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Ausholen zur Vorhandpeitsche

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Lange haben wir gezögert, einen Beitrag zum „richtigen Ausholen“ bei der Vorhand zu erstellen. Die Ausholbewegung von Djokovic, die in ähnlicher Ausprägung inzwischen von vielen Spitzenspielern gespielt wird, gibt hier das Muster für unsere Beschreibung ab. Sie ist wegen ihrer Einfachheit und Klarheit in vieler Hinsicht als optimale Startposition für eine Vorhandpeitsche zu werten.

 

Alle anderen, flacher geführten Ausholbewegungen, beispielsweise von Roddick, sind wegen der maximalen kurzzeitigen Vorspannung (Loadingvorgänge) m.E. zeitkritischer und daher fehleranfälliger. Die Ausholbewegung nach Djokovic erlaubt hingegen auch auf einen sehr flachen Slice einen sehr harten flachen Vorhand-Topspin zu schlagen.

Auch große Spieler setzten dies ein. In Düsseldorf war dies bei Sam Querrey (USA) und Jeremy Chardy (FR) zu sehen. Auch Andreas Beck, ein junger deutscher Spieler, der für den Rochus-Club Düsseldorf spielt, verwendet diese Ausholbewegung. Bei ihm fiel mir auf, dass er eine kurze Verweilphase einlegt, bevor die dann schnell und rund gepeitschte Vorhand folgt. Mittlerweile kann man viele Junge Spitzenspieler mit diesen Schlägen sehen. Bei den Deutschen Philipp Petzschner, oder beim Kasachen Mikhail Kukushkin, siehe auch unseren Beitrag Zeigen die Jungstars neue Strokes? Siehe zum Umlernen die radikalere Version im Abschnitt „Trick zum Umlernen“, weiter unten.

Philipp Petzschner
(4.16)

 

Nadal vs. Mikhail Kukushkin
(1.43)

 

Andy Murray vs. Mikhail Kukushkin

 

Die Ausholbewegung ist viel zu extrem? Nein, es geht noch viel steiler!

Dies ist Nicole Vaidišová, eine absolute Tennisbegabung, die aber leider vor kurzem die Tennisszene verlassen hat (keine Motivation mehr). Jedenfalls hat sie mit 15Jahren ihr erstes ATP-Turnier gewonnen. Bei ihr bildet der Schläger, nachdem der linke Arm sich löst (opposite-arm-action) ein Dach über/neben dem Kopf. Der Oberarm ist stärker angehoben, das Ellbogengelenk stärker gebeugt, als bei Djokovic. Der Schläger ist fast wie ein Dach über dem Kopf gehalten.
Dadurch wird noch intensiver das Loading vorbereitet. Zu Vaidišová, siehe hier…  Die ganze Bewegung ist im USTA-Portal anzuschauen.

In vielen Bildern auf dieser Website ist die Ausgangsstellung von Djokovic gezeigt: die Rückseite des Saitenbettes zeigt in der Phase des nach hinten sich bewegenden Schlägers in Richtung des ankommenden Balles.

Trick zum Umlernen
Aus der gründlichen Beschäftigung mit dem Motorischen Lernen wissen wir, dass ein neues Muster am besten umgelernt wird,

  • wenn es möglich weit entfernt ist, vom alten Bewegungsmuster.
    Außerdem, auch dass haben wir in unserem Beitrag Umlernen gezeigt, lernt es sich leichter,
  • wenn man die Bewegung bei der Ausführung selbst sieht.

Dies ist bei der modernen Vorhand glücklicherweise durch eine kleine Modifikation leicht möglich so einzurichten.

Es bietet sich an, die Ausholbewegung noch ein klein wenig radikaler umzustellen. Denn da man den Schläger neben dem Ohr nicht sieht, ist es günstig, den Schlägerkopf unmittelbar nach dem vorhergehenden Schlag zunächst flach vor das Gesicht zu bringen, und durch die Bespannung, oder direkt neben dem Schlägerherz oder Schlägerkopf zum Gegner bzw. zum ankommenden Ball zu schauen. Von da aus wird der Schläger dann neben das rechte Ohr gebracht, die eigentliche Vorbereitungsstellung.

