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Die moderne Vorhand

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Die Vorhand ist der zuerst gelernte Schlag im Tennis. Viele meinen, man könne sie ohne Trainer lernen, weil man irgendwann den Ball schon treffen wird. Im Prinzip richtig, doch in der Regel entstehen dabei keine optimalen Schläge.

Wer sich die moderne Vorhand aneignen will, sollte sich anschauen, wie dieser Schlag aussieht, wie er funktioniert und wie man ihn sich zu eigen macht.

 

 

 Typische Anfängerfehler

Deshalb empfehlen wir, selbst wenn man mit dem Treffen des Balles noch Schwierigkeiten hat, sich vorher die Clips – oder sehr gute Tenisspieler live – genau anzusehen ( siehe „Mit Videos von den Großen lernen“, hier… )

 

Nachdem man weiß, dass man eine Vorhand spielen will, ergibt sich folgender Ablauf (siehe auch die aufgelösten Frames eines Filmclips, Tabelle 5,  hier…

  1. Die Vorhand sollte von Anfang an aus der senkrechten Schlägerstellung begonnen werden (siehe Bild Djokovic im Vorspann); siehe auch unseren Beitrag Ausholen zur Vorhandpeitsche
  2. Der Schlägerkopf weist in den Himmel, der Griff weist senkrecht zum Boden, die Schlagfläche verharrt dabei rechts und parallel 20 bis 40 Zentimeter neben dem rechten Ohr; der linke Arm hat den Schläger bis hierhin mitgeführt; der richtige Griff ergibt sich aus dieser Anfangsstellung  zwangsläufig.
  3. Wer es gleich schafft, kann danach den linken Arm zu einer Zeigebewegung zum Ball hin strecken, …
    während…
  4. der Schläger durch Streckung des rechten Ellbogengelenks vom Ohr hinter die rechte Gesäßhälfte abgesenkt wird; dabei ist die Schlägerfläche eine gewisse Zeit parallel zum Boden ausgerichtet.
  5. Dann zieht die Schulter durch Rotation der Hüfte und des Oberkörpers den zunächst voll gestreckten Arm nach vorne, wobei das Schlägerende (Knauf) anfangs wie eine Taschenlampe zum Ball weist (Nick Bollettieri). Dies ist so, als wenn man einen an der Schulter befestigten Besenstil nach vorne zöge. Nick Bolittieri lässt seine Schüler dieses Herausziehen üben, indem ein Assistent hinter dem Spieler mit seinen Händen um die  Schlägerflächen einen Schlitzt formt, aus dem der Spieler den Schläger ziehen muss, siehe Filmclips hier…besonders das siebte Bild links, neben der Überschrift „Follothrough„; (leider sind nicht alle Clips mustergültig und das Ellenbogengelenk bleibt beim Zug noch etwas gebeugt,  siehe aber  auch Tabelle 5, Frame 45, hier…). Eine leichte Beugung ist aber nicht so dramatisch, weil in einer Ellbogengelenkstellung um die 180 Grad die Beuger durch die Geometrie noch nicht so stark (passiv) belastet werden. Dies ist nämlich meine Folgerung aus dem optimalen Winkel von 90 Grad, bei der die beste aktive konzentrische Kraftleistung erreicht werden kann. Siehe die Dissertation von Ulrike Dippold, S. 9. Außerdem gibt es eine biomechanische Grundregel, nach der Endstellungen der Gelenke meist vermieden werden.
  6. Diese Bewegung wird mit dem linken Arm (Opposite-Arm-Action) durch sein Heranziehen an den Oberkörper) unterstützt.
  7. Erst nach dieser Phase, in der die Energie des Rumpfes auf Arm und Schläger übertragen ist, wird  das Ellbogengelenk kraftvoll gebeugt und unterstützt das Heranziehen des Schlägers.
  8. und im letzten Moment, schließlich, geschieht die Endphase des Zuschlagen: der Schläger wird durch die Pronation des Unterarmes (also die  Einwärtsdrehung gegen den Uhrzeigersinn) 0,25 Sekunden vorher in die eigentliche Treffposition gegen den Ball geschleudert. 

