Gewicht, wie heute, um meinen Rücken maximal zu entlasten – hat auch funktioniert) und nutze dies noch heute in einer sehr leichten Version als Erinnerungsfunktion und zur Unterstützung im Spiel.

Welche Spitzenspieler setzen Opposite-Arm-Action ein?
Mehr oder weniger kann man sie heute bei allen Spitzenspielern beobachten. Allerdings sind bezüglich der Ausprägung doch erhebliche Unterschiede festzustellen. Wenn man sich mit diesem Bewegungsaspekt näher befasst, lernt man, den Kraftgewinn zu „sehen“.

So sollte das Heranziehen des Opposite-Arm-Action etwas der Zuschlagphase vorauslaufen, damit die Kraftwelle durch den elastischen Körper rechtzeitig in der rechten Schulter des Schlagarmes ankommt, nämlich dann, wenn sie nach dem biomechanischen Prinzip der hohen Anfangskraft gebraucht wird,  siehe Filmclip mit Roddick, oben. Siehe auch die Vier Elemente der Vorhandpeitsche, siehe auch den Abschnitt unten, „Persönliche Beobachtungen…“

Weitere Infos zu Zusatzgewichten
Experimente
Theodor Duenbostl et al. haben in einer Unterrichtseinheit Physik und Sport sowohl Kraftmessungen als auch photometrische Auswertungen beim vertikalen Sprung aus dem Stand mit Armbewegungen und ohne angestellt. Die Sprungkraft wurde mit 150 Kp gemessen, pro Bein also 75 Kp.  Die „ungewaffneten“ Arme zeigen ähnliche Kraftwirkungen, wie die opposite arm action.

Verbot von Zusatzgewichten
Durch meine Korrespondenz mit meinem Forenfreund erfuhr ich, dass bei den olympischen Wurfdisziplinen Zusatzgewichte nicht zulässig sind. Im Tennis gibt es diese Einschränkung meines Wissens (noch) nicht.

Zusatzgesichte in der Antike
Zum Penthatlon ist ein eigener Wiki-Artikel verfügbar. Die in diesem Artikel erwähnten Simulationen habe ich nicht gefunden. Ich vermute, dass die Sprünge mit Zusatzgewichten eine zeitliche Dehnung der Sprungabläufe ermöglichen und dadurch größere Sprungarbeit bei gegebener Leistung einzuspeisen erlauben. Zur Muskelleistung siehe unsere Beiträge „Muskelmodelle…“ und „Kräfte und Beschleunigungen…“

Gelegentliche Versuche, das Potential biomechanisch und bewegungswissenschaftlich ausgerichteter Hochschulwissenschaftler zu diesem Thema direkt „anzuzapfen“, waren leider nicht erfolgreich. Selbst Spezialisten, die sich im TV zum antiken Mehrsprung mit Zusatzgewichten präsentierten, (S. 10), konnte ich nicht zu einer Stellungnahme zu den Zusatzgewichten in Wurfsportarten und im Tennis bewegen.
Wie schwer es in der Wissenschaft sein kann, ein Dissertationsthema „durchzuboxen“, beschreibt recht schön Ralf Pfeiffer, hier.

Persönliche Beobachtungen und Erfahrungen mit der Opposite-Arm-Action
Hier sollen keine verallgemeinerbaren Wahrheiten dargestellt werden, sondern Einzelerfahrungen, mit dem Zweck, Schlagtechnik in ihren biomechanischen und neuromuskulären Zusammenhängen besser zu verstehen. Kommentare sind gerne gesehen.

Mit Zusatzgewicht
Mein Einstieg in die Opposite-Arm-Action erfolgte vor etwa 10 Jahren mit schweren Jogging-Gewichten (Klettverschluss am linken Handgelenk, zuerst 2×250, dann 1×250 und die letzten Jahre mit ca. 180 Gramm). Die hohen Gewichte befreiten mich recht schnell von zuvor unüberwindlichen Beschwerden im unteren Wirbelsäulenbereich, die durh Vorhandschläe ausgelöst wurden.
Die späteren vorgenommenen Gewichtsreduzierungen waren jedesmal mit erheblichen Umstellungsschwierigkeiten beim Ballwurf im Service verbunden (Gleichgewichtsproblem, Höhe und Richtung des Wurfs).
In der „Endphase“ nahm ich das Gewicht mehr oder weniger als „Erinnerungsposten“ für die Opposite-Arm-Action wahr.
Die Gewichtsreduktionen führten jedesmal zu einem gewissen Befreiungsgefühl, als wenn mich jemand vorher am Arm festgehalten hätte.
Bei der zuletztgenannten Konfiguration war das Gewicht aber geringer als das Schlägergewicht in der anderen Hand. Es schienen also Symmetriegesichtspunkte eher für die Beibehaltung des Gewichts zu sprechen.

