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Das Kennfeld des Tennisschlägers

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Es gibt wohl grundsätzlich zwei verschiedene Spielertypen, was Ihr „Arbeitsgerät“ betrifft:

Die Einen, die Ihren Schläger schon 20 Jahre spielen, mit einer Bespannung, mindestens schon fünf Jahre auf dem Buckel.

Die Anderen, die stets nach dem neuesten Modell Ausschau halten, mal kopflastige, mal grifflastige, dann wieder Großkopf- oder Midsizeschläger, mit modernsten Materialien, intelligenten Fasern oder gar mit eingebautem Chip.

Vermutlich hat dies alles mit dem Kennfeld des Schlägers zu tun. Wie kann man diese Effekte zur Verbesserung seiner Spielstärke nutzen?

Nun empfiehlt die moderne Trainingstheorie ja ohnehin jede Menge Abwechslung und Variation, auch, was das Spielgerät betrifft (Differentielles Lernen). Deshalb müsste ständiger Wechsel eigentlich von Vorteil sein. Weshalb aber sind bisweilen gerade die konservativen „Schlägerbewahrer“ trotzdem so erfolgreich.

Vermutlich hängt es mit dem Kennfeld des Schlägers zusammen. Jeder Schläger verbindet eine Unmenge von Spieleigenschaften, die sich je nach Situation in die eine oder andere Weise auf die Ballbehandlung auswirken (zur Physik siehe auch hier…)

Dieses komplizierte Kennfeld muss vom Spieler abgespeichert und in sein Wettkampfspiel einbezogen (die Illustration zeigt ein Kennfeld für eine elektronische Motorsteuerung. Sie soll nur eine Vorstellung über komplizierte Datenstrukturen geben. Beim Tennisschläger dürften die Zusammenhänge noch komplexer sein). Der Lernvorgang, nur zum Teil erforscht, läuft in verschiedenen Instanzen nicht nur des Gehirns ab, sondern in fast allen betroffenen Regionen des Nervensystems. Die Verlängerung der Hand durch den Schläger wird nach einiger Zeit sogar als tatsächliche Organextension wahrgenommen.

Probiert ein Spieler einen neuen Schläger aus, klappt das meist überzeugend gut. Kein Wunder, der Spieler testet ihn in „Laborsituationen“. Meistens beschränkt er sich auf die Standardsituationen, Vorhand-Topspin, Rückhand-Topspin, Rückhand-Slice und vielleicht noch zwei Service-Varianten. Er ist hoch motiviert und macht alles richtig

Wie uns unsere Tennistheoretiker aber sagen, werden im Wettkampf Situationen und Schlaganforderungen akut, die sich von diesen Standardschlägen manchmal weit entfernen.

  • Ein Half-Volley, gerade noch erreicht, der allein durch den Rückprall aufgrund der Schlägermasse über das Netz geht.
  • Ein gerade noch erreichter Rückhand-Slice, flach oder als Lob, der nur noch aus dem Handgelenk seine Fahrt bezieht.
  • Ein extremer Vorhand-Topspin-Cross, der gefühlvoll aus dem Feld gespielt werden soll,
  • ein Volley-Stop, der alle Fahrt aus dem Ball nehmen muss,
  • ein Stop-Return, der aus dem Lauf longline an die Grundlinie gespielt wird.

um nur einige Situationen zu nennen.

Jeder Schläger reagiert in diesen Situationen spezifisch anders. Der Longbody mit leichtem Kopf, aber langem Schlägerschaft, hat zwar das gleiche swing-weight im Vergleich zum kürzeren Schläger mit schwererem Schlägerkopf. Hält man den Long-Body aber nur hin, bleibt der Ball mangels Masse am Schläger kleben. Beim kurzen Schläger hätte das Hinhalten ausgereicht, den Ball über das Netz zu bekommen. Umgekehrt macht der Long-Body den Grundlinienball sehr schnell, den Aufschlag ebenfalls und am Netz bekommt man noch Bälle, die sonst vorbei segeln würden.

Das könnte man seitenlang ausführen. Es handelt also um ein Schlägerkennfeld, das zu beherrschen der Körper einige Zeit benötigt. Eine Saison ist das Mindeste, was man braucht – es sei denn, der neue Schläger ähnelt dem alten in den meisten Punkten.

Vielleicht erklärt dies den Erfolg des beinahe stoischen Spielers, der auf sein altes Schätzchen (und drei Jahr alter Saite) partout nicht verzichten will.

Es ist auch von Weltklassespieler mit umlackierten Schlägern berichtet worden, die trotz neuen Werbevertrages, nur mit ihrem gewohnten Schlaggerät arbeiten wollten.

Dies zeigt eindringlich, dass ein Schläger nicht allein aus dem Zusammenspiel von Schlägergewicht, Schlagstil und Ballbeschleunigung zu bewerten ist. Ballbeschleunigung ist nur ein Aspekt im Spiel und in der Beurteilung der Eignung eines Schlägers.

Resümee
Ein neuer Schläger macht meistens beim Einschlagen in den ersten zwei Tagen „besser“ (Motivationseffekt). Dann folgt eine überraschende und meist enttäuschende längere Lernphase. Das kann, je nachdem, wie sich der neue Schläger vom Alten unterscheidet, ein halbes Jahr dauern – schließlich wollte man mit einem neuen Schläger gravierende Verbesserungen erzielen.

Wenn es auf die augenblickliche Spielstärke nicht so sehr ankommt, sollte man zwischendurch ständig den Schläger wechseln. In ein paar Jahren sollte sich Kompetenz und Variabilität des Spielers steigern. Durch gravierenden Schlägerwechsel ergibt sich sogar die Chance, Verbesserungspotentiale am eigenen Schlagstil zu entdecken, die vorher nicht ersichtlich waren, z.B. des verstärkten Einsatzes der Vorhandpeitsche bei sehr leichtem Schläger. Diese Verbesserungen bringen dann einen Vorteil: die Spielstärke wird zwar nicht sofort, aber mittelfristig angehoben. Einen Überblick über die im Spitzenbereich gespielten Saiten findet man hier… bzw. hier… Interessant sind die Hinweise auf Spieler, die trotz gegenteiligen Werbevertrages die „falschen“ Schläger spielen. Eine Bestätigung für unsere Einschätzung in Bezug auf das Kennfeld der Tennisschlägers und die daraus resultierende Beharrung des Spielers bezüglich des Schlägers, auf den er sich programmiert hat.

 

© Dr. Holger Hillmer

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