 Wir haben es selbst ausprobiert, weil wir im Winter feststellen mussten, dass unsere Ausholbewegung sich selbst im Schlagtraining immer wieder ausgeschliffen hatte bzw. die beabsichtigte Bewegungsbahn (mangels visueller Kontrolle) nicht eingehalten wurde.

Mit unserem Clubtrainer habe ich über diesen Trick gesprochen. zu meiner Überraschung war er ihm schon bekannt: er lässt seine Kinder genau so die Ausholbewegung einleiten. Einerseits bin ich enttäuscht, doch nicht so kreativ zu sein, andererseits erleichtert, dass dieser Trick kein Außenseitertipp ist.

 

Mit diesem kleinen Lerntrick, bei dem der Kontrollpunkt aus dem toten Winkel von der Seite in den Blickbereich verlegt wird, gelingt dies problemlos!

Diese Bewegung befindet sich dabei durchaus im Rahmen der von Spitzenspielern praktizierten Schlagmuster, wie die nachfolgenden beiden YouTube-Clips zeigen (Die Links zu den Filmclips sind unter den Bildern).
Da der Schläger bei vor der Brust plazierten Hand eine natürliche Neigung nach links hat (siehe die hier gezeigten Clips), kann man bei der Vorhand auch etwas rechts an Schlägerkopf vorbei blicken.

 Test (Neulernen) mit einem Anfänger
Da ich selbst nicht als Trainer tätig bin, beschäftigte mich die Frage, ob man bereits beim Anfänger mit der o.g. Ausgangsstellung eine Spielkompetenz aufbauen kann. Einer unserer Trainer, Ralf Otto, hat dies bei der Rückhand bereits erfolgreich exerziert, allerdings nicht ganz so streng, wie ich mir dies nun bei der Vorhand vorstellte. Vor einigen Tagen hatte ich nun das Glück, dass ein etwa 26 Jähriger, der noch nie Tennis gespielt hat, erfahren wollte, ob ihm Tennis wohl zusagen könnte. Er hat gute athletische Vorraussetzungen und brachte überdies vom Tischtennis ein gutes Auge mit.

Man konnte sofort sehen, dass seine Hand sehr rasch in Klappreflexe (vom Tischtennis her) ging. Überhaupt da war kein tennistypisches Bewegungsreservoir zu entdecken. Dies lässt normalerweise erhebliche Schwierigkeiten beim Erlernen einer guten Vorhandtechnik erwarten. Vor Allem neigte der Spieler dazu, wie fast alle Tennisanfänger (Erbmotorik), den Schläger sofort nach unten in die Ballflugbahn zu bringen.

Ich baute ihn also in der Nähe der T-Linie auf und zeigte ihm die Ausgangsstellung (Djokovic). Die opposite-arm-action gleich mit zu üben, erwies sich zunächst als zu kompliziert, deshalb wurde der linke Arm bereits als zum ankommenden Ball zeigend, ausgerichtet.
Erst wenn diese Situation gefunden war, bekam der Spieler von mir jeweils einen Ball zugespielt. Wie von mir vermutet, kam es trotz der ungewohnten und eher aufwändigen Ausholbewegung sehr schnell zum zuverlässigen Treffen des Balles (Selbstorganisation). Selbst das Heranziehen des linken Armes (Opposite-Arm-Action) zur Unterstützung des Schlages klappte innerhalb von 15 Minuten recht zuverlässig. Ein zu frühes Absenken des Schlägerkopfes vor der Hüfte (dadurch entstand eine Art Pendelbewegung) musste per Anweisung korrigiert werden.
Der Hinweis, den Schläger erst hinter der rechten Gesäßhälfte abzusenken erwies sich nach wenigen Versuchen als erfolgreich und brachte beim Spieler ein AHA- Erlebnis. Der Anfänger traf nun mit fast professionellem Schlagstil den mit voller Kraft geschlagenen Ball, der in der Regel (ca. 40%) mit gutem Topspin im Feld landete. Der Spieler fühlte sich entspannt und war sehr begeistert. Die Einheit dauerte 40 Minuten. Dieses Ergebnis trifft sich mit der Einschätzung des berühmten US-Trainers Vic Braden, der behauptet, dass der Grundschlag aus komfortabler Situation heraus innerhalb von 15 Minuten zu erlernen ist. Die Schwierigkeiten entstehen erst, wenn der Ball lang und schnell sowie im Wechsel Vorhand/Rückhand kommt. Jedoch, baut man die Schläge ohne Stress auf und entwickelt sie langsam in hinsichtlich komplexerer Situtationen aus, vermeidet man das unsägliche Umlernen.