Ganz wichtig ist es bei Allem also, den Schlägerkopf nicht sofort nach unten zum Ball zu führen, wie es unsere Natur uns empfiehlt (Reaktionsmodule „Fangen“ oder „Treffen“ zu früh aktiviert), sondern erst mal weg vom Ball. Am besten, man führt den Schläger mit dem linken Arm bis zur Stellung 1+2mit  und lässt sich aus kürzerer Distanz einen Ball zuspielen , aber  – zu Beginn der Übungen  – erst dann, wenn Stellung A eingenommen wurde.

Fast alle Clubspieler nutzen übrigens die Peitsche nicht optimal, weil sie das Ellbogengelenk nicht strecken, sondern immer leicht gebeugt lassen. Dadurch bremst Oberarmmuskulatur den Löwenanteil der von der Schulter übergebenden Energie ab.

Pronation
Ebenso sehr wichtig, ist ein Kurzgriff, das heißt Unterarm und Schlägerlängstachse dürfen nicht eine Linie bilden, sondern sollen möglichst in einem Rechten Winkel zueinander stehen. Anders als in den Abbildungen zum Western- Easterngriff usw. schlängelt sich die Hand und der Zeigefinger also nicht am Griff entlang, etwas, wie man einen Bleistift hält, sondern die Hand umschließt kraftvoll auf „kürzestem Wege den Griff“. Und zwar schon von Anfang an, weil dieser Griff im Loading auch die Vorspannung fü die spätere Pronation vorbereitet (zur Pronation siehe unseren gleichnamigen Beitrag). Nur bei diesem Griff  kann dann in der Endphase vor dem Ballschlag aus der Drehung (Torsion, Pronation) eine Verstärkung der Schlagwirkung entstehen. Je mehr dieser Winkel von 90 Grad abweicht, umso stärker resultiert aus der Pronation lediglich eine Verstellung der Schlagflächenneigung (Richtungsänderung).
In diesem Punkt gibt es noch erhebliche Unterschiede, auch bei Spitzenspielern. Der erste Weltklassespieler, der diese (Kurz-) Griffhaltung gezeigt und die Pronation extrem genutzt hat, war meines Wissens Jim Courier.

 
Die moderne  Vorhand!

Das ist alles keine modische Spielerei. Die moderne Vorhand, wie sie sich in den letzten 20 Jahren entwickelt hat, unterscheidet sich in mehreren Punkten von dem, was uns unsere Erbmotorik per sogenannter Selbstorganisation unseres Körpers nahelegt; und sie funktioniert auch anders, als der klassische Drive, den unsere Väter noch lernten.

 

Die moderne Vorhand funktioniert nach dem Prinzip der Vorhandpeitsche, die biomechanisch gegenüber dem einfachen Führen oder Schwingen große Vorteile hat. Siehe auch den Beitrag „Ausholen zur Vorhandpeitsche„, sowie, für biomechanisch Interessierte, den Beitrag „Die vier Elemente der Vorhandpeitsche“

Dass die Grundelemente der Modernen Vorhand auch unter Druck eingesetzt werden, zeigt sehr schon dieses Slow-Motion Video von Jürgen Melzer

Mythos: auf den Ball schauen
Natürlich muss man den Ball beobachten, allerdings möglichst auch den Gegner im Blick behalten, um zu sehen, wohin er geht. Bezüglich des Ball-Anschauens werden allerdings übertreibende Mythen verbreitet. In der Tat wird gern immer wieder ein Bild von Boris Becker gezeigt, wo er mit unnachahmlich starrem Blick auf den Ball stiert.

Der US-Trainer Vic Braden, hat sich zu solchen Übertreibungen sehr kritisch geäußert. “Keep your eye on the ball until it hits the strings” bezeichnet er als Mythos. Der Ball ist nur vier Millisekunden auf dem Schläger und die letzten 5,5 feet (3 Meter), kann man wegen der rapid eye movement (Augenbewegung) nicht mehr mitmachen. Dazu gibt es sogar ein Buch: „Dr. Bernie Slatt, after doing some post doctoral studies on eye displacement, wrote a book titled, “Hitting Blind”, so Vic Braden in seiner Homepage 2001 die ich aus dem Archiv geholt habe.
In den letzten 200 Millisekunden vor dem Ballschlag ist ohnehin der Weg des Schlägers festgelegt und kann von der Muskulatur nicht mehr geändert werden. Spielern, die behaupten, sie könnten das Wilson-Logo im Match erkennen, entgegnet Vic Braden: „“You just live close to a liar”. Außerdem, so Vic Braden, würde die notwendig werdende Kopfbewegung die Schlagausführung stören.
Möglicherweise kommt die Vorstellung, genug Zeit zu haben, um den Ball bis zum Schläger zu verfolgen aus Tennisepochen, in denen der Ball langsamer unterwegs war und weit hinter der Grundlinie angenommen wurde.
Bei dem heutigen frühen Nehmen des Balles, oft als Halfvolley, stehen diesem Bemühen Tempo und Winkelverhältnisse entgegen. 