Ohne Zusatzgewicht
Vor einigen Tagen vergaß ich an der Trainingswand, das Gewicht anzulegen. Da bis zu den Medenspielen noch einige Zeit hin ist, ließ ich es auf eine erneute Umstellung ohne Gewicht ankommen, auch unter dem Eindruck meiner jüngsten Lektüre von Dissertationen zum Thema Schnelligkeit im Tennis und anderen Sportdisziplinen (z.B. Tilo Gold, „Schnelle neuromuskuläre Innervatonsmuster bei azyklischen Bewegungen“, Diss. UNI Tübingen 2004)

Dabei machte ich folgende Beobachtungen

  • Der Rücken wurde ohne Gewicht wieder stärker belastet;
    die  (durch die Gewichte verminderte) Gegenarmbewegung war nun nicht mehr ausreichend bzw. kaum wirksam.
  • Die Umstellungsprobleme hinsichtlich des Service waren diesmal minimal
    (was ich auf die neuen Aufschlagmuster in Vorbereitung und Ausführung nach Bartoli  und Dodig zurückführe s. Wie komme ich zum Spitzenaufschlag und Ist der moderne Aufschlag für den Freizeitspieler zu schwer?)
  • Meine Bewegungen erscheinen subjektiv nun insgesamt schneller
    (Das wäre mir heute erklärlich, weil ich nach Beschäftigung mit dem Phänomen der Schlagschnelligkeit den einseitigen Fokus auf die Leistungs-, Kraft- und Trägheitsverhältinsse aufgebe s. Schnelligkeit im Tennis. Der linke schwere Arm hat anscheinend auch beim Schlag neuromuskulär in irgendeiner Weise das gesamte System langsamer gemacht, ähnlich einer Unruh, die bei Beschwerung langsamer läuft. Tilo Gold erwähnt einen zentralnervösen Schrittmacher, zu deren Triggerung verschiedene Hypothesen bestehen (siehe Tilo Gold, s. 116)
  • Das Gewicht behinderte eine ordentliche technische Ausführung der Opposite-Arm-Action, weil Kraftangebot und Timing aus der Opposite-Arm-Action nur schwer auf den Schlag abzustimmen waren.
    (Das wäre dann eine Erklärung, dass frühere Versuche, mit dem Gewicht diese Bewegung ausgeprägt durchzuführen, meist zu Fehlern führte.)
  • Daraufhin legte ich nun besonderen Fokus auf das schnelle Heranziehen des linken Arms. Das führte ich zum Extrem, in dem Sinne, dass ich den Schlagarm selbst überhaupt nicht mehr beachtete, sondern zuerst und allein nur Anziehen des linken Armes bewusst und energisch einleitete.
    Der Schlag wurde dabei (automatisch) vom Gegenarm getriggert (angestoßen, ausgelöst, gezündet – wie auch immer). Dies war eine verblüffende Erfahrung:  ich schlug kraftvoll, ohne einen ausdrücklichen Befehl in meinen rechten Arm zu geben!
    Auch hierzu gibt es bei Tilo Gold im Zusammenhang mit den Engrammen, hierarchischen und hetarchischen bzw. programmorientierten Ansätzen plausible Erklärungsangebote, siehe Thilo Gold, S. 109 ff). 

Dies neue Erfahrung passte gut zu meiner schon früher geäußerten Erwartung und teilweise auch Beobachtung, dass eine wirksame Opposite-Arm-Action zeitlich dem Schlag selbst etws vorausgehen muss, um die gewünschte Gegenkraft auf der Schulterachse (wegen der gegebenen Elastizitäten – Kraftwelle) zum richtigen Zeipunkt ankommen zu lassen.

Zwischenzeitlich hatte ich das Gewicht wieder angelegt, weil ich bei einem Schlagtraining mit heftigem Gegenwind so mehr Druck draufbekam. Allerdings waren damit auch die Verbesserungen z.B. beim Erlaufen kürzerer Bälle hinfällig.
Es wäre mal anhand von slow-motion Aufnahmen zu prüfen, ob eventuell der dem Schlagarm entgegengesetzte freie Arm schnellere Ausgleichsbewegungen beim Erlaufen von Stoppbällen ausführt, als der Schlagarm mit Schläger. Das würde dann ebenfalls zur Erklärung dieser Beobachtung (langsamer werden) beitragen.

Im weiteren Trainingsverlauf konnte ich den Ablauf geschmeidiger und angepasster als bei den ersten Versuchen bestimmen und bin gespannt, ob es mir gelingt, bis zu den Medenspielen in ca. 8 Wochen das neue Schlag- und Innervationskonzept wie beschrieben umzusetzen.

 

© Dr. Holger Hillmer

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