Test (Umlernen) mit einer Turnierspielerin
Ein ähnliches Experiment habe ich kürzlich mit einer schon sehr fortgeschrittenen Turnierspielerin wiederholt (Zur Problematik des Umlernens siehe unseren gleichnamigen Beitrag). Auch hier war die Djokovic-Vorhand innerhalb von 40 Minuten da, sogar zum Ende der Stunde bei Wechsel Rückhand zu Vorhand (nach Zufall) und einschließlich der opposite-arm-action.

Zwei kleine Experiment können nicht eine komplette kontrollierte Versuchsreihe ersetzten. Jedoch werte ich das Ergebnis als Hinweis, dass hier ein schneller Einstieg in eine optimale modernen Schlagtechnik grundsätzlich möglich ist. Wie ich meine, in Abkehr von den sonst üblichen mehrfachen Umlernprozessen eines herkömmlichen Trainings. Diese – zu validierende – Erfahrung konkurriert mit dem Ansatz des Wettkampflernens. Hier sollte ein hybrides Lernkonzept aufgebaut werden. Dies widerspricht auch nicht dem Ansatz von Jan Hasper zum Wettkampflernen.

Erfahrungen mit der eigenen Umstellung

Nachdem ich in den letzten Monaten die Vorhand-Peitsche mit zunehmendem Erfolg selbst einübe, erinnerte ich mich, dass ich Ähnliches in meinen (Tennis-) Anfängen bereits schon versucht hatte. Wegen anderer Ausholbewegung des Schlägerkopfes (untenrum) führte dieser Ansatz jedoch wegen der völlig verschiedenen Biomechanik regelmäßig zu unkontrollierten Schlägen und wurde damals von mir aufgegeben. Heute, bei einer Ausholbewegung, nach Djokovic ist diese Fehlerhäufigkeit nicht mehr mit der Peitsche verbunden. Im Gegenteil, es entsteht bei mir der Eindruck einer quasi inhärenten Sicherheit, bei der sich Abweichungen z.T. selbst kompensieren. Sogar meine Empfindlichkeit gegenüber rutschigem Griffband ist ganz erheblich zurückgegangen, was ich auf geringere erforderliche Korrekturkräfte der Hand in Umfangsrichtung des Schlägergriffes zurückführe. Beide Effekte konnte ich noch verstärken, indem ich nun den Schlägergriff bewusst sehr kurz greife, so, dass Unterarm und Schlägerstil einen rechten Winkel bilden. Schaut man sich Darstellungen zum richtigen Schlägergriff an (Eastern, Western usw.) wird dort immer ein extremer Langgriff gezeigt. Nur der extreme Kurzgriff aber entkoppelt die Pronationsbewegung des Unterarmes von der Richtunggebenden Stellung der Unterarmachse. Beim Langgriff hingegen „verstellt“ die Pronation den Schlägerwinkel. Deshalb ist man in der Peitschenbewegung gehemmt, weil man unweigerlich mit der Pronation „mitlenkt“.

Für die Ingenieure unter meinen Besuchern: dieser Schlagstil erinnert mich an das Prinzip der Verbundlenkerachse, bei der alle wichtigen Freiheitsgrade durch die konstruktiv gegebenen Elastizitäten voreingestellt sind. Nachteil dieser Voreinstellungen – Abweichungen von diesem Einheitsschlag können nicht mehr so leicht erzeugt werden, auch, wenn man es möchte.

Siehe auch die Beiträge „Die moderne Vorhand“ , Langsamen Ball schnell machen.

 

© Dr. Holger Hillmer

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