© Dr. Holger Hillmer

5 Kommentare

  1. Hallo, Hollo43,
    Nach einiger Erfahrungszeit bin ich mit meiner nach Deiner Empfehlung umgestellten Topspinvorhand recht zufrieden. Selbst die Streckung des Arms klappt weitgehend.
    Nur ertappe ich mich, dass ich besonders bei hohen Baellen sowohl bei der Vorhand als auch bei der RH untenherum aushole. Soll man das hinnehmen?
    Ansonsten bin ich gerade dabei, meiner Frau den Topspin beizubringen. Beim Enkel hhat es schon geklappt.
    VG biggertennis

    • Wolfgang, die vollständige Umstellung kann lange dauern.
      Wenn man die hohen Bälle direkt noch nah am Boden annimmt, geht es grundsätzlich mit der steil geführten Schleife – Rückhand wie Vorhand.
      Kann man speziell trainieren.

      Gruß
      Holger

  2. In letzter Zeit mehren sich die Hinweise, dass auch mehr Griffhaltungen Richtung Eastern gemischt werden.
    Bei flacheren Bällen hole ich halt etwas weiter aus: gefühlt „umklammert“ der Schlägerkopf in U-Form meine rechte Seite. Der Schlägerkopf kommt also etwas weiter hinter meinen Rücken.
    Die Schlagbewegung dauert etwas länger, sodass Vorhand-Longline-Bälle noch öfter mal aus dem Platz seitlich rausfliegen.
    Vorteil: kurz-cross gelingt besser, durch späteren Treffpunk, näher am Körper.
    Nachteil: sauberes Treffen etwas schwieriger wegen höherer Winkelgeschwindigkeit der optischen Verbindung Ball zu Auge.

    Bei Bällen aus dem Halbfeld geschlagen, ist ein späterer Treffpunkt m.E. günstiger.

    Kommt noch dazu, dass zwischen Slice und Topspin nicht mehr ein so wesentlich anderer Treffpunkt erforderlich ist. Das gilt besonders auch auf der Rückhand.

  3. Hallo, hollo43

    Besten Dank auch für diese Seite zur Peitschenvorhand.
    Nach Deiner Vorgabe habe ich als alter Tennishase zum 37.mal meine Vorhand umgestellt. Und ich bin (erstmal) zufrieden. Vor allem, die Empfehlung, mit dem gestreckten Arm während der Ausholphase hat mich beindruckt. Kann man bei Federer ja auch prima studieren. In der Zwischenzeit war das Ausstecken des Arms aber schon verpönt.

    Um den kurzen Crossball hinzubekommen, habe ich auch noch den Griff auf Semiwestern umgestellt. Zuerst hätte ich weinen können. Der Ball ging regelmäßig an die Netzunterkante. Nach einiger verzweifelter Übungszeit ging er allmählich auch im hohen Bogen über das Netz. Kann jetzt sogar den Westerngriff situationsbedingt wählen.

    Ich habe aber gesehen, dass Federer bei seiner Vorhand den Eastern-Vorhandgriff nimmt, allerdings als Scheibenwischer geschlagen.
    Werde in der kommenden Saison mal ausprobieren, was besser für den kurzen Cross ist: Topspin-Schlag mit Semiwesterngriff und Ausschwung mehr über den Kopf oder Easternvorhandgriff mit Scheibenwischer endend am linken Ellenbogen.
    Gibt es da Orientierungen?
    Beste Grüße
    biggertennis48

    • Die Reverse-Vorhand von Nadal – habe ich bei Federer auch schon gesehen – scheint mir aus dem Halbfeld zu aufwändig. Ist wohl eher für höher ankommende Bälle an der Grundlinie geeignet.
      Habe ich aber noch nicht systematisch erforscht.
      Danke, für Deine interessanten Kommentare!

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